Der Zopf meiner Großmutter
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[Buchvorstellung] Der Zopf meiner Großmutter – ALINA BRONSKY

8. Mai 2019

#280 Rezension
#WirLesenFrauen

 

Buchbeschreibung

Meine Großmutter, mein Großvater, seine Geliebte und ich.

»Ich kann mich genau an den Moment erinnern, als mein Großvater sich verliebte. Es war klar, dass die Großmutter nichts davon mitkriegen sollte. Sie hatte schon bei geringeren Anlässen gedroht, ihn umzubringen, zum Beispiel, wenn er beim Abendessen das Brot zerkrümelte.«

Kaum jemand kann so böse, so witzig und rasant von eigenwilligen und doch so liebenswerten Charakteren erzählen wie Alina Bronsky: Max’ Großmutter soll früher einmal eine gefeierte Tänzerin gewesen sein. Jahrzehnte später hat sie im Flüchtlingswohnheim ein hart-herzliches Terrorregime errichtet. Wenn sie nicht gerade gegen das deutsche Schulsystem, die deutschen Süßigkeiten oder ihre Mitmenschen und deren Religionen wettert, beschützt sie ihren einzigen Enkel vor dem schädlichen Einfluss der neuen Welt. So bekommt sie erst als Letzte mit, dass ihr Mann sich verliebt hat. Was für andere Familien das Ende wäre, ist für Max und seine Großeltern jedoch erst der Anfang.

Ein Roman über eine Frau, die versucht, in einer Gesellschaft Fuß zu fassen, die ihr entgleitet. Über einen Mann, der alles kontrollieren kann außer seine Gefühle. Über einen Jungen, der durch den Wahnsinn der Erwachsenen navigiert und zwischen den Welten vermittelt. Und darüber, wie Patchwork gelingen kann, selbst wenn die Protagonisten von so einem seltsamen Wort noch nie gehört haben.

 

Meine Meinung

Die Leseprobe hatte mich sofort überzeugt! Schon auf den wenigen Seiten zeigt sich der tolle Schreibstil der Autorin und der sprachliche Biss, der der Geschichte das gewisse Etwas verleiht.

Und auch die Charaktere machen die Geschichte zu etwas Besonderem. Allen voran Großmutter Margo. Sie ist eine richtig fürchterliche Person; dominant, herrschsüchtig, nach Komplimenten haschend, vorlaut, rassistisch unvm! Sie organisiert die Flucht aus Russland nach Deutschland unter Angabe von falschen Voraussetzungen. Und als sie es geschafft hat, als falsche Jüdin in einem Wohnheim für geflüchtete Juden unterzukommen, lässt sie kaum ein gutes Wort an Juden, Deutschen, Arabern… Ihre große Unzufriedenheit war für mich nicht so richtig greifbar. Sie ist eine verletzte und trauernde Mutter (obwohl das nicht richtig rüberkommt), die ihre Tochter verloren hatte und sich nun (ihrer Meinung nach) aufopferungsvoll um den (ihrer Meinung nach) kranken, dummen und bald verkrüppelnden Enkel Max kümmert. Dabei muss sie auch noch ihren (ihrer Meinung nach) faulen, zu nichts zu gebrauchenden, sturen und wortkargen Ehemann Tschingis aushalten, unterstützen und unterhalten, wo es doch eigentlich andersherum sein sollte.

Dies erfahren wir taktischerweise aus der Sicht des kleinen Max, der von seiner Großmutter in jedweder Hinsicht unterdrückt wird. Seine Offenheit und Naivität und auch Leichtigkeit, die er trotz dieser schrecklichen Großmutter an den Tag legt, ist herrlich erfrischend und gibt der Geschichte eine positive Note.

Gespannt verfolgte ich die Idee, dass sich der wenig beachtete Großvater in eine um einiges jüngere jüdische Mitbewohnerin verliebt. Was wird alles passieren? Wie wird die tyrannische Großmutter das Ganze aufnehmen?

Und Alina Bronskys Antwort überraschte mich sehr! Damit hatte ich nicht gerechnet. Und wenn ich ehrlich bin, konnte ich das Handeln von Margo nicht so ganz nachvollziehen. Ihre Großzügigkeit war nicht leicht sondern natürlich in erster Linie egoistisch. Sie nahm sich, was sie wollte und brauchte und nahm dabei wenig Rücksicht auf andere. Ebenso konnte ich die Reaktion des Großvaters Tschingis und der Geliebten Nina nicht nachvollziehen, da Alina Bronsky nicht genug darstellt, wieso ihre Figuren so handeln wie im Buch beschrieben.

Das ist in meinen Augen die größte Schwäche des Buches. Es gibt nicht genug Erklärungen und Anhaltspunkte, um die skurrilen Charaktere zu verstehen. Vielleicht liegen sie zwischen den Zeilen verborgen. Doch leider war ich nicht in der Lage sie zu filtern.

Das Ende kam ein wenig überhastet. Und wieder hadere ich damit, es nicht zu verstehen. Ja, Großmutter Margo will Großes erreichen, unmögliches vollbringen, sich großzügig zeigen… aber so? Warum dieses Ende mit dem titelgebenden Zopf? Schade, dass Alina Bronskys Gedanken nicht bis zu mir durchdringen konnten.

 

Fazit

Die Idee dieses Buches ist fantastisch und die Autorin kann mit Sprache und ihrem eigenen Stil grandios jonglieren. Doch leider gefiel mir die Umsetzung weniger. Einige Seiten mehr hätten dem Buch sehr gut getan, um die Lücken und die immer schneller voranschreitende Handlung der Geschichte zu füllen und nachvollziehbar zu machen. So bleibt das Buch, trotz seiner eigenen Genialität, eine etwas unausgegorene Geschichte.

 

Weitere Rezensionen

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Ich danke vorablesen sowie dem KiWi Verlag, die mir freundlicherweise das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

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  1. Bücher treffen auf Erwartungen – manchmal werden sie erfüllt, ein andermal nicht. Ich verstehe Deine Einwände, teile sie jedoch nicht. So unterschiedlich werden eben auch Romane empfunden… ☺

    Herzliche Grüße,
    Anne

    1. Liebe Anne,
      danke für deinen Besuch und Kommentar. 🙂
      Interessanterweise fand ich das Buch immer schlechter, je mehr ich darüber nachdachte und mich mit anderen austauschte. Dann erste wurde mir klar, was ich alles vermisste und welche Handlungen ich nicht nachvollziehen konnte. Gedanklich hatte ich mich noch einige Tage nach dem Lesen mit dem Buch außeinandergesetzt. In dieser Intensität mache ich das selten.
      Freue mich aber, dass dir die Geschichte viel besser gefallen hat als mir.
      GlG, monerl

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