Rezensionen | Sachbuch

[Buchvorstellung] Der Stammhalter – ALEXANDER MÜNNINGHOFF

23. Juli 2018

#239 Rezension


Buchvorstellung

Der findige Großvater mit seiner Firma, ein lebenshungriger Sohn und ein Enkel, der Stammhalter, der entführt werden muss: Zwischen diesen drei Generationen entspinnt sich die wahre Geschichte vom Niedergang einer Familie im 20. Jahrhundert, nicht durch den Krieg, der gut für die Geschäfte ist, sondern weil jeder für den anderen «nur das Beste» will.
Alexander Münninghoff hat aus den vielschichtigen Beziehungen einer Familie, aus der versunkenen Welt zwischen Riga und Den Haag, einen zauberhaften, bewegenden Roman geschaffen. Der niederländische Kaufmann Joannes Münninghoff führt im baltischen Riga an der Seite seiner schönen russischen Gattin Erica ein mondänes Leben. Allmählich bahnt sich ein Drama an, das mit dem Krieg seinen Lauf nimmt: Sein Sohn Frans geht zur Waffen-SS, der alte Herr setzt sich nach Den Haag ab. Weil Frans nicht zum Erben taugt, gerät der Enkel als Stammhalter ins Visier, doch seine Mutter flieht mit ihm nach Deutschland … Alexander Münninghoff hat mit dieser wahren Geschichte eine große Familiensaga geschrieben. Mit wunderbarer Leichtigkeit lässt er seine Figuren in unvergesslichen Szenen lebendig werden, immer begleitet von einem leisen Donnergrollen im Hintergrund. Es kündigt nicht die eine große Katastrophe an, sondern die fast unmerkliche Auflösung von Beziehungen, Hoffnungen und Leidenschaften.


Meine Meinung

Nachdem ich den Klappentext gelesen hatte war mir klar, diese Familiengeschichte muss ich lesen! Die beiden unterschiedlichen Handlungsorte, Lettland und die Niederlande, übten einen zusätzlichen Reiz auf mich aus. Nachdem ich innerhalb ganz kurzer Zeit das Buch ausgelesen hatte, war ich sprachlos. Mir verschlug es regelrecht die Sprache, ob dieser ganzen Intrigen, Machenschaften, Unterdrückungen, Beziehungen, Machtausübungen und Geldgier, die sich bis in die 4. Generation ausdehnten und traurige Konsequenzen hatten. Ein “Familienkrimi”, wie er mir so noch nicht untergekommen ist.

Der Autor ist gleichzeitig der Titelgebende Stammhalter. Dieses Buch ist eine Familienchronik und gleichzeitig auch ein Teil Autobiografie, wobei der Fokus auf dem Großvater, Joannes Münnighoff, liegt. Der Enkel zeigt auf, wie der Großvater, der die Familie reich und groß werden ließ, stets seinen Willen durchsetzte und alle Stricke in der Hand hielt. Er vollführte das unglaubliche Künstück, auch durch den 2. Weltkrieg hindurch, die Geschäfte, den Familiennamen und das Überleben zu sichern. 

Aber auch der Großvater, wie es bei vielen solch starken und sehr konservativ eigestellten Menschen gang und gäbe ist, kümmerte sich kaum um die Gefühle seiner Familienangehörigen. Sie hatten zu funktionieren, sollten ihren Teil zum Imperium leisten und gut war´s. Er merkte wohl zu keiner Zeit (oder es war ihm egal), dass sein Erstgeborener aufgrund dieser Bevormundung und des Desinteresses für eigene Wünsche, sein Leben lang gegen seinen Vater rebelliert hat.

“Du bist Niederländer. […] Aber in ihm wehrte sich alles gegen das Niederländersein. Zu diesem blöden Land mit seinen uninteressanten Menschen wollte er nicht gehören, da war er sich sicher.” (S. 30)


Diese Abneigung gegen alles, das mit den Niederlanden zu tun hatte ging schließlich so weit, dass sich Frans bei der Waffen-SS einschrieb und für diese im Russland-Feldzug als Russisch-Dolmetscher des Regimentsstabs eingesetzt wurde. Gegen den niederländischen Vornamen seines ersten Enkels wetterte er so lange, bis  dieser durch eine sehr teure Namensänderung von Michiel in den deutschklingenden Namen Michael geändert wurde.

Frans fühlte sich von seinem Vater nie angemessen behandelt und wertgeschätzt, permanent mich sich selbst beschäftigt, war er leider nicht in der Lage seinem Sohn ein liebevoller und an ihm interessierter Vater zu werden.

