Rezensionen | Sachbuch

[Buchvorstellung] Das Lächeln der Vergangenheit – BIRGIT WEIDT

3. August 2018

#242 Rezension


Buchbeschreibung

Kurz bevor Birgit Weidts Großvater starb, vermachte er ihr eine Maske aus Holz, ein uraltes Geschenk aus Neukaledonien. Jahre später begibt sich die Berlinerin dort auf die Suche nach den Geschichten hinter ihrem „Schutzengel“. Auf dem Archipel am anderen Ende der Welt taucht sie ein in die fremde, indigene Welt der Insulaner, die so gar nichts mit der ihrigen gemeinsam zu haben scheint. Eine Welt, in der Schamanen die Zukunft aus Palmblättern voraussagen, Kleider sich bei Regen in Luft auflösen und Häuptlinge senkrecht begraben werden, der Kopf aus der Erde ragend. Eine Welt, in der die Ahnen allgegenwärtig sind, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen anhand von Wurzeln erklärt werden und Frauen ihre Altersfalten tragen wie kostbaren Schmuck. Und erst als sie zurückgekehrt ist, bemerkt sie, wie ihre Reise ihren Blick auf die eigenen Ahnen und auf sich selbst verändert hat.


Meine Meinung

Birgit Weidt hatte Tramperglück! Das erste Auto, das anhielt und ihr anbot sie mitzunehmen, gehörte dem Häuptling des Stammes in Couli bei La Foa; es war Häuptling Bergé. Diese Begegnung war der erste und wichtigste Schritt, um Neukaledonien, eine Insel im südlichen Pazifik, von ihrer ursprünglichen Seite erkunden und erleben zu dürfen.

Was nun folgte, machte mich regelrecht neidisch! Die Autorin erhielt die Erlaubnis, ein paar Tage im Dorf des Häuptlings bleiben zu dürfen und das Leben dort kennenzulernen. Durch Häuptling Bergé knüpfte Birgit Weidt Kontakte zu anderen Stämmen und erhielt Einladungen und Informationen zum ursprünglichem Leben im Busch. So heißt alles, das sich außerhalb der Hauptstadt Noumea befindet. Noumea ist westlich geprägt und den europäischen Städten ähnlich.

Die Ureinwohner Kaledoniens nennes sich selber Kanak und ihr Land kanaky.

“Das wird vom Wort Kanak, Mensch, abgeleitet und bedeutet übersetzt Menschenland.” (S. 35)


Für den ersten Besuch / Kontakt bei einem Stamm wird ein faire la coutume gemacht und es werden Geschenke übergeben.

“Dabei handelt es sich jedoch um eine traditionell vorgeschriebene Gabe, die in einer bestimmten Art und Weise überbracht wird, um eine Verbindung zwischen dem Gast und dem Gastgeber zu knüpfen.” (S. 36)


Dabei erfahren wir auch, dass ein sehr kleiner Eingang in das traditionelle Haus des Häuptlings führt. So wird sichergestellt, dass jeder, der hinein möchte, sein Haupt beugen muss, um eintreten zu können. Ob er will oder nicht.

Die Stämme haben Heiler, die auf eine bestimmte Art auch Magier sind. Sie glauben an die Seelen ihrer Ahnen, an Wiedergeburt, dass mache Seelen sich Tierkörper aussuchen und “Nachrichten” überbringen können und dennoch sind sie Christen und gehören dem katholischen bzw. dem evangelischen Glauben an. Die Missionare brachten ihre Religion mit und seltsamerweise wurde dieser von den Ureinwohnern angenommen. Sie sind in der Lage an Gott und Jesus zu glauben und gleichzeitig ihre Traditionen weiterzuführen. Sehr spannend!

Sehr imponiert haben mir die Gemeinschaftshäuser. Wer Lust hat andere Dorfbewohner zu treffen, gemeinsame Zeit nach der Arbeit mit ihnen zu verbringen, sei es beim Fernsehen oder spielen, begibt sich in so ein Gemeinschaftshaus. Jeder Dorfbewohner hat dort seine eigene Schlafmatte und somit seinen eigenen Schlafplatz. Diese Häuser gibt es schon sehr lange. Sie gehen auf die zeit zurück, als nicht jeder genug Geld hatte, sich ein eigenes Haus zu bauen. So wurde ein sehr großes Gemeinschaftshaus errichtet, um all die zu beherbergen, die sonst (nachts) obdachlos gewesen wären.

