Deutschland verdummt
Rezensionen | Sachbuch

[Buchvorstellung] Deutschland verdummt: Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut – MICHAEL WINTERHOFF

12. November 2019

#318 Rezension

 

Buchbeschreibung

Bildung in Deutschland: eine Katastrophe. Kinder und Gesellschaft nehmen Schaden! Michael Winterhoff redet Klartext, zeigt anhand vieler Beispiele aus seiner langjährigen Praxis als Kinder- und Jugendpsychiater, aber auch aus zahlreichen Rückmeldungen zu seinen Büchern und Vorträgen, was heute in Kitas und Schulen falsch läuft – so falsch, dass in seinen Augen die Zukunft unserer Gesellschaft gefährdet ist. Leidtragende sind für ihn die Kinder, die man quasi sich selbst überlässt. Winterhoff verharrt nicht bei der Bestandsaufnahme und Analyse, er zeigt konkrete Lösungen und Maßnahmen auf und fordert u.a. eine groß angelegte Bildungsoffensive: Weg von Kompetenzorientierung und den unfreiwillig zu Lernbegleitern degradierten Lehrern, hin zu echter Bildung und Pädagogen, die den Kindern wieder ein Gegenüber sein dürfen. Denn nur die Orientierung an Bezugspersonen ermöglicht die Entwicklung von emotionaler und sozialer Psyche.


Die aktuelle Bildungskatastrophe: Michael Winterhoff redet Klartext
Konkrete Lösungsvorschläge und Wege aus der Misere
Erschütternde Insiderberichte aus Kita und Schule
Der aufrüttelnde Appell des renommierten Kinder- und Jugendpsychiaters

 

Meine Meinung

Dieser Titel ist ein echter Eyecatcher. Ich las ihn und wusste, dieses Buch muss ich lesen! Meine beiden Kinder sind aktuell vier und fünf Jahre alt und die Schulzeit ist nicht mehr so weit entfernt. Der Beginn meiner Schulzeit liegt bereits 35 Jahre zurück und mir ist klar, dass sich in dieser Zeit einiges verändert hat. Ein bisschen Pisa-Studie habe ich mitbekommen und auch, dass versucht wird / wurde, die deutsche Schulbildung zu verändern bzw. zu verbessern, wie z.B. G8 statt G9, Schreiben nach Gehör usw. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich jedoch nicht viel mehr, als ich hier aufgezählt habe, da dieses Thema für mich bisher keine Priorität hatte.

Nun wollte ich wissen, was genau sich geändert hat, das den Autor veranlasste dieses Buch mit diesem Titel zu schreiben.

Dr. med. Michael Winterhoff ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie für Psychotherapie. Er ist kein Lehrer, wie man zuerst vermuten würde. Er hat aus seiner beruflichen Tätigkeit heraus mit Eltern und Kindern zu tun, die mit Problemen in seine Praxis kommen und sich Rat und Hilfe erhoffen. Aus den vielen Jahren Praxiserfahrung hat er einen Vergleich von Kindern von früher zu heute. Aus diesem Erfahrungsschatz wie auch aus Interviews mit Lehrern, Eltern und Politikern erklärt er die heutige Situation von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen.  Er geht auf die sich darstellenden Probleme ein, benennt Ursachen und gibt Lösungen vor.

Dabei geht er sehr strukturiert vor. Die unwissende Leserschaft klärt er zunächst über die bildungspolitischen Veränderungen auf und welche Konsequenzen das auf die jeweiligen Schüler und Lehrer bis heute noch hat.

Er zeigt auf, wie diese Misstände aussehen und warum sie entstehen. Um das nachvollziehen zu können erklärt Michael Winterhoff die “Psychologie der Erziehung”. Sehr spannend und interessant finde ich dabei, in welchem Alter (Klein)Kinder bestimmte Entwicklungen machen und welche psychischen Schritte ihr Gehirn dabei vollzieht und wann genau das endet, wie z.B. wann Kinder Empathie lernen, wie sie das lernen und ab wann das abgschlossen wird. Verpasst man dieses Zeitfenster ist ein Nachholen nicht mehr möglich.

