GOLD
Graphic Novel / Comic / Bildband | Rezensionen

[Buchvorstellung Bildband] GOLD – Lélia Wanick Salgado, Sebastião Salgado

12. August 2019

#303 Rezension

Buchbeschreibung

Ein Jahrzehnt lang weckte die Serra Pelada Sehnsüchte nach dem legendären Goldland El Dorado. Sie wurde zur weltgrößten Freiluftmine, in der unter unmenschlichsten Bedingungen rund 50.000 Goldgräber arbeiteten. Heute ist Brasiliens Goldrausch nur noch Stoff für Legenden, am Leben erhalten nur durch die Fotografien von Sebastião Salgado, dessen Bilder dazu beitrugen, die Mine zu schließen. Das Buch enthält zum ersten Mal das gesamte Portfolio in Museums-Qualität. Es begeistert mit einer geradezu biblischen Qualität.

“Was hat dieses unspektakuläre gelbe Metall nur an sich, dass es die Menschen dazu bringt, ihre Heimat zu verlassen, all ihre Habe zu verkaufen und einen ganzen Kontinent zu durchqueren, um ihr Leben, ihre Knochen und ihre Gesundheit für einen Traum aufs Spiel zu setzen?” – Sebastião Salgado

 

Meine Meinung

Nicht nur Salgado war sprachlos, als er 1986 zum ersten Mal die Goldmine von Serra Pelada sah. Auch mir ging es so! Ich halte diesen Bildband in Händen, blättere durch die Seiten, staune, bin ungläubig und kann die Augen einfach nicht abwenden.

1979 wurde die Mine entdeckt und Männer jeglichen Alters und aller Bildungsschichten wurden vom Goldfieber gepackt. Sie pilgerten zur Mine, um den Versuch zu wagen schnell reich zu werden.

Die ersten Versuche Salgados die Mine zu besuchen wurden durch das brasilianische Militär verhindert. Saldago protestierte seinerzeit gegen die Militärdiktaur und musste deswegen nach Europa ins Exil.

Die Bekanntschaft eines väterlichen Freundes vor Ort eröffente ihm die Möglichkeit die Mine  für einen längere Zeitraum zu erkunden, in der all diese eindringlichen Fotografien entstanden sind.

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S. 21 Gold mine of Serra Pelada, State of Pará, Brazil, 1986 - © Sebastião Salgado
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S. 99 Gold mine of Serra Pelada, State of Pará, Brazil, 1986 - © Sebastião Salgado

Beim Anschauen der Bilder hat man im ersten Moment die Assoziation mit dem Bau der Pyramiden. Männer, knapp bekleidet und mit Erde und Schmutz getränkt schleppen Säcke von unten aus der Mine nach oben. Jeder Sack wiegt an die 40 kg und wird ohne technische Hilfsmittel über Leitern nach oben getragen. Doch diese Männer sind freiwillig hier! Aber auch sie sind Sklaven, Sklaven des Goldes.

“Gelegentlich entdeckte man eine Goldader auf einem Claim; dann wurden in der Grube aufgeregte Scheie laut. Unmittelbar danach begannen die Goldgräber, in fieberhafter Eile Erde in die Säcke zu schaufeln, die sie dann neben ihrem Claim auftürmten. Wenn es an der Zeit war, sie nach oben zu tragen, zogen die Arbeiter saubere, gestreifte Hemden an, sodass die Wächter sie leicht erkennen und ihre Lieferung vor Diebstahl schützen konnten.” (S. 13)

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S. 69 Gold mine of Serra Pelada, State of Pará, Brazil, 1986 - © Sebastião Salgado
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S. 79 Gold mine of Serra Pelada, State of Pará, Brazil, 1986 - © Sebastião Salgado

Spannenderweise erfährt der*die Leser*in auch einiges über Fotografie der 80er Jahre. Denn es war die Zeit der Farbfotografie, die Zeit der bunten Bilder. Salgado selbst, wie auch andere Fotografen, arbeitete an farbigen Fotostrecken. Solche farbigen Bilder der Goldmiene Serra Pelada gibt es zuhauf. Doch Salgado entschloss sich Schwarz-Weiß-Aufnahmen zu machen und das Ergebnis gibt ihm recht.

