MonerlsWelt

Buchvorstellung – Der Junge auf dem Berg

26. Oktober 2017
#154 Rezension

Der Junge auf dem Berg 

John Boyne

Gelesen von: Boris Aljinovic, Romanus Fuhrmann
Spieldauer: 6 Stunden 27 Minuten
Version: ungekürzt
Verlag: Igel Records
Erscheinungsdatum: 21. August 2017
Sprache: Deutsch 

Originaltitel: The Boy at the Top of the Mountain
Originalsprache: englisch
Übersetzer: Ilse Layer

5 von 5 Sternen

Widmung des Autors“Für meine Neffen, Martin und Kevin”

Buchbeschreibung:

Als Pierrot seine Eltern verliert, muss er Paris verlassen und ein neues Leben bei seiner Tante beginnen, die in einem wohlhabenden deutschen Haushalt dient. Aber dies ist keine gewöhnliche Zeit: Der zweite Weltkrieg steht vor der Tür. Und es ist kein gewöhnliches Haus: Es ist der Berghof – Adolf Hitlers Sommerresidenz. Fassungslos muss der Hörer miterleben, wie sich Pierrot zum skrupellosen Nazi wandelt, seinen besten Freund verleugnet und seine Tante verrät.
John Boyne ist das eindringliche Porträt eines Jungen gelungen, der den Machtversprechen des Nationalsozialismus erliegt und sich viel zu spät  bewusst wird, wie menschenverachtend und hasserfüllt deren Ideologie – und sein eigenes Handeln – ist.
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Es ist 1936. Pierrot lebt in Frankreich und ist ein ganz normaler Junge von 7 Jahren, glücklich mit seinen Eltern, seinem besten jüdischen Freund Anshel und seinem Hund D´Artagnan. Doch es bleibt nicht so schön für ihn. Das Familienleben wird zerrüttet und als dann nach seinem deutschen Vater auch noch seine französische Mutter stirbt führt ihn sein Weg als Vollwaise in ein Waisenheim. Da er dort unglücklich ist, scheint seine Tante Beatrix, die deutsche Schwester seines Vaters, seine Rettung zu sein. Sie nimmt ihn mit auf den Berghof, das Landhaus Hitlers am Obersalzberg in Bayern. Und das traurige Schicksal nimmt seinen Lauf.

John Boyne hat einen faszinierenden Jugendroman zum Thema 2. Weltkrieg und die Verbreitung der faschistischen / rassistischen Ideologie geschrieben. Dabei bedient er sich Pierrots, eines jungen, unerfahrenen, einsamen und unglücklichen Jungen. Dieser Blickwinkel, wie der Leser aus Sicht Pierrots die Indoktrination mitbekommt und wie aus einem unschuldigen Kind schleichend ein Schuldiger wird, hat mir große Gänsehaut bereitet.  

Der sympathische Pierrot verläugnet seine französische Seite, ändert seinen Namen zu Peter, giert nach Aufmerksamkeit und Liebe und bekommt dies dann von Adolf Hitler. Er wird gelobt, ermuntert, behutsam vereinnahmt und fühlt sich damit als etwas besonderes. Der große Führer will IHN um sich herum haben, Er schenkt ihm Uniformen der Hitlerjugend und gibt ihm damit eine Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Peter, der außer seiner sehr beschäftigten Tante keine Familie mehr hat, die ihm Halt geben könnte, ist somit absolut prädestiniert alles ungefragt hinzunehmen und zu einem Nazi zu werden.

Je größer das Grauen, desto schneller wird das Erzähltempo, das im Hörbuch grandios durch die musikalische Untermalung, vor den einzelnen Kapiteln, hervorgehoben wird. Die Art der Musik lässt die Entwicklung der Geschichte erahnen. Als Hörer kann man sich dem Entsetzen, das einen packt, nicht erwehren. 