Sehr informativ fand ich auch die Aufklärung, welchen Stressfaktoren die Kinder durch die aktuelle Bildungspolitik ausgesetzt sind und warum das dringend geändert werden sollte.

Jedes Thema schließt der Autor mit einem abschließenden Fazit ab, das komprimiert sehr hilfreich ist, den Überblick nicht zu verlieren.

Das Buch ist für ein breites Publikum geschrieben, deshalb wirft der Autor nicht mit Fachbegriffen um sich. Die einfache und verständliche Sprache machen das Buch für Laien wie mich begreifbar.

Dieses Buch löste Entsetzten, Wut, Traurigkeit und viele Fragen in mir aus. Ich möchte glauben, dass es ein Fake ist, doch man muss nur ein paar Begriffe im Internet suchen und findet genug Berichte, die die Ausführungen von Winterhoff leider bestätigen.

Denkt man dann 30 Jahre weiter, sieht die Zukunft tatsächlich beängstigend aus, denn sie könnte aus einer Gesellschaft bestehen, in der erwachsene und oftmals intelligente Menschen in einer Kleinkind-Psyche gefangen und unzufrieden sind. Sie würden wenig bis gar nicht empathiefähig sein, überwiegend ich-bezogen und egoistisch handeln, globalen Anforderungen nicht mehr gewachsen sein oder keine Lösungswege mehr erarbeiten können, sich gestresst und unter Druck gesetzt fühlen und kaum mehr “Biss” aufbringen etwas herrausragendes erreichen zu wollen. Sie würden sich wohl eine Spaßgesellschaft wünschen, die an globalen Problemen nicht interessiert sein würde / könnte. Ob sie sozial und in Frieden würden miteinander leben können bezweifle ich sehr stark.

 

Fazit

Ein sehr, sehr lesenswertes und Augen öffnendes Buch, das nicht nur lautstark Kritik äußert, sondern Ursachen benennt und Lösungen aufzeigt. Mir, als Mutter von bald zwei schulpflichtigen Kindern, hat dieses Buch sehr geholfen, da ich nun weiß, auf was ich mich einstellen und welche Bereiche und Defizite ich auffangen muss, damit meine Kinder in diesem sie alleine lassenden Bildungssystem nicht untergehen.

 

Weitere Recherche

Interview mit Kinderpsychiater Michael Winterhoff in Focus online vom 12.11.2019

Interview mit Michael Winterhoff “18-Jährige mit dem sozialen Reifegrad eines Kleinkindes” in Deutschlandfunk vom 03.06.2019

Kritik “Pädagogik zum Gruseln” zum Buch aus Zeit online vom 01.06.2019

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Alternativ kannst du auch diesen Link benutzen, der dich direkt zum Video auf die Website des Videoanbieters bringt: https://youtu.be/l8OrgS3lAK8

Diagnostiziert eine Bildungskatastrophe | Psychiater Dr. Michael Winterhoff | SWR1 Leute
•veröffentlicht 11.06.2019

 

 

Mit diesem Buch mache ich mit bei der Linkparty von Andreas Lesezimmer.

 

Weitere Rezensionen

– wird nachgetragen –

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Ich danke dem Gütersloher Verlagshaus sowie dem Bloggerportal, die mir freundlicherweise das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

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  1. Liebe Monerl,

    jetzt muss ich nochmal dumm nachfragen. Der Lehrer führt ein Thema ein und dann bekommen die Kinder Arbeitsblätter und erarbeiten den Rest selbst?