“Wenn ich durch das Objektiv sah, wusste ich, dass die Farben wichtiger sein würden als die Menschen, die ich fotografierte. Schwarz-Weiß sorgt für eine Abstraktion, denn in seinen Tönen und Schattierungen spürt man die Würde und Kraft der Menschen.” (S. 200)

 

Und genau das kann man in den Bildern sehen. Sie sind eindrucksvoll und grandios! Nichts lenkt das Auge ab. Man betrachtet die Bilder und erfasst die Weite der Mine, die Erschöpfung der Arbeiter aber auch die Strukturen, denen alle folgen. Denn es darf kein Chaos geben! Chaos stört den reibungslosen Ablauf, bringt Menschenleben in Gefahr und stielt kostbare Zeit, in der Gold gefunden werden könnte. Betrachtet man die Portraitsbilder ganz genau, erkennt man auch das Glänzen in den Augen der Arbeiter, dieses Goldfieber, diese Hoffnung das edle, gelbglänzende Metall zu finden, das aus einem Niemand einen Jemand machen kann.

 

Fazit

Dies ist ein ganz besonderes Buch in mehrfacher Hinsicht! Einerseits dokumentiert es das Zeitalter des Goldrauschs und die Kraft der Schwarz-Weiß-Fotografie. Andererseits zeigt es aber auch auf, was der Mensch aus Selbstsucht und Gier sich und der Natur antut. Serra Pelada ist heute geschlossen und übrig geblieben ist eine arme Region und ein riesiger, 200 Meter tiefer See.

Wer die Kraft und die Kunst des Bildes entdecken will und dabei noch etwas Historisches lernen möchte, der greift zu diesem wunderschönen Bildband, der sich auch sehr schön zum Verschenken eignet, denn der Beschenkte erhält ein großes, dickes und schweres Buch, das sich auf 208 Seiten durch hochwertiges Papier und Druck auszeichnet. Absolute Leseempfehlung!

 

Auszug aus Interview: Ein Gespräch zwischen Sebastião Salgado und Alan Riding

Das vollständige Interview kann auf der Seite des TASCHEN Verlag nachgelesen werden!

Vor einem geladenen Publikum setzte sich Sebastião Salgado kürzlich mit seinem alten Freund und früheren Korrespondenten der New York Times, Alan Riding, zusammen, um sein neues Buch GOLD zu besprechen, eine erschütternde Dokumentation über die Freiluftmine Serra Pelada in Norden Brasiliens, in der Zehntausende von Männern Leib und Leben für den Traum vom sofortigen Wohlstand riskierten.

AR: Sie haben diese Fotos 1986 aufgenommen, und einige wurden damals auch veröffentlicht. Warum haben Sie so lange mit der Publikation des Buches gewartet?
SS: Zunächst bin ich im Rahmen eines Fotoprojekts namens Workers zur Serra Pelada gereist. Meine Frau Lélia und ich hatten uns eine Geschichte über das Ende der ersten industriellen Revolution vorgestellt. Dafür habe ich sechs Jahre lang Männer und Frauen fotografiert, die noch mit den Händen arbeiteten. Die Mine war einer dieser Orte. Als ich dort ankam, arbeiteten ungefähr 52.000 Männer in einem Loch von der Größe zweier Fußballstadien und einer Tiefe von 100 Metern. Wir haben zehn oder fünfzehn Fotos von dieser Mine veröffentlicht, dann bin ich weitergereist. Nach der Arbeit an Workers habe ich ein weiteres Buch gemacht, Migrations. Und nach Migrations kam Genesis. Aber ich wusste immer, dass in dieser Goldmine eine größere Geschichte steckte. Vor drei Jahren, als ich aufgrund einer Knieverletzung sechs Monate nicht arbeiten konnte, nahm ich mir die Kontaktabzüge wieder vor. Da wurde mir klar, dass ich eine echte Geschichte hatte. Diese Bilder haben fast dreißig Jahre lang geschlafen, und ich habe sie aufgeweckt.

