Historisch | Rezensionen

[Buchvorstellung] – Abschied von Sidonie – ERICH HACKL

25. Februar 2018

5 von 5 Sternen

Buchbeschreibung:

Am achtzehnten August 1933 entdeckte der Pförtner des Krankenhauses von Steyr ein schlafendes Kind. Neben dem Säugling, der in Lumpen gewickelt war, lag ein Stück Papier, auf dem mit ungelenker Schrift geschrieben stand: »Ich heiße Sidonie Adlersburg und bin geboren auf der Straße nach Altheim. Bitte um Eltern.«

 ___________________________________________ 

 

Ganz außerplanmäßig habe ich dieses Buch gelesen, denn ich hatte gestern spontan entschieden, an der Lesenacht des Blogs Ge(h)schichten mitzumachen. Ich wollte dafür aber ein Buch wählen, dass ich im Rahmen der Lesenacht oder kurz danach auslesen konnte. So fiel meine Entscheidung auf “Abschied von Sidonie”.

___________________________________________

 

Dieses Buch nimmt einen mit, obwohl es in recht kühlem und distanziertem Schreibstil verfasst wurde. “Abschied von Sidonie” ist eine Erzählung, die auf einer wahren Geschichte basiert. Und dass es sich dabei noch um ein Kind handelt, schmerzt mich umso mehr.

So viel Glück im Unglück hatte das kleine, dunkle Mädchen, dass durch einen Zettel um Eltern bat. Von der eigenen Mutter vor einem Krankenhaus zurückgelassen, bekam es mit Hans und Josefa Breirather die besten Eltern, die es sich hätte wünschen können. Zudem einen Bruder und eine Schwester dazu. Alles hätte so schön weiter gehen können, wären nicht die dunklen Zeiten des Zweiten Weltkriegs gekommen und hätten Hitler und seine Nazionalsozialisten nicht bis nach Österreich gegriffen. Sie streckten ihre Arme nach einem Roma-Mädchen aus, trennten es von seiner Familie, um es angeblich endlich der echten Mutter, die letztendlich ausfindig gemacht werden konnte, zu übergeben.

Und immer noch bestand die klitze kleine Möglichkeit das aufkommende Unglück in Glück zu verwandeln, wären da nicht ein schwacher Bürgermeister gewesen, ein überkorrekter Lehrer und Jugendamtmitarbeiter, die keine Empathie zeigen wollten. Und so nahm das Unausweichliche seinen Lauf und es kam dazu, wie es kommen musste. Menschen schauten dort weg, wo sie hätten hinschauen müssen. Menschen stellten sich blind, wo sie hätten die Augen öffnen sollen. Menschen stellten sich unwissend, wo sie hätten ahnen können. Ein 10jähriges Mädchen, die aufgeschlossene, fröhliche, freundliche und liebevolle Sidonie verlor ihre Zukunft.

“Ein Kind gehört zu seiner Mutter, sagte er, das ist immer besser, und außerdem: wer weiß, was die Zukunft bringt. Heiraten darf es nicht, kriegt es Kinder, fallen die nur der Gemeinde oder der Fürsorge zur Last, und eine Zigeunerin bleibt immer eine Zigeunerin, da kann man machen, was man will. Bei ihrer Mutter, da ist sie unter ihren Artgenossen, merkt keine Unterschiede und lebt sich ein.” (Seite 93)

 

Im letzten Kapitel fasst der Autor nochmals kurz und direkt Sidonies Geschichte zusammen und zeigt auf, was mit nur ein bisschen Mut, gutem Willen und Empathie hätte verhindert und gleichzeitig geschenkt werden können.

Fazit:
Der Autor Erich Hackl erinnert an ein trauriges Schicksal, wie es damals viele gab. Und doch ist jedes einzelne wichtig. Er gab Sidonie eine bleibende Erinnerung, wenn schon ihr alles andere versagt worden ist. Eine Geschichte, die berührt, umso mehr, da sie keinen Herzsschmerz erzeugen will und das genau deswegen aber schafft. Ein dünnes aber sehr eindringliches Buch von Liebe über alle Grenzen hinweg. Und über das Böse, das Grauen, das fähig ist alles das zu vernichten. Doch wir werden NICHT vergessen!

Weitere Rezensionen:
+ Lesefreude

Ich bin im Internet über die Seite Inhaltsangaben zu Literaturklassikern gestolpert. Hier gibt es eine sehr schöne Zusammenfassung von “Abschied von Sidonie“, ergänzt um die eine oder andere Erklärung und Hinweisen. Empfehlenswert, wenn man das Buch bereits gelesen hat oder es nicht lesen aber alles darüber erfahren möchte.

 

Und hier noch ein kleiner Ausschnitt des Films, dessen Drehbuch der Autor Erich Hackl geschrieben hat. Verfilmung 1990. (Zugszene von S. 100 im Buch)

 

___________________________________________
© Diogenes Verlag
ISBN: 9783257224283
Loading Likes...

Only registered users can comment.

  1. Hallo Monerl, der Titel und Deine Rezension dazu hat so einiges an Erinnerung bei mir geweckt. Als Kind hat mich eine Kurzgeschichte von Wolfdietrich Schnurre zu diesem Thema sehr beeindruckt . *Jenö war mein Freund* . Kennst Du Sie?LG Angela

    1. Liebe Angela,nein, diese Kurzgeschichte kenne ich nicht. Ich lese auch eigentlich keine Kurzgeschichten, deshalb ist das nicht verwunderlich, dass ich sie nicht kenne. Ich werde trotzdem mal gleich danach schauen. Wenn dich Sidonie daran erinnert hat, ist sie sicherlich sehr lesenswert!GlG, monerl

  2. Hallo monerl!Ich freue mich, dass dieses herrlich berührende Buch nun endlich mehr Aufmerksamkeit bekommt.Ich weiß noch als ich die letzte Seite gelesen habe und mein Freund mir direkt eine belanglose Frage stellt. Ich war nicht in der Lage zu Antworten und mit meinen Gedanken weit weg. Nur wenige Tage zuvor stand ich auf dem Platz an dem Sidonie am Ende des Buches stand und in die Luft starrte. Die eigenen “Probleme“ erschienen plötzlich so klein. Es machte sich Wut in mir breit, dass niemand hingesehen hat. Es wäre so einfach gewesen…Liebe GrüßeSabrina

    1. Liebe Sabrina,ich bin sehr froh, das Buch bei dir entdeckt zu haben! Es ist ein wichtiges Buch gegen das Vergessen der Gräueltaten, die auch den Sinti / Roma angetan wurden! Ich wünsche mir für Sidonie auch, dass sie viel mehr Aufmerksamkeit bekommt.Es wäre wirklich so einfach gewesen. Es hat mich so bewegt, dass ihr großes Glück sich in so großes Unglück gewandelt hatte. :-(GlG, monerl

  3. Moin, liebes monerl,ich wurde immer mal wieder gefragt, ob ich mir vorstellen kann, dass so etwas noch einmal passiert. Pessimistisch wie ich bin, habe ich immer mit ja geantwortet. Ein wenig Hoffnung habe ich aber, sonst wäre das Lesen dieser Bücher unsinnig. Gestern bin ich auf diesen Beitrag gestoßen, das sagt schon vieles: Das Erste

    1. Liebe Anne,herzlichen Dank für den Link! Das ist ja grauenvoll, was da zutage gebracht wurde! Aber so ganz wundert es mich nicht. Man muss nur schauen, was gerade wieder passiert und man kann sich in etwa vorstellen, wie es damals war. :-(GlG, monerl

  4. Hallo monerl,so langsam sollte einen ja nichts mehr überraschen, und dennoch tut es das immer wieder. Ideologien höher bewerten als die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen, da sind wir als Gesellschaft leider immer ganz groß drin. Weiß man, was aus Sidonie wurde?LG, Daniela

    1. Liebe Daniela,ja, nichts sollte einen mehr überraschen! Sehr traurig aber doch wahr. Und es hört irgendwie nicht auf. Die Geschichte zeigt auf, wie schlimm wir es einmal hatten und schon wieder steuern wir darauf zu. :-(Ja, man weiß, was aus Sidonie wurde. Ich wollte es nicht oben ganz direkt schreiben, um nicht alles zu erzählen. Wenn du das Buch nicht lesen magst, dann schau in dem obigen Link der Seite -Inhaltsangaben zu Literatirklassikern-. Da kannst du die vollständige Inhaltsangabe von "Abschied von Sidonie" mit einem Klick erreichen. Oder du schaust bei WIKI. Die führen das Buch auch.GlG, monerl

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu