Das Wanderkind
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[Buchvorstellung] Das Wanderkind – AUDE

11. April 2021

#414 Rezension

 

Buchbeschreibung

Die Vorfreude von Corinne und Pierre ist groß – und ebenso groß ist ihr Entsetzen, als sie im Krankenhaus erfahren, dass eines der beiden Kinder, das sie erwarten, wahrscheinlich tot zur Welt kommen wird. Doch entgegen aller medizinischen Aussagen kommt „der Kleine“ zwar schwach, aber lebend in diese Welt. Ein Zwillingspaar, der eine groß und kräftig, der andere klein und zerbrechlich. Einem von ihnen ist es bestimmt, den anderen am Leben zu erhalten. Ein kleiner, sehr feiner, beinahe märchenhafter Roman über die Brüchigkeit des Lebens und die schmerzhafte Schönheit menschlicher Bindungen. Mit ihrer ruhigen, fast schon zurückgenommenen Erzählweise entfaltet die kanadische Schriftstellerin Aude in diesem kurzen Roman kongenial die psychologisch schlüssige Innenwelt ihrer Figuren und zeigt auf, wie das Schicksal der Zwillinge zur Zerreißprobe für jeden einzelnen in dieser Familie wird.

 

Meine Meinung

Dieses knapp 150-seitige Buch hat mich von der ersten Seite an für sich einnehmen können und hat sich als ein Highlight entpuppt.

Die Autorin wirft uns gleich zu Beginn in das entstehende Drama. Die Protagonistin Corinne ist schwanger mit Zwillingen, wahrscheinlich wird nur eines der beiden Babys überleben, doch beide muss sie bis zum Ende austragen. Der Wunsch nach einem zweiten Kind, Corinne und Pierre haben bereits eine vierjährige Tochter, erschüttert die Familie von Beginn an. Doch entgegen aller Wahrscheinlichkeit werden beide Kinder lebendig geboren.

Die Freude darüber währt nur kurz, da Benoit, der kleinere und schwächere Zwilling, augenscheinlich etwas anders ist. In verschieden langen Sequenzen erhält die Leserschaft Einblicke in das Leben der Familie, die von nun an von Hans bestimmt wird.

Die Autorin schaffte es, dass ich die Figur Hans erst ablehnte, ihn dann verstand und mich schlussendlich sogar mit ihm versöhnen konnte. Aus verschiedenen Blickwinkeln nähert sich AUDE Hans‘ Dominanz und ihren Auswirkungen auf die einzelnen Familienmitglieder. Über die Jahre arrangieren sie sich auf unterschiedliche Weise damit. Dabei erzählt AUDE  nicht ausufernd, sondern beschränkt sich auf das Wesentliche. Kein Wort ist zu viel aber auch keines zu wenig.

Auch sprachlich ist dieses Buch ein echter Lesegenuss. Intensiv wird einem vor Augen geführt, wie der Wunsch nach Vergrößerung der eigenen Familie hier vordergründig scheitert. Spannend und leicht mystisch offenbart sich Benoits „Aufgabe“ in der Familie. Benoit, der immer der Kleine gerufen wird, ist der Kitt der Familie. Er hält sie zusammen und haucht ihr Wärme ein. Es verkehrt sich das Bild des Zarten, des Fragilen, je weiter man liest. Der Blick hinter den Vorhang der Familie lohnt sich, denn hier wird das wahre Wesen jedes einzelnen offenbart.

 

Fazit

Ein etwas anderer Familienroman, der einen trozt der Kürze tief berührt und mitnimmt. Eine Geschichte, die mehrmals gelesesen werden kann und nichts von ihrem Zauber verliert! Eine Perle aus Kanada, die endlich auch ins Deutsche übersetzt wurde. Absolute Kauf- und Leseempfehlung!

 

Über die Autorin

Claudette Charbonneau alias Aude wurde in 1947 Montréal geboren und gilt als eine der wichtigsten Figuren der frankokanadischen Literaturszene. Nach dem Studium unterrichtete sie in Québec Kreatives Schreiben und Lite­raturtheorie. Nach einer Phase des düste­res Erzählens über Wahnsinn und Tod wandte sie sich mit L’enfant migrateur einer hoffnungsfrohen Weltsicht zu. Aude starb 2012 an Leukämie. Sie wurde posthum zur Ehrenprä­sidentin des nach ihr benannten Centre Aude d’études sur la nouvelle zur Förderung der Gattung Kurzgeschichte ernannt.

 

Über die Übersetzerin

Ina Böhme studierte Romanische Philologie und Interkulturelle Deutsch-Französische Studien in Marburg, Poitiers, Aix-en-Provence und Tübingen. Nach mehreren Jahren in Frankreich lebt sie inzwischen als literarische Übersetzerin in Berlin. 2018 war sie Stipendiatin des Georges-Arthur-Goldschmidt-Programms für junge Literaturübersetzer und erhielt 2019 ein Initiativstipen­dium des Deutschen Übersetzerfonds.

 

Weitere Rezensionen

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Ich danke Birgit Böllinger sowie dem Alfred Kröner Verlag, die mir freundlicherweise das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

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Mit diesem Buch mache ich mit bei der Linkparty April von Andreas Lesezimmer.

 

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  1. Liebe monerl,

    wieder ein für meine Wunschliste sehr gefährliches Buch. Danke für die Rezension, ich mag ja solche Familien-/Coming of Age Geschichten sehr. Werde mir das einmal merken.

    Viele Grüße,
    Nick / findo

    1. Lieber Nick,
      dieses Buch solltest du nicht missen! Zudem ist es nicht sehr dick, es passt in jede Tasche und ist im Nu ausgelesen, weil es so interessant ist!
      GlG, monerl

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