AR: Woher kamen all diese Leute?
SS: Von überall in Brasilien – Farm- und Fabrikarbeiter, Universitätsangehörige, Menschen aller Kultur- und Bildungsstufen. Sie alle waren für das Gold gekommen. Wenn Sie von dieser Krankheit namens Gold infiziert sind, kommen Sie nicht mehr davon los. Dazu eine Geschichte: 1979 arbeitete ich in Französisch-Guayana in einer verlassenen Goldmine. Diejenigen, die dort lebten, durften bis zur Schließung der Mine bleiben, aber niemand wurde mehr hereingelassen. Dort traf ich diesen alten Mann – er war über 85 und stammte aus Santa Lucia. Er war so arm, dass er nicht einmal eine Hose trug. Er sagte zu mir, er sei sich sicher, dass er hier bald Gold finden und zu seiner Frau und seinen Kindern nach Santa Lucia zurückkehren werde. Er hatte sie 1936 verlassen. Das macht Gold aus einem.

AR: Können Sie Ihren typischen Tag in Serra Pelada beschreiben?
SS: Wissen Sie, wenn jemand einen Film dreht, hat er ein fertiges Drehbuch und weiß in der Regel, was er jeden Tag zu tun hat. Als Fotograf ist Ihnen zwar klar, wohin Sie gehen, aber Sie wissen nicht, was Sie dort erwartet. Da sind wir völlig frei. Also ging ich mehrmals am Tag in der Mine rauf und runter. Problematisch war vor allem runter. Weil es steil und sehr rutschig war, funktionierte es am besten, wenn man lief. Stoppte man ab, bestand immer die Gefahr, dass man runter ins Loch rutschte. Vergessen Sie nicht, ich war damals jung. Jetzt bin ich 75 Jahre alt!

 

Über Sebastião Salgado

Sebastião Ribeiro Salgado, geboren am 8. Februar 1944 in Aimorés im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais, wuchs auf einer großen Rinderfarm im Regenwaldgebiet auf und studierte später Wirtschaftswissenschaften. Während der brasilianischen Militärdiktatur engagierte er sich in der linken Oppositionsbewegung, weswegen er 1969 nach Paris emigrieren musste. Ab 1971 betreute Sebastião Salgado als Ökonom Entwicklungshilfeprojekte in Afrika. Hier entdeckte er seine Leidenschaft für die Fotografie und entschied sich 1973, seinen Beruf aufzugeben und ganz als Fotograf zu arbeiten.

Sebastião Salgado erhält am 20. Oktober in der Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

In der Begründung des Stiftungsrats heißt es:

„Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein 2019 an den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado und zeichnet mit ihm einen Bildkünstler aus, der mit seinen Fotografien soziale Gerechtigkeit und Frieden fordert und der weltweit geführten Debatte um Natur- und Klimaschutz Dringlichkeit verleiht. Zugleich hat Sebastião Salgado mit seinem ,Instituto Terra‘ eine Einrichtung geschaffen, die einen direkten Beitrag zur Wiederbelebung von Biodiversität und Ökosystemen leistet.

Mit seinem fotografischen Werk, das in zahlreichen Ausstellungen und Büchern veröffentlicht ist, nimmt er die durch Kriege oder Klimakatastrophen entwurzelten Menschen genauso in den Fokus wie jene, die traditionell in ihrer natürlichen Umwelt verwurzelt sind. Dadurch gelingt es Sebastião Salgado, Menschen weltweit für das Schicksal von Arbeitern und Migranten und für die Lebensbedingungen indigener Völker zu sensibilisieren.

Indem der Fotograf seine aufrüttelnden, konsequent in schwarz-weiß gehaltenen Bilder als ,Hommage an die Größe der Natur‘ beschreibt und die geschändete Erde ebenso sichtbar macht wie ihre fragile Schönheit, gibt Sebastião Salgado uns die Chance, die Erde als das zu begreifen, was sie ist: als einen Lebensraum, der uns nicht allein gehört und den es unbedingt zu bewahren gilt.“

 

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Journeyman Pictures / Am 08.08.2016 veröffentlicht
Serra Pelada: The Gold Rush that consumed a mountain and thousands of lives

 

 

Mit diesem Buch mache ich mit bei der Linkparty August von Andreas Lesezimmer.

 


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