    Ich habe auch die Unterhaltung mit Nico gelesen und eines denke ich bestimmt: Wie der Lehrer, die Lehrerin drauf ist, entscheidet alles. Die Frau von einem guten Bekannten ist auch Grundschullehrerin in Ffm und als ich mit ihm über das “Schreiben nach Gehört” diskutiert habe, hat er ganz anderes erzählt, als ich von allen Eltern bisher gehört habe. Also bei seiner Frau schreiben die im ~ ersten halben Jahr der ersten KLasse (je nach Klasse auch unterschiedlich) nach Gehört und danach werden sie verbessert. Und andere Eltern erzählen, ihre Kinder wurden die ersten 4 Jahre nicht verbessert.
    Aber du kannst dein Kind ja nicht jeden Morgen nach Ffm karren! Du kannst auch keine Probetage in einer Schule verbringen, um die Lehrer anzuschauen, die nächstes Jahr die erste Klasse unterrichten.
    Privatschulen: Von früher kenne ich Leute, die auf einer Privatschule waren. Da wurde den Kindern der Stoff wirklich richtig gut erklärt. 2 Geschwister wechselten damals von der Privatschule in meine Klasse und für die war es schwierige, ihre ganzen 1ser zu halten.
    Fürs soziale finde ich staatliche Schulen allerdings besser. Dort lernen die Kinder, mit allen Schichten auszukommen. Wer kann sich schon Privatschulen leisten.
    Mädchengymansien sind wohl nochmal strenger. Aber mit streng allein hat es sich ja nicht.
    Es scheint ein Studium für sich zu sein, was da auf dich zu kommt. 🙁 Aber deine beiden sind sehr intelligent und das wird sicher schon mal viele Türen öffnen.
    Mein Patenkind hatte als Kleinkind schlimme Epilepsie, war teilweise ein halbes Jahr im Krankenhaus. Nun hat er eine Leseschwäche und war auf Grund seiner Erkrankung lange nicht so fit wie Gleichaltrige. Sie wohnen auf dem Dorf, es gibt nur eine Grundschule und die war grauenhaft. Er ist jetzt auch 11, hasst die Schule und das Lesen. :”((

    Liebe Grüße
    Petrissa

    1. Liebe Petrissa,
      der Grundtenor lautet, dass Kinder sich eigenständig Hilfe vom Lehrer holen müssen, wenn sie Hilfe benötigen. Tun sie das nicht, geht der Lehrer davon aus, dass das Kind keine Hilfe braucht. So beschreibt es der Autor.
      Es war früher so und heute natürlich auch, dass das Meiste am Lehrer liegt. Das beruhigt mich etwas. Bleibt also übrig zu hoffen, dass meine Mädels gute Lehrer*innen kriegen und sich entfalten und ausreichend lernen und zum Lernen animiert werden. Ein kleiner Rest liegt immer an den Eltern. Das ist ja auch gut so. Ich hatte meine ganze Schulzeit über ausgezeichnete und freundliche Lehrer*innen. Es gab nicht mehr als 3 kleine Ausnahmen. Ich denke immer freudig und glücklich an meine Schulzeit zurück! Es war so schön und ich bin sowas von gerne in die Schule gegangen!
      Privatschulen für zwei kann ich mir nicht leisten. Das ist schon krass, was die verlangen…
      Das mit deinem Patenkind tut mir sehr leid! Das wird ihn stark prägen und ist eigentlich sowas von unnötig. Hoffentlich hat er mehr Glück bei der weiterführende Schule!
      GlG, monerl

  2. Hallo Monerl,
    danke für deine ausführliche und aussagekräftige Rezension. Das Thema ist brisant und interessiert mich auch sehr, und ich habe mir das Buch gleich mal vorgemerkt.
    Liebe Grüße
    Susanne

    1. Liebe Susanne,
      ich freue mich, dass ich dich mit meiner Rezension erreichen konnte. Das Thema ist brisant und absolut wichtig! Es geht ja um unsere Kinder, die Generationen, die nach uns noch ein sehr schönes und angenehmes Leben führen sollen.
      Falls du magst, leihe ich auch dir das Buch zum Lesen. Gib mir einfach Bescheid.
      GlG, monerl

  3. Liebe monerl,

    wie du weißt, bin ich Lehrer (1. bis 4. Klasse) und werde versuchen, auf das Buch so sachlich wie möglich einzugehen. Gerade sitze ich im Zug zur Schule und habe extra mein Tablet mitgenommen, denn ich fürchte die Antwort wird ausführlicher ausfallen. Dabei gilt: Ich kann nur für mich und für das Schulsystem in Baden-Württemberg sprechen, schließlich arbeite ich dort.

