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[Buchvorstellung] Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf – PATRICIO PRON

26. Juli 2018

#43 Kurzmeinung


Buchvorstellung

Ein junger Mann kehrt aus Deutschland nach Argentinien zurück, weil der Vater im Krankenhaus liegt. Er wohnt wieder daheim, wie in seiner idyllischen Kindheit und Jugend. Im Schreibtisch des Vaters entdeckt er jedoch Zeitungsausschnitte und Fotos, die eine ihm unbekannte Vergangenheit enthüllen. Wer waren die Freunde des Vaters? Warum starb sein Mitschüler, und wohin verschwand dessen Schwester?

Indem er alldem nachgeht, findet er heraus, dass seine Eltern während der argentinischen Militärdiktatur politisch aktiv waren, sich an gefährlichen Aktionen beteiligten und täglich das für ihn so unbeschwerte Familienleben riskierten. Alles war anders, als er dachte. Seine Familie, sein ganzes Leben erscheinen in einem neuen Licht. Ihm wird bewusst, was die Eltern alles leisteten, damit er heute so leben kann, wie er lebt.

Patricio Pron erzählt temporeich und poetisch, anhand von Briefen und Fotos, Zeitungsartikeln, Träumen und Erinnerungen von einer Elterngeneration, die in Argentinien für all jene Freiheiten gekämpft hat, die heute so selbstverständlich erscheinen.


Kurzmeinung

  • Genre: Gegenwartsroman, Familiengeschichte mit autobiografischen Zügen
  • Handlung: Der Klappentext sagt alles und dieses Mal würde ich sagen, dass die dortigen “Spoiler” wichtig sind, wenn man sich mit der Geschichte Argentiniens gar nicht auskennt. Der Protagonist, der sich quasi von seinem im Sterben liegenden Vater verabschieden soll, stößt im Arbeitszimmer des Elternhauses auf Akten des Vaters, durch die er die Vergangenheit und das Leben und Wirken des ihm unwirklich und unnahbar erscheinenden Vaters näher bringen und maches Rätsel lösen. Dabei bringt der Autor die Militärdiktatur Argentiniens ins Blickfeld, während dieser viele Menschen (politische Gegner und Störenfriede) verschwunden und / oder gefoltert und getötet wurden.
  • Charaktere: Der Protagonist ist nicht glücklich. Er ist das Produkt seiner Erziehung, seiner Vergangenheit, die er selbst nicht richtig zu fassen bekommt. Er pumpt sich mit Tabletten voll, vernebelt damit seine Erinnerungen und degradiert sich auf diese Art in seiner eigenen Lebensgeschichte zu einer Randfigur. Man mag ihm zurufen, er solle weniger Tabletten nehmen und sein Haupt heben und Verantwortung für sein Leben übernehmen. Die Vergangenheit ist eines, sie aber nicht richtig verarbeiten zu wollen und sich der Passivität zu ergeben ist etwas, das ich sehr schwer akzeptieren kann. Daher haderte ich sehr mit dem jungen Mann.
  • Spannung: Eine echte Spannung birgt dieser Roman nicht. Es stellt sich die Frage, wie der Protagonist seinen Aufenthalt in Argentinien bewätligen wird und wie er sich von seinem Vater verabschieden kann. Wird dieser Besuch ihn verändern, voranbringen? Was hat es mit diesen Akten auf sich?
  • Schreibstil: Der Schreibstil ist sehr schwierig. Er ist sehr distanziert, sodass ich mit dem Protagonisten überhaupt nicht warm werden konnte. Trotz seiner traurigen Kindheit und verkorksten Jugend und dem bisherigen Erwachsenenleben, konnte ich für ihn keine Sympathie aufbringen. Die Geschichte ist durch die verschiedenen Erzählweisen, einmal durch den Protagonisten, dann durch Briefe und Zeitungsausschnitte, durch sehr kurze Kapitel, vielen Aneinanderreihungen von Fakten und Sätzen, sehr schwer zu greifen.
  • Ende: Das Ende weist eine Überraschung auf, die mir sehr gut gefallen hat. Sie rundete das Buch sehr schön ab und versöhnte mich mit dem schwierigen Schreibstil.
  • Fazit: Eine Geschichte, die nicht jedem liegen wird. Aufgrund der historischen Begebenheiten sehr interessant, genau deswegen und des Schreibstils wegen aber auch sehr schwer zu lesen. Wer sich für lateinamerikanische Autoren und Argentinien interessiert wird hier einiges lernen und zur weiteren Recherche verführt werden. Vermutlich hat der Autor sehr viele autobiografische Elemente in das Buch einfließen lassen. Diesen Schluss ziehe ich, nachdem ich mich über ihn und Argentinien im Netz erkundigt habe. Wahrscheinlich ist Patricio Pron sogar selbst der Protagonist. Ein gutes Buch, das nicht nebeher gelesen werden und kann und volle Konzentration vom Leser*in fordert. Für Liebhaber*innen von lateinamerikanischer Literatur und ihren Autoren.

