Rezensionen | Roman / Gegenwartsliteratur / Liebe / Romantik / Chick-Lit

[Buchvorstellung] Die bittere Gabe – ELLEN MARIE WISEMAN

18. Juni 2018

#40 Kurzmeinung


Buchbeschreibung

Noch nie im Leben durfte die zehnjährige Lilly ihre Kammer auf Blackwood Manor verlassen. Die Menschen würden bei ihrem Anblick zu Tode erschrecken, so ihre Mutter. Umso erstaunter ist das Mädchen, als sie eines Tages mit in den Zirkus darf. Doch statt eine Vorstellung zu
bestaunen, wird Lilly an die Freakshow verkauft und fortan als “Eisprinzessin” ausgestellt. Ihr Schicksal bessert sich erst, als sie entdeckt, wie gut sie mit den Elefanten umgehen kann. Aber erst zwanzig Jahre später wird ihr hartes Los gesühnt…


Kurzmeinung

  • Genre: Roman
  • Handlung: Der Roman gliedert sich in zwei Handlungsstränge. Der erste handelt von Lilly, dem zehnjährigen Albinomädchen, das von ihrer christlich streng gläubigen Mutter als Schande empfunden und auf dem Dachboden versteckt wird. Um sich endlich von ihr zu befreien verkauft sie Lilly eines Tages an die Freakshow des gastierenden Zirkuses. Fortan ist der Zirkus Lillys Gefängnis. Julia erbt im zweiten Handlungsstrang das Anwesen ihrer Eltern, auf das sie nun zurückkehrt, nachdem sie Jahre zuvor von dort abgehauen ist. Nach und nach deckt sie Geheimnisse auf, die das Bild ihrer Eltern zerstören und sie alles in Frage stellen lässt, was sie als ihre Vergangenheit und ihre Wurzeln angesehen hat.
  • Charaktere: Alle Haupt- sowie Nebencharaktere bleiben leider streckenweise recht eindimensional. Lilly wird zwar an die Freakshow verkauft, doch so ein richtiger “Freak” ist sie eigentlich nicht. Die Autorin beschreibt Lilly eher als ein wunderschönes, zartes Mädchen, das durch seine weiße Haut und die hellen Haare wie eine Porzellan-Prinzessin wirkt. Sie kann wundervoll mit Tieren umgehen, ist feinfühlig, liebenswert und irgendwie sehr perfekt. Das, was ihre Mutter ihr angetan hat, ist furchtbar. Dies hat mich sehr berührt! Die Grausamkeit und Lieblosigkeit ihrer Tochter gegenüber, die einfach nur helle Haut hat und sonst keinerlei Behinderungen aufweist, weshalb man auf die Idee kommen kann, sein Kind dermaßen abzustoßen, ist für mich durch den Verlauf des Buches nicht nachvollziehbar geworden. Der Vater wird durchweg als Schwächling dargestellt. Zu keiner Zeit schafft er es für das einzustehen, was er denkt und was er als richtig empfindet. Auch hierfür bietet die Autorin keinerlei Erklärung. Julia bleibt lange Zeit ein Mysterium. Ich konnte sie nicht greifen. Den Zwist, den sie mit ihrer Mutter / ihren Eltern hatte und was genau die Gründe waren, dass sie von zu Hause abgehauen ist, fand ich nicht genug ausgearbeitet. Selbst den Figuren des Zirkuses fehlt es an Tiefe. Sie sind eben “Freaks“, die sich mit ihrer Situation angefreundet haben und versuchen das Beste aus ihrem Leben zu machen. Die Zirkusverantwortlichen wurden auch nur als eher böse dargstellt. Mir fehlte hier der Hintergrund, warum sie das machen, was sie machen und wieso sie eher schlechten als guten oder zumindest neutralen Charakters sind.
  • Spannung: Am Anfang ist nicht klar, was mit Lilly passiert und warum. Als Leser ahnt man zwar etwas, erwartet aber viel mehr als das, was einem die Autorin präsentiert. Wir begleiten Lilly und Julia im Wechsel und die Verbindung und das Geheimnis wird nach und nach aufgedeckt. Als mir klar war, worauf das hinauslaufen wird, gab es eigentlich kaum noch Überraschungen. Der Plot folgte meiner Vorstellung. Im letzten Drittel flacht somit die Spannung ziemlich ab.
  • Schreibstil: Die Autorin hat eine einfache und unspektakuläre Sprache gewählt. Über zwei Handlungsstränge, bestehend aus Vergangenheit und Gegenwart, spitzt sie den Roman zu. Ich hatte oftmals das Gefühl, dass viele verschiedene Momentaufnahme aneinadergereiht wurden. Mir fehlten oftmals ein länger beschreibender Abschnitt dazwischen, um der Geschichte mehr Tiefe zu verleihen. Es hat, thematisch gesehen, viel Potential gegeben, auf verschiedene Aspekte der Geschichte richtig einzugehen. Doch jeder Themenbereich wurde recht oberflächlich behandelt. Was der Autorin aber sehr gut gelungen ist, das ist die Beschreibung des schweren Schicksals von Lilly, und somit auch von Julia. Es hatte mich immer wieder sehr getroffen, was Lilly zu erleiden hatte. Eine tief-traurige Geschichte, die mir zu Herzen ging.
  • Ende: Ein nicht mehr ganz so überraschendes Ende, das leider einige Fragen offen und die Geschichte dadurch als etwas unrund erscheinen lässt. Als hätte es an Zeit und Ideen gefehlt.
  • Hörbuch: Als Hörbuch sehr schön und passend von Katrin Zimmermann eingesprochen. Ich habe ihr die lange Zeit sehr gerne zugehört. Für Hörbuchliebhaber dem Buch zu bevorzugen.
  • Fazit: Eine Geschichte, die interessant dargestellt wurde und viele Möglichkeiten zur Vertiefung bot. Leider wurden diese nicht in dem Umfang ausgenutzt. Letzendlich ist dies ein Roman, der tief berührt und einen auch am Ende äußerst traurig stimmt, doch leider zu sehr an der Oberfläche bleibt. Was aber die “bittere Gabe”, mit der das Buch betitelt wurde, sein soll, hat sich mir nicht erschlossen.