    Ja, es gibt Vieles zu kritisieren an unserem Schulsystem. Einige Punkte aus dem Buch scheinen mir jedoch aus Sensationslust zugespitzt, zu anderen habe ich eine komplett andere Meinung.
    Unser Schulsystem ist langsam und träge. Änderungen kommen erst nach mehreren Jahren auf der untersten Schulebene an. Beispiel Digitalisierung: Während Dänemark sich vor 20 Jahren auf den Weg gemacht hat, zahlt der Bund erst in diesem Jahr! mehrere Milliarden Investitionen in die digitale Bildung an die Länder aus.
    Alle kochen ihr eigenes Süppchen. Bildung ist (leider) immer noch Ländersache. Deswegen kann die Schulpolitik in Bayern gehörig von der in Bremen abweichen. Die Länder, die sonst nur noch recht wenig Autonomie haben, klammern sich verzweifelt an ihre eigene Bildungspolitik und wehe, da will ihnen jemand durch länderübergreifende Zusammenarbeit in die Suppe spucken.
    Es fehlt an Geld. Beispiel Inklusion. Der Gedanke, Kinder mit und ohne Behinderung lernen zusammen, jede in ihrem eigenen Tempo, den finde ich gut, richtig und wichtig. Die Vorstellung, so etwas könnte „kostenneutral“ ablaufen, ist allerdings ein Witz. Es braucht für so etwas Investitionen in Infrastruktur und vor allem in Personal.
    Es gibt zu wenig Lehrer. Jeder Babynahrungshersteller kann die Anzahl zukünftiger Kinder besser vorhersagen, als die Kultusminister. Der Zugang zu Lehrerstellen wurde über Jahrzehnte durch einen Numerus clausus künstlich verknappt, so dass es jetzt auf einmal – oh Wunder – viel mehr Kinder als Lehrkräfte gibt. Mittlerweile wird versucht, gegenzusteuern, allerdings braucht eine abgeschlossene Lehrkräfteausbildung mindestens 7 Jahre. Diese Zeit können heutige Erstklässler nicht mehr auf ihre Lehrer*innen warten. Deshalb wird gerade alles als „Lehrkraft“ eingestellt, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Eine gefährliche Entwicklung für die Bildung unserer Kinder.

    So, genug gemotzt. Ein Hoch auf den kompetenzorientierten Bildungsplan, der wenigstens ein Schritt in die richtige Richtung ist! Es geht nicht mehr darum: „Die Schüler*in kennt 27 Fakten zu der Katze“ sondern darum: „Die Schüler*in kann einen selbst erarbeiteten Inhalt vor anderen Personen vortragen.“ Wie schön, dass die Ziele weniger inhaltsbezogen sind, weil: Jede*r lernt nur das, was er selbst möchte. Da kann frau* noch so viel anbieten, das Kind pickt sich selbst heraus, was es für sich mitnimmt. Wenn das Kind also sich selbst entscheidet, ein Referat über das Zuhause wohnende Kaninchen zu halten und sich mit Fleiß und Interesse in die gesamte Thematik einarbeitet, nimmt es viel mehr mit und das Referat wird besser, als wenn das Kind gewzwungen wird, ein Katzenreferat zu halten, obwohl es Katzen total kacke findet. Ich hoffe, du kannst mit dem Beispiel etwas anfangen und das auch auf andere Inhalte beziehen.
    Ein Hoch auf die Abschaffung des lehrerzentrierten Frontalunterrichts! Wie schon erwähnt, das Kind entscheidet selbst, was es lernt. Es ist eine Illusion, dass derselbe Lernstoff für alle Kinder gleichzeitig funktioniert. Dafür kommen die Kinder mit viel zu unterschiedlichen Voraussetzungen jeden Tag in die Schule. Wenn die Lehrer*in nun also mehr zur Lernbegleiter*in wird, dann hat sie nicht weniger Zeit für die Kinder, sondern mehr. Sie kann viel besser auf die einzelnen Schüler*innen eingehen und ihnen mehr Aufmerksamkeit widmen, als wenn sie ständig vor der Klasse stehen und mit lehren beschäftigt sein müsste.
    Sowieso, die Lehrkraft verfügt immer noch über ein hohes Maß an pädagogischer Freiheit. Es liegt in meiner Verantwortung, ob ich mit meinen Schüler*innen intensiv Frauenrechte behandle und versuche sie auf einen Weg zu bringen, auf dem sie alle Menschen als gleichberechtigt ansehen. Es liegt in meiner Verantwortung, ob ich meinen Schüler*innen jede Woche in einem Klassenrat demokratische Basiskompetenzen näher bringe und sie den Klassenalltag mitbestimmen lasse – oder nicht.
    Letztendlich hängt also vieles an der Lehrkraft. Und wie bei uns allen, werden deine Kinder während ihrer Schullaufbahn besseren und schlechteren Lehrer*innen begegnen, von manchen werden sie mehr mitnehmen als von anderen. An einige werden sie sich noch Jahrzehnte später erinnern, hoffentlich nicht aus Wut, sondern aus Freude.

