Rezensionen | Sachbuch

[Buchvorstellung] – Befreit – TARA WESTOVER

24. September 2018

#250 Rezension


Buchbeschreibung

Von den Bergen Idahos nach Cambridge – der unwahrscheinliche »Bildungsweg« der Tara Westover.

Tara Westover ist 17 Jahre alt, als sie zum ersten Mal eine Schulklasse betritt. Zehn Jahre später kann sie eine beeindruckende akademische Laufbahn vorweisen. Aufgewachsen im ländlichen Amerika, befreit sie sich aus einer ärmlichen, archaischen und von Paranoia und Gewalt geprägten Welt durch – Bildung, durch die Aneignung von Wissen, das ihr so lange vorenthalten worden war. Die Berge Idahos sind Taras Heimat, sie lebt als Kind im Einklang mit der grandiosen Natur, mit dem Wechsel der Jahreszeiten – und mit den Gesetzen, die ihr Vater aufstellt. Er ist ein fundamentalistischer Mormone, vom baldigen Ende der Welt überzeugt und voller Misstrauen gegenüber dem Staat, von dem er sich verfolgt sieht.

Tara und ihre Geschwister gehen nicht zur Schule, sie haben keine Geburtsurkunden, und ein Arzt wird selbst bei fürchterlichsten Verletzungen nicht gerufen. Und die kommen häufig vor, denn die Kinder müssen bei der schweren Arbeit auf Vaters Schrottplatz helfen, um über die Runden zu kommen. Taras Mutter, die einzige Hebamme in der Gegend, heilt die Wunden mit ihren Kräutern. Nichts ist dieser Welt ferner als Bildung. Und doch findet Tara die Kraft, sich auf die Aufnahmeprüfung fürs College vorzubereiten, auch wenn sie quasi bei null anfangen muss …

Wie Tara Westover sich aus dieser Welt befreit, überhaupt erst einmal ein Bewusstsein von sich selbst entwickelt, um den schmerzhaften Abnabelungsprozess von ihrer Familie bewältigen zu können, das beschreibt sie in diesem ergreifenden und wunderbar poetischen Buch.


Meine Meinung

Ich schließe die Buchdeckel und eine Gänsehaut bleibt. Es dauert noch eine kleine Weile bis ich sie abschütteln kann. Denn dieses Buch, diese Geschichte einer klugen und mutigen Frau kann ich nicht so leicht vergessen. Sie hat mich in ihren Bann gezogen und mich geprüft. Während des Lesens habe ich sehr oft das Buch zur Seite gelegt und nachgedacht.

Meine Fragen und Gedanken handeln von Familie, Loyalität, von Liebe und Vertrauen. Es geht aber auch um Erkenntnis, Selbstvertrauen, Heranreifen, Misshandlungen, Gewalt, Selbstschutz und Entscheidungen treffen. Von alledem erzählt uns die Autorin ganz privat aus ihrem Leben. Und es bleibt einem die Spucke weg, das kann ich versprechen!

Es war ein sehr langer und sehr schmerzhafter Weg, als Tara Westhover begriff, was ihr einst Dr. Kerry sagte:

“>>Sie dürfen nicht mehr so denken<<, sagte er, nun etwas lauter. >>Sie sind kein falsches Gold, das nur in einem bestimmten Licht glänzt. Was auch einmal aus Ihnen wird, was Sie auch aus sich machen, Sie sind es immer schon gewesen. Es war schon immer in Ihnen. Nicht in Cambridge. In Ihnen. Sie sind Gold, sind es schon immer gewesen, und eine Rückkehr an die BYU oder zu dem Berg, von dem Sie kommen, wird nicht verändern, was Sie sind. Vielleicht verändert es das Bild, das andere von Ihnen haben, vielleicht sogar das, was Sie selbst von sich haben – sogar Gold wird in einem bestimmten Licht trüb -, aber das ist die Illusion. Und war es schon immer.<<”  (S. 332)


Die Essenz dieser Autobiografie ist für mich die Frage, wie viel seelische und körperliche Misshandlung ein menschlicher Geist ertragen kann, bevor er bricht oder erkrankt, wie viel, wenn die Aggressoren aus dem ersten familiären Kreis stammen?