Im Verlauf der Geschichte stellte ich fest, dass ich mich seltsam hilflos fühlte. Ich überlegte, an welchem Punkt man bei Peter hätte ansetzten und einschreiten können, um diese (seine) Entwicklung zu stoppen. Im übertragenen Sinne sah ich zu keiner Zeit die Möglichkeit einzuschreiten. Diese Erkenntnis war wie ein Schlag ins Gesicht! Muss man sich heute leider wieder mit der Erstarkung der rechten Szene und braunem Gedankengut herumplagen, auseinandersetzen und miterleben, wie vieles, das nach dem Krieg und bis vor ein paar Jahren nicht gesagt und gezeigt werden durfte, nun alltagstauglich geworden ist. Mein Lerneffekt aus dem Buch ist, dass sich keiner überzeugen lassen wird, der nicht will, sind die Argumente noch so einleuchtend und plausibel. Umso wichtiger ist es parallel alle diejenigen “abzufangen”, die sich noch am Anfang befinden. Unermüdlich muss somit dagegengehalten werden. Es kostet Kraft, doch eine Alternative sehe ich nicht. 

Das Ende betreffend, war ich ursprünglich unschlüssig, ob es mir gefällt oder nicht. Nachdem ich die Geschichte habe sacken lassen, setzte das Gefühl ein, dass ich mit dem Ende zufrieden bin. Zuerst fühlte es sich an, als wäre es zu schnell gekommen. Doch die Geschichte war erzählt und alles weitere wäre ein In-die-Länge-ziehen gewesen. Da es sich hier um ein Kinder- und Jugendbuch handelt, ist dem Autor der Abschluss auf diese Art gelungen. Ich finde es richtig und wichtig, jungen Lesern zu zeigen, dass jedes Handeln Konsequenzen hat, für die man einstehen und sich mit ihnen auseinandersetzen muss – am besten im Vorfeld.

Zum Hörbuch:
Wie oben bereits erwähnt, wird dieses Hörbuch durch Musik bereichert und bringt dadurch das Grauen und die Tragik noch deutlicher hervor. Zudem ist der Sprecher, Boris Aljinovic, ein Genie. Seine Stimme und die Art des Sprechens ist für dieses Buch ein Volltreffer!

Fazit:

Ein wichtiges Buch gegen das Vergessen! Eine Geschichte, die mir weh getan und mich sehr zum Nachdenken angeregt hat. Absolut empfehlenswert, auch als Pflichtlektüre für den Schulunterricht, denn es kann nie früh genug angefangen werden, aufzuklären! Für alle Hörbuchfans, unbedingt als Hörbuch genießen! 

Weitere Rezensionen:
+   Der Duft von Büchern und Kaffee
+   AstroLibrium
+/- Der Leseratz

© monerlS
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  1. Hey monerl das Hörbuch hatte ich ja noch gar nicht bei dir entdeckt. Das will/muss ich hören. Der Junge im gestreiften Pyjama fand ich auch grandios und Deine Rezension spricht ganz deutlich dafür.Dann noch mit musikalischer Untermalung , das flasht mich immer sehr. Ok, nächstes Guthaben Ende des Monats – jetzt weiß ich auch wofür.Danke für diese schöne Besprechung Hab einen tollen Sonntag Liebe Grüße Kerstin

    1. Hi Kerstin,ich habe das Buch letztes Jahr im Urlaub gehört und war begeistert! Die Rezi ging ein paar Wochen später erst online. Ich würde auch wagen zu behaupten, dass dir dieses Buch gefallen wird. Bin schon jetzt gespannt, ob es dich auch so umhaut und mitreißt wie mich!Dir auch noch einen schönen Sonntag,glG, monerl

  2. Liebe Monerl,ich halte dieses Buch ebenfalls für sehr wichtig und wir können uns nur wünschen, dass es den Weg in Schulen findet. Mich hat es ebenso zutiefst berührt und geschockt zugleich, wie manipulierbar Menschen sind, wenn das Umfeld die Achtsamkeit verliert.Liebe GrüßeAnja

    1. Liebe Anja,ja, das Buch zeigt ganz gut auf, was passiert (passieren kann), wenn früh genug an einem Menschen manipuliert wird. Deshalb müssen wir versuchen, sowas im Auge zu behalten und zu entdecken.Danke für deinen Beitrag! Hatte deine Rezi zum Buch bisher noch nicht entdeckt (oder vergessen). Werde mir gleich mal durchlesen gehen, was du zum Buch geschrieben hast.GlG vom monerl

  3. Liebes Monerl,ich glaube, man kann nur effektiv gegensteuern, wenn nicht nur die Bösen sondern auch die Guten dieses Gefühl des Wohlbefindens, der Sicherheit und der Zugehörigkeit und ein großes Selbstwertgefühl vermitteln, aber das geschieht leider viel zu selten. Wie oft werden Außenseiter (egal ob vom Aussehen her, von der Leistungsfähigkeit, Verhalten…) nicht an die Hand genommen, sondern lieber mit dem Finger darauf gezeigt…Ganz liebe Grüße, Heike

    1. Ja, liebe Heike,leider krankt unsere Gesellschaft daran, dass sie Minderheiten ganz schnell ausgrenzt, um sich nicht mit ihnen beschäftigen zu müssen. Das alleine ist schon traurig genug. In manchen Fällen kann eine Ausgrenzung, Mißachtung die Betroffenen in eine falsche Richtung drängen. Egal um wen es sich handelt, es gehört mehr Empathie, Aufmerksamkeit und Akzeptanz in diese Welt.Danke für deinen ausführlichen Kommentar!GlG, monerl

  4. Liebe monerl, das Buch steht auf meiner WuLi! Die letzte Zeit hatte ich nur keinen Kopf für schwere Themen. Aber ich möchte es unbedingt noch lesen. (Genau wie der Junge mit dem Pyjama.)Bei mir gibt es übrigens gerade ein Gewinnspiel. Vielleicht ist da ja was für Dich dabei.Sei herzlich gegrüßtLilly

    1. Liebe Lilly,es ist so eigenartig mit diesem Buch. Obwohl das Thema schwer ist, weil wir ja wissen, was passiert ist, ist es garade durch eine bestimmte Unschuldigkeit wegen des Blickwinkels eines Kindes, irgendwie leicht. Es hört / liest sich weg wie nichts, und hat so ne Tragweite…Bin auf deine Meinung dann auch sehr gespannt!GlG, monerl

  5. Hallo Monerl,ich hab "der Junge im gestreiften Pyjama" gelesen, ein Buch, das immer noch in mir nachhallt. Diesers hier scheint ähnlich zu sein, was Wirkung und Thema angeht. Deine Rezension ist absolut fesselnd, man spürt, welche Wirkung der Roman auch auf dich hatte. Das Buch wird defnitiv auf meine Liste wandern, ich denke, man sollte es gelesen haben, auch wenn es ielleicht manchmal schwerfällt und man sich hilflos beim Lesen fühlen müssen.GrüßeDaniela

    1. Hallo Daniela,Du musst das Buch unbedingt lesen! Ich bin schon sehr gespannt auf deine Meinung! Es ist ganz anders als "Der Junge im gestreiften Pyjma" aber trotzdem sehr eindrucksvoll. Man kann nicht früh genug anfangen, Kindern die Augen zu öffnen und sie zu sensibilisieren. Dieses Buch schafft das, meiner Meinung nach.GlG, monerl

    2. Oh, wie toll! Herzlichen Dank! Werde mal bei dir stöbern gehen. Ich hatte die letzte Zeit leider gar keine Zeit für eine Blogwanderung. Im nächsten Jahr dann hoffentlich wieder… :-)GlG, monerl

  6. Danke für die interessante Buchvorstellung, liebe monerl. Vor Jahren habe ich eine Dokumentation gesehen über einen jungen Berliner Mann, der Aussteigern aus der rechten Szene helfen wollte. Der stand permanent unter Beschuss. Und musste miterleben, wie staatlicherseits die Mittel, um Jugendliche aufzuklären, immer mehr gestrichen wurden. Liebe Grüße, Anne

    1. Gerne, liebe Anne! Hast du auf dem Plan, das Buch zu lesen? Es passt ganz toll zu "Gegen das Vergessen". :-)Das ist schlimm, was diesem jungen Mann aus Berlin widerfahren ist! Anstatt, dass der Staat solche wichtige Arbeit unterstützt und belohnt, legt erschwert er auch noch die Aufklärungsarbeit. Unfassbar! Man kann einfach nicht verstehen, wie Politiker denken… Traurig aber wahr. GlG vom monerl

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