    Was ich damit sagen will, auch wenn ich nur einen Teil der Argumente aufgegriffen und mich vermutlich immer noch viel zu kurz gehalten habe: Es ist nicht alles schlecht in der Schule – und schon gar nicht so schlecht, wie es dich dieses Buch Glauben machen will, liebe Monerl.

    Ganz liebe Grüße,
    Nico

    1. Lieber Nico,
      ganz herzlichen Dank für deinen so ausführlichen Kommentar! Mein Herz schlägt immer gleich höher, wenn jemand Baden-Württemberg erwähnt, meine geliebte und sehr vermisste Heimat. hihi Du bisch also Grundschullehrer im Schwobaländle. 😉

      Ich bin ja in Esslingen zur Schule gegangen und hab in Stuttgart studiert. Lebe jetzt in Hessen und merke, dass das hessische Schulsystem sich vom baden-württembergischen unterscheidet. Wie stark heute noch (im Vergleich zu meiner Zeit), weiß ich nicht. Aber ich höre von Eltern aus dem Umfeld, dass Kinder keine Diktate mehr schreiben, nicht mehr auswendig lernen, oftmals auch keine Vokabeln mehr lernen / üben müssen. Ich kenne das System Schreiben nach Gehör. Mancherorts empfehlen Lehrer den Eltern so spezielle Lärmschutzkopfhörer zu besorgen, damit das Kind vom Lärm im Klassenzimmer nicht abgelenkt wird. Störenfriede dürfen nicht mehr vor die Tür geschickt werden usw. Das sind alles so Sachen, bei denen ich denke, das kann doch nicht sein?
      Ich stimme dir zu, dass ein reiner Frontalunterricht nicht zielführend ist, da jedes Kind anders ist. Ich kann auch dein Beispiel mit der Katze und dem Kaninchen nachvollziehen und bin auch da bei dir. Alles, das man aus eigenem Antrieb macht, lernt man schneller, besser und es bleibt dauerhaft im Gedächtnis. Aber auch hier braucht es Anleitung. Was ich mir nicht so richtig vorstellen kann, ist, dass Kinder ganz frei und selbständig entscheiden, ob sie nun lernen und Hausaufgaben machen. Auch die Kontrolle von Letzterem gehört für mich dazu. Damit Kinder auch wissen, wofür sie es machen. Gem. Autor gehen Kinder erst ab 14 Jahren für sich selbst in die Schule. Ab da sind sie eigentlich in der Lage zu verstehen, wofür Schule und das Lernen wichtig sind und dass sie es für ihren beruflichen Lebensweg brauchen werden. Kinder unter 14 lernen für die Eltern. Daher ist es m.M.n. auch sehr wichtig, dass sie von ihren Eltern wie auch Lehrer*innen angeleitet und gelobt werden. Sie brauchen Erfolgserlebnisse und müssen Hindernisse überwinden und nicht gleich aufgeben, wenn es mal etwas schwerer wird.

      Dem Buch entnehme ich, dass das Konzept Bildungssystem in Deutschland nicht mehr richtig funktioniert. Und ja, es steht und fällt am Ende immer noch mit dem*r Lehrer*in. Das war früher so und ist auch heute noch so. Vielleicht ist es heute sogar noch viel wichtiger, dass Schüler an sehr gute Lehrer*innen geraten, denn die Lehrstruktur lässt sie gem. Autor da im Stich.