Es war sehr hart, die Antwort zu erlesen! Tara Westover nimmt uns in ihre Kindheit mit, mit auf den Berg, der ihr einst Sicherheit gab, mit in die Familie, die ihr den Glauben vermittelte und welche Kraft sie daraus ziehen sollte. Es wurde ihr eingebläut, wer und was gut und wer und was böse ist und welches Verhalten von ihr erwartet wurde, um im Kreise ihrer Familie ihren Platz zu erhalten.

Doch Tara bricht aus. Ihr Hunger nach mehr, den sie zu dem damaligen Zeitpunkt nicht in Worte fassen kann, macht sie anders, treibt sie aus ihrer Familie heraus und auf direktem Weg zur Schule. Nach und nach wird ihr bewusst, was ihr alles durch fehlende Schulbildung vorenthalten und wie klein ihre Welt gehalten wurde. Bildung eröffent ihr den Weg zu Wissen und zur Emanzipation. Ohne je eine richtige Schulbildung gehabt zu haben, beißt sie sich durch und erlangt schließlich mit siebenundzwanzig ihren Doktortitel in Geschichte. Heute ist sie Dr. Westover. Ich ziehe meinen Hut vor ihr, denn sie hat mehrmals die Hölle durchlaufen, sich mit Zweifeln rumgeplagt und es irgendwie geschafft, dass sie nicht an dem, das sie erlebt hatte, zerbrochen ist.

“Wir mussten doch dafür bezahlen, dachte ich. Mutter. Luke. Shawn. Wir hatten Prellungen, tiefe Wunden und Gehirnerschütterungen gehabt, unsere Beine hatten gebrannt, unsere Köpfe waren aufgeschlagen. Wir hatten im Alarmzustand gelebt, einer Art ständigem Terror, unsere Hirne wurden mit Cortisol überschwemmt, weil wir wussten, dass das alles jederzeit passieren konnte. Weil Dad immer den Glauben vor die Sicherheit stellte. Weil er sich immerfort im Recht wähnte – nach dem ersten Autounfall, nach dem zweiten, nach der Tonne, dem Feuer, der Palette. Und wir bezahlten dafür.” (S. 293)


Die Autorin erkannte in einer Vorlesung die Symtome, die auf ihren Vater zutrafen. Er hatte eine bipolare Störung. Endlich konnte sie greifen, warum all die Jahre viel Schreckliches in ihrer Familie passiert war. Doch eine “Heilung” gab es für ihn nicht, da er durch seinen fundamentalistischen Glauben alle Ärzte, Krankenhäuser und Medikamente ablehnte, die ihm helfen könnten.

In gut lesbarer und verständlicher Sprache bekommt der Leser hiermit ein Buch, das schwer zu ertragen ist. Es beruhigt mich zu wissen, dass Tara Westover es geschafft hat sich selbst zu finden und sich ein Leben aufzubauen, in dem sie sich und ihrem Umfeld vertraut, auch wenn das einen Bruch mit ihren Eltern und einigen Geschwistern nach sich gezogen hat. Manchmal muss man sich für eine Seite entscheiden und die andere loslassen, wenn man dazwischen nicht zerrissen werden möchte. Ich wünsche mir, dass die Autorin durch dieses Buch eine weitere Art der Verarbeitung gefunden hat, die ihr hilft, ihre Vergangenheit abzuschließen und weiter ihren Weg nach vorne zu gehen.