Doch nicht nur auf Frans, den Erstgeborenen, wirkte sich das Handeln des Großvaters negativ aus. Auch seine beiden anderen Söhne und eine Tochter schafften es nie ganz ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen und zu gestalten. Als der alte Herr 1954 gestorben war, war es zu spät. Die Kinder waren zerstritten und es gab kein zurück mehr. Familien waren auseinandergerissen und die Zeit zu weit fortgeschritten.

Während der erste Teil vom Großvater und seinem Einfluss auf die Familie, die Politik und den Geschäftsberbindungen handelt, widmet sich der Autor im zweiten Teil seiner Mutter Wera und im dritten und letzten Teil seinem Vater Frans. Traurige Geheimnisse werden aufgedeckt, durch die Alexander Münninghoff sein Leben und die Beziehung zu seinen Eltern reflektiert. Vieles war passiert, mit dem der ursprünglich auserkorene “Stammhalter” fertig werden musste. So viel Leid machte mich sehr traurig und ich fragte mich, wie der Autor das alles “heil” überstehen konnte.

In dieser Familien-Biografie legt Alexander Münninghoff vieles offen. Konsequent und erbarmungslos spricht er über Verfehlungen und illegale Geschäfte, die in ca. 80 Jahren Familienchronik aufgelaufen sind. Als Leser bekommen wir Informationen über politische Verflechtungen und Intrigen, von denen wir uns kaum vorstellen können, dass es sie so gegeben hat. Sehr deutlich wurde mir, wie weit ich als “normaler”, einfacher Mensch von solchen elitären Kreisen weg bin und wie froh ich darüber sein kann.


Fazit

Dieses Buch hat mich fasziniert, erschreckt, abgestoßen, traurig und sprachlos gemacht. Es zeigt sehr gut auf, wie wichtig eine emotionale Bindung von Familienmitgliedern ist und was passiert, wenn es diese nicht gibt. Sehr schön können Fehlentscheidungen und die Konsequenzen daraus abgelesen werden. Das Buch zeigt auch anschaulich, wie vernachlässigte, (charakterlich) schwächere Menschen sich für fanatische Ideologien begeistern lassen. Es ist von der ersten bis zur letzten Seite spannend! Absolute Leseempfehlung für Liebhaber von Familienchroniken, Familiengeschichten und Biografien! Zudem gibt es einen tollen Einblick in das Lettland vom frühen 20. Jahrhundert und was durch den 2. Weltkrieg passiert war und warum. Das alles aus Sicht eines Niederländers. Wunderbar!


Weitere Rezensionen

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Ich danke dem C.H. Beck Verlag, der mir freundlicherweise das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

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  1. Liebe Monerl,

    ich gestehe, ich habe Deine Rezi nur überflogen und Eure Kommentare sagen mir alles, was ich dachte. Der Titel alleine schon.
    Das ist nix für mich, aber es freut mich, dass es Dir gut gefallen hat.

    Liebe Grüße
    Petrissa

    1. Wie, nur überflogen? Warum das denn? Deine Kommentar kann ich irgendwie nicht so richtig entnehmen, was dich so abschreckt?! Kannst du das präzisieren? Was sagt dir der Titel?
      GlG, monerl

  2. Hi monerl,
    dysfunktionale Familien sind wirklich schlimm, v.a. weil der einzelne damit so zu knabbern hat. Und wie schön, wenn einem eine liebevolle Familie auffängt.
    Ich hab ja grad mit “Das Lügenhaus” angefangen und auch da funktioniert die Familie alles andere als gut.
    LG – Daniela

    1. Als ich die Buchdeckel nach dem Lesen zugeklappt hatte, musste ich erstmal kurz innehalten. Ich fand wirklich furchtbar, was der Autor in dieser Familie alles aushalten musste! Er tat mir sehr leid. So eine Familie wünscht man wirklich niemandem. Super spannend fand ich aber das ganze Drumherum. Die Fäden des Großvaters, wie er sie zu seinem Vorteil gezogen hatte, nicht nur im familiären Bereich sondern auch insbesondere in Politik und Wirtschaft. Unglaublich, was dieser alte Mann in seinem Leben alles geschafft hatte. Ich bin sicher, dass dir das Buch auch super gefallen wurde!
      “Das Lügenhaus” habe ich als eBook auf dem SuB, wenn ich mich nicht täusche…
      GlG, monerl

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