Weiterhin erfahre ich, dass der bekannte Fußballspieler Christian Karembeu ein echter Kanak ist! Ich bin kein Fußballfan, doch dieser Name ist auch mir ein Begriff. Selbst das Gesicht, als ich danach gesucht habe, war mir bekannt. Die Autorin erfährt, warum dieser französischer Nationalspieler sich weigerte die Nationalhymne Frankreichs mitzusingen. Der Schlüssel ist seine kanakische Herkunft und wie Frankreich 1931 seine beiden Großväter (und noch andere Inselbewohner) nach Paris brachte und sie im dortigen Zoo für Besucher wie Tiere ausstellten und sie damit erniedrigten.

Die Kanak richten sich nicht nach unserem gregorianischen Kalender. Sie lehnen ihren “Kalender” an das Wachstum der Yampspflanze aus. Somit hat Zeit für sie keine echte Bedeutung. Eine Arbeit wird so lange verrichtet, bis sie fertig ist. Danach wird so lange ausgeruht, bis eine erneute Arbeit zu erledigen ist. So gibt es viel weniger Stressfaktoren, was den Kanak zugute kommt. Sie sind vom Wetter abhängig und wie ihre Aussaat wächst und gedeiht. Anstatt sich vom Wecker aus dem Schlaf reißen zu lassen haben sie Hähne und den einheimischen Kuckuck.

In Neukaledonien spielen die Frauen Kriket. Warum? So einfach kann es nämlich sein:

“>>Warum nicht?<<, erwiedert sie. >>Da gibt es viele Gründe. Weil Frauen länger vom Herd weg sein können. Weil sie sich gerne bewegen. Weil sie die Machete gegen einen Schläger austauschen wollen. Weil sie gerne mit anderen Frauen zusammen sind – und das nicht nur beim Flechten.<<” (S. 177)


Vielleicht habt ihr schon gemekrt, dass ich von diesem Reisebericht richtig begeisert bin! Mehr erzählen, möchte ich nicht. Am besten ist es, ihr holt euch das Buch und lasst euch für Neukaledonien begeistern, so wie ich!


Fazit

Wer eine ganz neue Welt entdecken möchte, wer möchte, dass ihn sofort das Reisefieber und die Reiselust packt, der sollte ganz schnell zu diesem Buch greifen und sich von der Autorin nach Neukaledonien entführen lassen. Absolute Leseempfehlung mit zwei Extra-Sternchen!


Weitere Rezensionen

++   Hundertmorgenwald


Weitere Recherche

– Bericht über Christian Karembeu in Wikipedia.

– Bericht über Menschenzoos in Frankfurt aus Frankfurter Neue Presse vom 11.05.2018

Bericht aus Die Welt zum Buch “Die Reise eines Menschenfressers nach Paris” von Didier Daeninckx

– Bericht über Pariser Kolonialausstellung in Wikipedia.

– Bericht über Völkerschau in Wikipedia.

– Bericht “Der tiefste Punkt der Menschheitsgeschichte” aus Huffpost vom 24.11.2017

– Bericht “Menschenzoo Paris” aus Huffpost vom 19.07.2018 / 02.08.2018

– Bericht “Die vergessene Geschichte der Menschenzoos” aus Forschung&Wissen

– Bericht über die Yamswurzel in Wikipedia.



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Ich danke dem Dumont Reiseverlag, der mir freundlicherweise das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

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    1. Ich konnte mich einfach nicht zurückhalten! Normalerweise schreibe ich nicht so viel vom Inhalt eines Buches! Aber das ist ja kein Krimi, hier kann man nicht spoilern. Hier soll der Inhalt Lust auf das Buch und den Urlaub dorthin machen. Deshalb habe ich mir erlaubt, etwas mehr zu schreiben. Bei dir ist es angekommen, das freut mich total!
      Soll ich dir das Buch schicken? Magst du´s bald lesen?
      GlG, monerl

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