Weitere Rezensionen

Vielleicht interessiert dich auch

Loading Likes...

Only registered users can comment.

  1. Hi monerl,
    ich kann mich an die Rezi von Mikka erinnern, die ähnlich schlecht bzw. durchwachsen ausfiel wie deine.
    Ja, das Mädchen ist ein Albino – ist das jetzt wirklich alles? So war der Tenor bei ihr und bei dir ja auch.
    Schade, dass es so oberflächlich bleibt, wo es doch eigentlich hinter die Fassade der “Freaks” schauen sollte.

    1. Hey Daniela,
      ja, Mikkas Rezi deckt sich mit meiner Meinung. Ich habe dann doch 3 Sterne vergeben, da das Hörbuch sehr angenehm ist. Dem reinen Buch hätte ich womöglich auch einen Stern weniger verpasst. Manchmal ist ein Hörbuch von Vorteil 😉
      Handlungstechnisch gibt es wenig im Buch und das Wenige war mir zu oberflächlich. Aber Emotionen kann die Autorin sehr gut transportieren. Ich weiß noch, als das Buch fertig war, war ich erstmal ein paar Minuten sprachlos ob dem Schicksal, dass Lilly ereilt hatte. Ich war wirklich tief traurig. Das war mir den dritten Stern wert.
      GlG, monerl

  2. Liebe Monerl,
    ach, so Freakshows finde ich ja furchtbare gruselig.
    Ich fand das schon als Kind abstrus, aber damals konnte ich nicht recht glauben, dass das Realität sein soll(te). Seit ich weiß, dass es Realität war…. Menschen sind schon pervers.

    Zu welcher Zeit spielte das Buch?

    Liebe Grüße
    Petrissa

    1. Liebe Petrissa,

      das erste Mal ist mir so ne Freakshow im Buch “Die Insel der besonderen Kinder” so bildlich vor Augen gekommen. Kann mir sehr gut vorstellen, wie das damals wirklich war. Einfach schrecklich für die Menschen, da sie nur zum Begaffen da waren. 🙁

      Der Handlungsstrang von Lilly spielt ab 1931. Da war sie 9 Jahre alt. Der Handlungsstrang von Julia so in den 50er Jahren. Ist eigentlich gar nicht so lange her, gell! Wie erschreckend! o.O.

      GlG, monerl

  3. Ein Mensch braucht nicht anders sein, um als Freak dargestellt zu werden, liebes monerl. Zumeist reicht es schon, wenn er äußerlich von der Norm abweicht.
    Vor vielen Jahren bin ich nachts mal über einen Film gestolpert: “Powder”, da geht es auch um einen Albino. Er hat sehr schlechte Kritiken bekommen, aber als Mystery-Film fand ich ihn gar nicht mal sooo schlecht. Zumindest hatte er mich so gefesselt, dass ich ihn bis zu Ende geguckt habe.
    Wenn daran auch vieles zu kritisieren ist, fand ich es doch gut, dass zumindest das Thema mal angesprochen wird.
    Hier mal der Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Powder_(Film)

    1. Ja, Anne – da hast du schon recht. Der Aufbau der Geschichte hat irgendwie darauf hingedeutet, dass das Mädchen eine Art Monster sein muss. Und ich konnte nicht glauben, dass es ausschließlich daran lag, dass sie ein Albinomädchen war. Ich erwartete eigentlich noch zusätzliche Enstellung(en). Weiß selber nicht was…

      Danke für den Link. Werde ihn mir gerne anschauen.
      GlG, monerl

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu