Der Mann der den Tod auslacht
Rezensionen | Sachbuch

[Buchvorstellung] Der Mann, der den Tod auslacht – PHILIPP HEDEMANN

27. Juni 2019

#292 Rezension

 

Buchbeschreibung

»Wer nicht reist, wird immer glauben, dass seine Mutter die beste Köchin ist«, lautet ein afrikanisches Sprichwort. Der Autor wollte wissen, wie andere Mütter kochen, und reiste mit dem Jeep mehrere Tausend Kilometer durch Äthiopien. Er ist immer wieder von den unzähligen Gesichtern des Landes überrascht: In der Metropole Addis Abeba begegnet er so ungewöhnlichen Menschen wie dem Mann, der den Tod auslacht, er trainiert mit den weltberühmten Langstreckenläufern, auf einer historischen Route kommt er zu sagenumwobenen Kulturdenkmälern, und im Süden trifft er auf Stämme, deren Frauen sich mit Tellerlippen schmücken. Philipp Hedemann erzählt humorvoll von abenteuerlichen Begegnungen und porträtiert unterhaltsam das geheimnisvolle und widersprüchliche Land im Osten Afrikas.

 

Meine Meinung

Dies ist wahrlich ein Buch, das einem das Land Äthiopien näher bringt. Wer es noch nicht bereist hat, kennt es wahrscheinlich nur aus den Berichten der 80er Jahre, in denen über die Hungerkatastrophe berichtet wird, über hungernde und verhungerte Menschen und Kinder mit Blähbauch.

Doch Äthiopien ist weit mehr. Es ist ein Land, das man nicht so einfach greifen kann. Der Journalist und Autor hat vier Monate in der Hauptstadt Addis Abeba gelebt und von dort aus Ausflüge in die verschiedensten Ecken des Landes gemacht. Dabei wurde er von seinem deutschen Freund Falk und seinem eritreischen Freund Solomon eine Zeit lang begleitet. Letzterer floh aus dem Nachbarland Eritrea vor dem folternden Diktator. Im zweiten Teil seiner Reise wurde er von der äthiopischen Ärztin und Freundin Senait begleitet.

In dem Land, in dem es nichts zum Lachen gibt, nimmt der Autor an einem Lachseminar teil. Doch das Lachen fällt ihm schwerer als den anderen Teilnehmern. Auch lernt Philipp Hedemann Tesfaye kennen. Er hat Jura studiert und nun nun als Wachmann arbeiten, weil es für solche wie ihn keine Arbeitsplätze gibt. Ein Gottesmann, der um eine Mitfahrgelegenheit bat, erzählte dem Autor und seinen Freunden von der Quelle des Blauen Nils. Das Wasser hat heilende Kräfte. “Blindheit, Magenprobleme, Teufelsbesessenheit, Unfruchtbarkeit, aber auch moderne Krankheiten wie Aids: das Wasser kann alles heilen.” (S. 59) wird ihnen versichert. Dieser Glaube sitzt tief und erklärt auch, warum Menschen eher zu ihren Priestern als ins Krankenhaus gehen. Äthiopier sind sehr stolz uns sehr religiös. Überall im Land findet man Kirchen und Moscheen. Die meisten Gläubigen gehören der äthiopisch-orthodoxen Kirche an, haben aber dennoch kein Problem, ihren Glauben mit dem Aberglauben zu verbinden bzw. zu ergänzen.

Äthiopiens Wirtschaft entwickelt sich seit Jahren sehr positiv. Viele Neubauprojekte sind die Ursache dafür. Straßen über Straßen werden gebaut. Diese Verbesserung und Erschließung der Infrastruktur schafft eine bessere und schnellere Verbindung von Ortschaften und Städten. Ein weiteres Großprojekt ist der Bau des gigantischen Wasserkraftwerks am Blauen Nil. Dadurch sollen die täglich häufigen Stromausfälle behoben werden. Geplant ist für die weitere Zukunft dann sogar der Export von Energie ins Ausland.

Von alledem kriegen die Menschen im Flüchtlingslager, das sechzig Kilometer von der eritreischen Grenze aus dem Boden gestampft wurde, nichts mit. “Kein Fluss, kein Baum, kein Schatten, kein Grün – nur Staub!” (S. 99).  Doch für Viele, dort gestrandet sind, gibt es keinen Weg mehr da raus.

Äthiopien, ein Land voller Gegensätze, zum Weinen wie auch zum Lachen! Erschreckend die Tradition der Genitalverstümmelung von Mädchen, der Glaube an böse Babys und die daraus folgenden Kindstötungen, Kinder, die betteln und auf der Straße leben, weil ihre Eltern sie fortschicken und nicht für sie Sorgen können oder nicht wollen. Dagegen entlockte mir der Hüter der 10 Gebote oder auch die Qat-Königin, die Drogenhändlerin von Äthiopien, die eigentlich strengreligiöse Muslima ist, ein großes Lachen. Das Kapitel über die Rastafaris, die mit Shashmane ihre eigene Stadt in Äthiopien haben und dort ihrer speziellen Religiosität, dem Cannabis-Rauchen und Bob Marley – Kult fröhenen können, ist mit Skurilität kaum zu überbieten.

Wer nun denkt, dass das alles interessant klingt, sollte unbedingt selbst zum Buch greifen und sich von den 30 Kapiteln nach Äthiopien (ent)führen lassen. Leider, leider gibt es im gesamten Buch keine Bilder / Fotos von den Reisen (bis auf ein Autorenfoto am Schluss). Mir persönlich fehlt das, da ich finde, dass zu einem Reisebericht bzw. -abenteuer unbedingt ein paar Bilder dazugehören, am besten noch in Farbe. Das ist mein größter Kritikpunkt am Buch. Zudem hatte ich mir zu Beginn mit dem Lesen etwas schwer getan. Der Anfang war ein wenig schleppend und konnte mich nicht sogleich für die Lektüre begeistern.

Ganz toll finde ich jedoch das Nachwort und die Auflistung und Information über Organisationen, die helfen und für die man spenden kann, wie z.B. TARGET, die u.a. gegen Genitalverstümmelung bei Mädchen kämpft. Denn manchmal braucht es nur einen kleinen Anstoß, um zu helfen.

 

Fazit

Je mehr man über andere, fremde Kulturen weiß, umso offener begegnet man ihnen. Das alleine spricht bereits dafür, dass man zu diesem Buch greift und es liest. Die Wenigsten werden Äthiopien bereisen, somit sollten sie sich diese Reiseabenteuer nicht entgehen lassen. Ich habe jetzt ein neues Bild über Äthiopien und sehe vieles klarer als vorher. Diese literarische Weltreise, in ein uns eher unbekanntes afrikanisches Land, ist absolut empfehlenswert!

 

Weitere Rezensionen

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Ich danke dem MairDumont Verlag, der mir freundlicherweise das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

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  1. Schade, dass keine Bilder dabei sind 🙁
    Denn der Rest klingt durchaus interessant.

    Mir fallen bei Äthiopien vor allem die Hitze und die Verstümmelungen ein … wäre also schön auch mal etwas schönes über das Lan dzu erfahren 🙂

    1. Ja, das ist wirklich unheimlich schade! Das hätte das Buch abgerundet und es wäre genau so, wie ich es mag.
      Kann dir das Buch aber dennoch empfehlen. Es ist sehr interessant ein anderes Äthiopien zu entdecken, als das, was in den Nachrichten so gezeigt wird.
      GlG, monerl

  2. Hallo monerl!

    Ein paar Infos aufgrund meiner Reise. Im Süden des Landes gibt es große Stromleitung die bereits Strom nach Kenia exportieren. Die kleinen Leitung sind für die Äthiopien. Dabei ist man writ davon entfernt, dass jeder einen Stromanschluss im Süden hat. Dass der Strom nur ein paar Stunden am Tag angeschaltet wird oder nicht stabil ist, ist normal.

    Von Shashmane war ich nach dem Buch enttäuscht. Man sieht ein paar bunt bemalte Fassaden und vereinzelt Menschen mit Rastas. So skurril und spannend wie im Buch beschrieben habe ich die Stadt nicht wahrgenommen.

    Liebe Grüße
    Sabrina

    1. Hallo Sabrina,
      ist ja krass, dass man bereits den Strom exportiert, obwohl national noch gar nicht alles fertig ist. Muss sich wohl lohnen, oder?
      Shashmane hast du auch besucht! WoW! Weiß nicht, ob ich mich getraut hätte… Hätte jetzt aber nicht gedacht, dass es gar nicht so spektakulär ist, wie im Buch beschrieben. Vielleicht hat es sich in den Jahren, seit der Reise des Autors, verändert. Was meinst du, wäre das möglich?!
      Danke für deine Eindrücke!
      GlG, monerl

  3. Hallo monerl,
    das hört sich interessant an. Ich selbst werde Äthiopien wohl auch nicht bereisen, aber ich mag solche Reiseberichte. Nur gänzlich ohne Fotos finde ich auch etwas knickerig. Kommt drauf an, wie “bunt” es dann beschrieben ist.
    LG
    DW

    1. Da man eben in einem Menschenleben nicht die ganze Welt bereisen kann, genau deshalb liebe ich solche Reiseberichte. Dieser hier ist schon toll gelungen. Ich mag es ja nicht kitschig, aber bunte Reisebilder gehören für mich irgendwie dazu. So ein bisschen was fürs Auge macht für mich die Lektüre besonders.
      GlG, monerl

  4. Hallo Monerl,
    Für mich war Äthiopien auch immer nur mit den Hungerkatastrophen verbunden. Bis eine Freundin dort letztes Jahr Urlaub machte. Ich werde ihr direkt dieses Buch empfehlen!
    Liebe Grüße
    Silvia

    1. Hallo Silvia,
      wie toll, dass deine Freundin tatsächlich dort war! Wie hat es ihr gefallen. Würde mich total interessieren, was sie zum Buch sagen würde, da sie schon dort war. Vielleicht hat sie Lust auf das Buch und gibt dir sogar irgendwann mal eine Rückmeldung.
      GlG, monerl

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