      Natürlich ist der Titel des Buches überspitzt. Er soll halt ein Eyecatcher sein, die Leute sollen zum Buch greifen. Ich habe das Buch gelesen und gehört und erlaube mir zu sagen, dass es für niemanden ein Fehler wäre das Buch zu lesen. Es liest sich flott und ist verständlich. Jede*r kann was draus mitnehmen. Insbesondere öffnet es die Augen der Eltern mehr auf ihre Kinder zu achten, sie zu beobachten und im Gespräch und in Beziehung mit ihnen zu bleiben. Schule und Lehrer*innen können Vieles heutzutage nicht mehr leisten. Wenn Eltern das erkennen, können sie dagegensteuern. Das ist mein absoluter Mehrwert aus dem Buch, für den ich dankbar bin.

      Es ist sehr, sehr traurig, dass es zu wenig Lehrer*innen gibt und insbesondere, dass gerade Grundschullehrer*innen etwas abgewertet werden. Ich habe das auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis mitbekommen. Alle, die Lehramt studiert haben, schrieben sich für die Richtung Realschule oder (die meisten) Gymnasium ein. Nur eine aus meinem Kreis studierte Grundschullehramt. Und immer wieder musste sie sich rechtfertigen, warum sie denn “bloß” Grundschullehrerin werden wollte.
      Nachdem ich nun Mutter von zwei Kindern bin und nun am eigenen Leib erfahre, wie wichtig die Erziehung und Förderung bereits im Kleinkindalter ist, verstehe ich die sog. neue Bildungspolitik nicht. Unser Kindergarten hat 4 Erzieher*innen auf 16-18 Kinder, wenn ich mich richtig erinnere. Das ist Luxus, wie ich das meinem Umfeld entnehmen kann. Um aber Inklusion und gerechte Förderung im Schulwesen betreiben zu können, wäre so ein Schnitt auch nötig, um sich jedem Kind als Lehrkraft gerecht zuwenden zu können. Ich hatte damals Glück. Wir waren in der Grundschule nur 13 Kinder. Es war schön und nicht laut. Drei bis vier Jahre später hatte meine Schwester schon eine ganz andere Konstellation mit 30 Kindern auf eine*n Lehrer*in. Ist schon klar, das wir 13 damals ruhiger und besser gelernt haben als die 30.

      Nein, es ist nicht alles schlecht, ganz sicher nicht. Vielleicht nur ein Großteil. 😉 Ich jedenfalls würde mir wünschen, dass wir in der Lage wären, die damals sehr guten Punkte mit den heutigen neuen Erkenntnissen zu verknüpfen und ein noch besseres Lernen und Schulsystem aufzubauen.

      Mein Angebot an dich steht aber noch. Falls du das Buch lesen magst, ich leihe es dir sehr gerne aus!
      GlG, monerl

      1. Liebe Monerl,
        vielen Dank für dein liebes Angebot, aber ich glaube, ich möchte das Buch nicht lesen. Ich glaube die Überspitzungen würden meinen Puls zu sehr in die Höhe treiben. Zu dem was du sagst: Es kann sicher sein, dass das in Schulen so ist, ich kenne ja nur mein eigenes Umfeld und insbesondere mein Klassenzimmer. Bei uns ist es so, dass die Hausaufgaben morgens von mir kontrolliert werden, während die Kinder eigenverantwortlich arbeiten. Natürlich lernen die Kinder auch Gedichte auswendig, wir haben immer wieder Monatsfeiern, bei denen von jeder Klasse erwartet wird, dass sie etwas vorführt, etwa ein gemeinsam vorgetragenes Gedicht, einen Tanz, ein Theaterstück, etc.
        Unsere Schüler*innen entscheiden auch nicht frei, ob sie Hausaufgaben machen oder was sie lernen. Aber sie können in Lernfeldern entscheiden, worauf sie den Fokus legen. Beispiel Thema “Tiere auf der Wiese”. Jedes Kind musste am Ende der Einheit ein Referat halten, aber jedes Kind durfte sich “sein” Tier aussuchen. Während eine also über den Maulwurf referierte, hatte sich die andere mit der Heuschrecke beschäftigt. Und noch Monate später gab es Diskussionen unter den Kindern nach dem Motto: Mein Tier frisst deins, haha. Aber mein Tier ist viel schneller als deins. Das fand ich schon ziemlich gut.
        Natürlich arbeiten die Kinder nicht nur für sich. Alles muss gemeinsam eingeführt werden. Ich kann nicht erwarten, dass ein Kind 7+9 rechnen kann, wenn ich vorher nicht den Zehnerübergang eingeführt und gemeinsam geübt habe. Aber ob ein Kind danach noch zusätzliches Anschauungsmaterial braucht, oder ob es die schwierigen Zusatzaufgaben noch rechnet, das kann das Kind durchaus selbst entscheiden. Ziel ist ja, die Schüler*innen zu mündigen Bürger*innen zu erziehen und das geht nur, wenn die Kinder von klein auf üben, sich selbst einzuschätzen und für sich zu arbeiten. Anleitung zur Selbstregulierung quasi.
        Zuletzt noch die Lärmschutzkopfhörer. Wir haben tatsächlich fünf Stück in unserem Klassenzimmer. Es gibt immer wieder Phasen, da dürfen die Schüler*innen zum Beispiel mit ihren Nachbar*innen flüstern oder Aufgaben in Partnerarbeit erledigen. Andere Schüler können Reize aber schwieriger filtern und sind von jedem Piep abgelenkt. Da wir noch im quasi 19. Jahrhundert leben und ein Klassenzimmer (leider) immer noch ein geschlossener Raum ist, bei dem alle Kinder zur gleichen Zeit im gleichen Raum lernen müssen, finde ich die Kopfhörer für einzelne Schüler*innen in Arbeitsphasen sehr sinnvoll.

        Ich hoffe, ich kann ein wenig zur Relativierung der Thesen beitragen. Wie gesagt, ich kann immer nur über mein Klassenzimmer und mein näheres Umfeld sprechen. Es mag Schulen geben, an denen alles, was im Buch besprochen wird, zutrifft und vielleicht noch mehr.

        Liebe Grüße,
        Nico

        1. Ich danke dir für den informativen und sehr netten Austausch! Ich freue mich für deine Schüler*innnen, die mit dir einen guten “Fang” gemacht haben. 🙂 Hoffentlich gibt es noch viele, viele solcher Lehrer*innen, denen die Schüler*innen am Herzen liegen. Mach weiter so und gerate nicht zwischen die bildungspolitischen Räder.
          Schade, dass du das Buch nicht lesen magst. Deine Meinung danach hätte mich natürlich sehr interessiert. Aber ich verstehe dich andererseits auch. Lesezeit ist kostbar und am liebsten verbringt man sie mit Büchern, die einem Spaß machen.
          Ich wünsche dir einen angenehmen (Lese)Abend und auf weiterhin so tollen Kontaktaustausch!
          GlG, monerl

  4. Hallo monerl,
    ach herrjeh, das hört sich schlimm an, aber mein Gefühl sagt mir auch, dass es schlimm ist. Genaues weiß ich ja noch nicht. Da frage ich mich, ob eine Privatschule eine Idee wäre. Oder wenn Homeschooling erlaubt wäre. Und ob es Möglichkeiten der politschen Veränderung gäbe.
    Sei tapfer.
    LG
    Daniela

    1. Hallo Daniela,
      mein Gefühl und meine Umwelt sagen mir auch, dass es schlimm ist. Zumindest schlimmer als zu unserer Zeit. Ein bisschen konnte ich an meiner Nichte verfolgen, die ist jetzt 11. Es ist bisher eine sehr schwere Schulzeit gewesen. Bisher hatte ich mir noch keine Gedanken über Privatschulen gemacht. Weiß auch nicht einzuschätzen, ob sie (viel) besser sind. Homeschooling ist in Deutschland nicht erlaubt. Hab schon hin und wieder daran denken müssen, dass es schade ist, dass das nicht geht. Wenn man in die USA schaut, dort ist es ja erlaubt, scheint das recht gut zu funktionieren. Wobei ich da keine empirischen Untersuchungen kenne.
      GlG, monerl

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