Rezensionen | Sachbuch

[Buchvorstellung] 40 Tage Georgien – CONSTANZE JOHN

22. Oktober 2018

#255 Rezension


Buchbeschreibung

„Italien des Ostens“, „Balkon Europas“.

Seit ihrer Unabhängigkeit 1991 hat sich die Kaukasus-Republik Georgien viele Namen gemacht. Doch welches Land verbirgt sich hinter den Etiketten? Und welche verborgenen Reize hält es für den aufgeschlossenen Reisenden aus dem Westen bereit? Constanze John erkundet Georgien von seiner Hauptstadt Tiflis aus in alle Himmelsrichtungen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder auch mal zu Fuß. Sie reist zu Klöstern und Kathedralen, sucht das Gespräch mit alteingesessenen Einheimischen und einer Schulklasse in Tbilisi. Und auch die kleine Stadt Gori spart John auf ihrer Reise nicht aus, den Geburtsort Stalins. Eine Reise auf der Suche nach der Seele Georgiens.


Meine Meinung

Ich hatte mich sehr auf das Buch gefreut. Wollte ich doch das Land literarisch erkunden, bevor es zu Gast auf der Frankfurter Buchmesse 2018 ist. Leider hatte das dann nicht geklappt. Und zum einen lag das am Schreibstil der Autorin.

Etwas distanziert und recht kühl berichtet Constanze John von ihren Ausflügen und Begegnungen. Auch wenn sie ab und zu in die Situation kommt, den einen oder anderen Menschen einfach so auf der Straße zu umarmen und diese Gestik mehr aussagt als wenn man sich sprachlich verstehen würde, kommen selbst diese Umarmungen im Buch nicht voller Emotionen rüber.

In vielen längeren aber auch sehr vielen ziemlich kurzen Unterkapiteln wird vieles einfach nur angeschnitten und hing dann für mich ganz zusammenhangslos in der Luft, sodass ich mich oftmals fragte, wozu uns das erzählt worden ist. Wäre es unerwähnt geblieben, hätte auch nichts gefehlt.

Nachdem ich das Buch beendet hatte, konnte ich meine Unzufriedenheit erstmal nicht genau greifen. Und dann wurde es mir doch plötzlich bewusst, was mir die ganze Zeit gefehlt hat: die Begegnungen mit einfachen Menschen.

Die ganze Reise über begegnet Frau John Malern, Schriftstellern und anderen Künstlern. Lehrern, Übersetzern, Anwälten und Historikern, Botschaftern, studierten Betriebswirtschaftlern und so weiter. Viele dieser Menschen kennen Deutschland. Entweder haben sie (entfernte) deutsche Wurzeln oder sie hatten mal eine zeitlang in Deutschland gelebt, gearbeitet, studiert oder alles zusammen. Die Älteren sind wieder zurück nach Georgien gegangen, die etwas Jüngeren pendeln noch zwischen Deutschland und der eigentlichen Heimat Georgien.

Diese Menschen schaffen für die Autorin immer weitere Kontakte zu anderen und so verabredet und reist Frau John von Ort zu Ort und macht immer wieder Halt bei dem einen oder anderen. Sie besucht Museen, interviewt Museumsdirektoren, ist auf Festivals und Weinfesten zu finden und kehrt gefühlt in jede Kirche in Georgien ein, die es gibt.

Hin und wieder erfährt man von den Kriegen, den Problemen und den Konflikten mit den Autonomen Republiken Abchasien und Adscharien und Südossetien. Doch bleibt dies alles sehr oberfächlich. Hier hätte ich sehr gerne sehr viel mehr erfahren. Insbesondere aus Gesprächen mit den Betroffenen. Wie es ihnen geht, wie sie die Flucht erlebt hatten, wie sie aufgenommen worden sind? Ob sie Zukunftspläne haben oder nur ums Überleben kämpfen?

In diesem Zusammenhang fehlten mir somit auch die Gespräche mit den Bürgerlichen, den Georgiern, die nicht zu den oben genannten Berufsschichten gehören. Wie empfinden Arbeiter, Bäcker und z.B. Verkäufer das heutige Georgien. War es für sie damals leichter oder fühlen sie sich auch “befreit” und bereit für Neues?

Da man in Georgien an Stalin nicht vorbeikommt, besuchte die Autorin auch Stalins Geburtsort Gori. Hier hat mir sehr gut gefallen, was Constanze John so alles erfahren und aufgeschrieben hat.

Ein Reisebericht lebt auch durch die Bilder, die das Land im Buch zeigen. Hier hätte ich mir farbliche Bilder gewünscht. Diese hätten das Buch freundlicher gestaltet. Wenn es dem Text schon etwas an Wärme fehlt, hätten hier die bunten Fotos das Fehlende ein bisschen überbrücken können.

Abgesehen von meiner Kritik, zeigt Constanze John dem Leser ein Georgien, das sie in der Zeit erlebt hat: Offene und sehr aufgeschlossene Menschen, die selbst heute noch sehr traditionsbewusst sind. Sehr gastfreundliche Menschen, die gerne feiern und dabei Trinksprüche, verwenden die bei einer Supra fast die gleiche Stufe von Gebeten haben. Große und kleine Supras wurden für die Autorin veranstaltet. Man erkennt sehr gut, wie wichtig die Supras für Georgier sind.
Mit Englisch, Deutsch und Russisch ist sie überall sehr gut durchgekommen. Wer nicht gerne in Hotels bucht wird sich freuen, dass Constanze John überwiegend in privaten Unterkünften gebucht hatte und diese sehr empfehlen kann.


Fazit

Ein interessantes Buch, dem es für mich etwas an Tiefe gefehlt hat. Wer ein bisschen über die georgische Sprache, über Akademikerkreise erfahren möchte und sich für Georgiens religiöse Seite interessiert, ist bei diesem Buch absolut richtig. Wer es zusätzlich noch etwas politischer mag, sollte sich für diese Ergänzung noch weitere Lektüre suchen.

Weitere Rezensionen

Weitere Recherche

Beitrag zu “Supra” aus Wikivoyage.

Beitrag zu “Georgien” aus Wikipedia.

Bericht “Kinderbräute in Georgien” aus Spiegel vom 21.10.2018.

Beitrag zu Reiseführer Georgien auf Wikovoyage.

Beitrag “Land & Leute Georgien” aus GEORGIA INSIGHT Reisen,

Beitrag “Kaukasuskrieg 2008” aus Wikipedia.

Bericht “Zehn Jahre nach Georgien-Krieg: Was vom Kriege blieb” aus Tagesschau vom 07.08.2018.

– Beiträge zu Abchasien, Adscharien und Südossetien auf Wikipedia.

Beitrag zu “Georgische Sprache” auf Wikipedia.

Beitrag zu “Georgisches Alphabet” auf Wikipedia.

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Ich danke dem DuMont Reiseverlag, der mir freundlicherweise das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

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  1. Liebe Monerl,

    Du hattest ja schon viel erzählt. Einfach sehr schade. Es hätte mich auch interessiert, aber ich denke nach Deiner Rezension, dass es nichts für mich ist.

    Liebe Grüße
    Petrissa
    (Nächstes Jahr ist Norwegen Gastland auf der Buchmesse. Ich freu mich schon mega darauf!!) ♥

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