Fazit

Eine Autobiografie, wie man sie nicht jeden Tag liest. Sie schockiert, geht tief unter die Haut, macht wütend und traurig. Von mir gibt es das Prädikat absolut lesenswert! Es ist von Vorteil, wenn man sich daran erinnert, dass wir alle unterschiedlich sind und Verschiedenes erlebt haben. Es ist gut vor Augen vorgehalten zu bekommen, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat, manche mehr, manche sogar noch viel, viel mehr. Der erste Eindruck ist oft bleibend, doch oftmals auch täuschend. Es schadet nie sich Zeit zu nehmen und hinter die Kulissen zu schauen.


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Interview mit TARA WESTOVER aus The Guardian vom 17.02.2018 (Englisch)

Mormonentum aus Wikipedia



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Ich danke vorablesen und dem KiWi Verlag, die mir freundlicherweise das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

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  1. Hallo!

    Wow, was für eine großartige Besprechung zu dem Buch.
    Ich selber habe es ja gerade erst gelesen und kann jedes Wort unterschreiben.

    Ich bin auch sehr beeindruckt von dem Buch und der Frau.

    LG Anja

    1. Hallo Anja,
      ein tolles Buch und eine bewundernswerte Frau, gell! Ich hoffe, dass noch viele Leute das Buch lesen werden. Ich freue mich, dass dir meine Besprechung gefällt!
      GlG, monerl

  2. Hallo Monerl,

    dieses Buch hat mich umgehauen und das, obwohl ich sonst ziemlich nüchtern an solche Bücher heran und auch raus gehe. Hier jedoch denkt man noch einige Zeit nach der Lektüre über das Leben und Leiden der Autorin nach und die Kämpfe, die sie mit ihrer Familie durchzustehen hatte und wohl immer noch hat. Das ist alles so beeindruckend, dass man vor der Autorin nur den Hut ziehen kann Solche Beispiele braucht es viel öfter, auch wenn man niemanden diesen Lebensweg wünscht. Tolle Rezension.

    Liebe Grüße,

    findo

    1. Hey findo,
      als empathischer Mensch kann diese Autobiografie einen gar nicht kalt lassen. Dieses extreme Leben, das die Autorin hatte, ist glücklicherweise eher eine Seltenheit. Aber wie du sagst, es braucht mehr solcher Beispiele, um anderen Kraft zu geben, den eigenen Weg zu gehen, zu zeigen, dass es möglich ist, sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Danke für deinen schönen Kommentar!
      GlG, monerl

  3. Liebes Monerl,

    dieser Roman hat mich auch total umgehauen, das Schicksal der Familie mit dem kranken Vater ist gruselig zu lesen. Es ist für mich unfassbar, dass die Mutter nicht irgendwie Hilfe angefordert hat und sich immer auf die Seite des Vaters gestellt hat.

    Die Ansichten haben mich an Scientology und andere Sekten denken lassen. Schlimm, dass manche Menschen auf so etwas abfahren.

    LG Barbara

    1. Liebe Barbara,
      ach ja, du hast es auch gelesen! Werde mir deine Rezi auch gleich mal durchlesen. Die Mutter war für mich auch nicht greifbar. Die habe ich in meiner Rezi gar nicht erwähnt… Es war schrecklich lesen zu müssen, wie eine Mutter ihre Töchter fallen lässt, Augen verschließt, nicht hören will. Oftmals dachte ich, die Mutter ist gar nicht so religiös. Sie wusste den Vater zu nehmen und arrangierte sich mit ihm. Doch zum Schluss hin war es wirklich grausam zu erfahren, wie wenig sie Tara beistehen wollte. Dass sie sie nicht ohne den Vater treffen wollte, machte mich sprachlos!
      Jedweder religiöser Extremismus gleicht irgendwie den Sekten. Auch hier konnte man gut herauslesen, dass die übrigen Mormonen ganz anders und doch weltoffener waren, als ich sie mir eigentlich vorgestellt hatte.
      GlG, monerl