 

Weitere Rezensionen

Weitere Recherche

Beitrag zum Autor Patricio Pron auf Wikipedia.

Beitrag zur Geschichte Argentiniens auf Wikipedia.

Beitrag über die Desaparecidos, die Verschwundenen, in Wikipedia.

Beitrag über die Argentinische Militärdiktatur in Wikipedia.

Beitrag “Argentinien unter der Militärdiktatur” bei -zeitklicks-

Bericht “Vor 40 Jahren: Beginn der Militärdiktatur in Argeninien” aus bpp vom 22.03.2016

Bericht “Über das Verbrechen der Väter sprechen” aus Deutschlandfunk vom 25.11.2017

Bericht “Lebenslange Haft für argentinische Todesengel” aus SZ vom 30.11.2017


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  1. Liebe Monerl,

    ja, schade erstmal, dass es so schwer zu lesen ist.
    Ich bin gerade hin und her gerissen. Ich habe auch nicht viel Ahnung über Argentinien, nur was Isabell Allende in Paula erzählt hat und das ist schon lange her.
    Weißt Du schon, was Du mit dem Buch machst? Wegtauschen, Bücherschrank? Hm, aber vielleicht liegt es mir eher, dann gleich ein Sachbuch zu lesen. Andereseits hat es ja nur 200 Seiten. Die aber auch lang werden können. *lach* Keine Ahnung.

    Die Geschichte finde ich spannend, dass er raus kriegt, dass seine Eltern bei der Revolution dabei waren. Aber auf einen Protagonisten, der sich das Hirn zudröhnt, habe ich auch wieder keine Lust….

    Ach ja.
    Liebe Grüße
    Petrissa

    1. Liebe Petrissa,
      würde dich das Buch interessieren? Wenn ja, dann schicke ich es dir? Vielleicht gefällt es dir besser, jetzt wo du mehr darüber weißt und dich darauf einstellen könntest. Ansonsten wird es vertauscht oder geht zum Bücherschrank. Die 200 Seiten waren für mich schon recht lang. Ursprünglich habe ich das Buch genau wegen der Kürze vom SuB gezogen. haha Hat mir nicht viel geholfen.
      Der Protagonist hat seine schlimmste Zeit hinter sich. Dieses Zudrühnen ist eher aus dem Rückblick heraus. Das sollte kein Problem sein, das dich vom Lesen abhalten sollte. Gib mir einfach Bescheid, ob du es willst.
      GlG, monerl

      1. Danke! Habe gerade nochmal überlegt. Eigentlich würde ich es nur für die Weltenbummler Challeng lesen, aber da ich eh keine Chanc mehr darauf habe, zu gewinnen, lese ich doch lieber Bücher, auf die ich mich richtig freue.

        Liebe Grüße
        Petrissa

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