    1. Gerne, liebe Anne! Ein Buch, das hoffentlich sehr oft gelesen wird, damit Menschen anderen Menschen gegenüber sensibilisiert werden. Ein Buch, das toll aufzeigt, was Bildung alles bewirken kann. Aber auch, was alles machbar ist, wenn man es denn wirklich will! Viele Ziele sind erreichbar, auch wenn das Ganze unter keinem guten Stern steht.
      GlG, monerl

  4. Hi monerl,
    unfassbar, was Menschen heutzutage in einem Staat wie die USA durchstehen müssen.
    Die Biographie wandert auf meien Wunschliste, ich bin neugierig, wie die Autorin die Kraft findet, hinter die Kulissen ihrer Kindheit zu schauen und sich vom bipolaren Vater und den gestörten Familienstrukturen zu lösen (und wie diese überhaupt aussahen)
    LG
    Daniela

    1. Hi Daniela,
      das Buch hat mir tatsächlich unerschwellig Bauchschmerzen bereitet. Es ist so furchtbar, was die Autorin alles durchleben musste, welchen seelischen Schmerz sie immer und immer wieder ertragen hat. Und das alles in erster Linie, da sie das als Kind gelernte nicht hinterfragen konnte. Die Erziehung spielt eine viel, viel größere Rolle, als wir uns das vorstellen wollen. Tara Westover wuchs in einer echt kranken Familie auf.
      GlG, monerl

        1. Schrecklich nur, wenn das, was ein Kind in seiner Erziehung als normal erfahren hat, so gegensätzlich zu unserem Leben und dem Weltlichen ist, wenn es quasi nichts über die Geschichte und wichtige Ereignisse weiß, kann man es kaum fassen.

  5. Liebe Monerl,
    Wow, was du über diese Geschichte schreibst klingt unglaublich gut. Vielen Dank für deine intensiven und persönlichen Eindrücke. Du hast mich sehr, sehr neugierig auf das Buch gemacht und ich bin froh, dass es schon auf meinem SuB liegt.
    Liebe Grüße, Julia

    1. Liebe Julia,
      sehr gut, wenn das Buch bereits auf deinem SuB liegt! Aber es ist so, wie Jacquy weiter unten sagt, keine leichte Kost. Dieses Buch machte mich an vielen Stellen sprachlos und ich wollte nicht glauben, vor was Eltern alles die Augen verschließen. Die Autorin hat viel Gewalt erleben und erleiden müssen und das machte mich sehr traurig. Umso erfreuter bin ich, dass sie ihren Weg gehen konnte. Sie hat all das unvm. verdient. Gib mir Bescheid, wenn du es gelesen hast! Würde sehr gerne deine Rezi lesen.
      GlG, monerl

  6. Ich kann nur zustimmen, wirklich sehr lesenswert, aber keine leichte Kost. Ich fand es auch sehr schwer zu lesen, was die Autorin alles von Seiten ihrer Familie ertragen musste und vieles davon auch als normalen Umgang angesehen hat, weil sie es nicht anders kannte. Dadurch, dass es eine Biografie ist, kommt aber wirklich noch mal dieses Aufatmen am Ende, wenn man realisiert, dass sie das durchgestanden hat und jetzt ein anderes Leben führen kann.
    Schöne Rezension und danke für die Verlinkung!

    1. Liebe Jacquy,
      ja, du sagst es! Es war teilweise sehr hart und schmerzhaft zu lesen, was ihr so alles in diesen jungen Jahren passiert ist. Die Tatsache, dass sie erst gar nicht anders konnte, als das Ganze für richtig zu halten, hatte mich ziemlich fertig gemacht. Wie krass so eine “Gehirnwäsche” wirken kann, wenn sie von Geburt an stattfindet, kann man hier sehr paradebeispielhaft sehen! Es hat die Autorin viel Zeit und Nerven gekostet, das zu erkennen und zu überstehen und dann auch noch zu durchbrechen. Freut mich, dass dir meine Rezi gefällt. Hab dich sehr gerne verlinkt. 🙂
      GlG, monerl

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