Die Geschichte von Blue
Rezensionen | Roman / Gegenwartsliteratur / Liebe / Romantik / Chick-Lit

[Buchvorstellung] – Die Geschichte von Blue – SOLOMONICA DE WINTER

9. März 2018
#201 Rezension
#Vom SuB befreit

3,5 von 5 Sternen

 

Buchbeschreibung:

Welch ein Talent: Die erst 17-jährige Solomonica de Winter erzählt die Geschichte von Blue, die ihren Vater früh verloren hat, deren Mutter in ihrer eigenen Welt lebt und die sich in einen Menschen verliebt, der vom gleichen Buch besessen ist wie sie: dem ›Zauberer von Oz‹. Wie Dorothy im Buch macht sie sich auf, um jenseits des Regenbogens wieder eine Art Zuhause zu finden – und den Mörder ihres Vaters. Ein Roman mit doppeltem Boden, Drive, Chuzpe und einer völlig eigenen Poesie.

Meine Meinung:
Nach langer Zeit tue ich mir wieder etwas schwer, ein Buch in Worte zu fassen und es zu bewerten. Es passt in kaum eine Schublade. Ich musste nach dem Lesen eine Weile über die Geschichte nachdenken, ob sie mir gefallen hat oder nicht.

Fest steht, es ist kein Gute-Laune-Buch, das man schnell runterliest und sich während des Lesens freut. Eigentlich löst es während des Lesens ein beklemmendes Gefühl aus. Immer wieder musste ich mir in Erinnerung rufen, dass es hier um ein 13jähriges Mädchen geht! Es ist schwerst traumatiesiert, hat den Tod des Vaters nicht verarbeitet und hat auch keine Hilfe bekommen, um über diesen Tod hinwegzukommen. Aus einer früher wohl glücklichen Familie, bestehend auch aus einer fröhlichen, aufmerksamen und liebevollen Mutter, ist ein unglückliches, sich gegenseitig hassendes Zweiergespann geworden. Daisy, die Mutter, ist scheinbar nicht mehr in der Lage ihre Mutterrolle auszufüllen, nimmt Drogen und kann mit ihrer traumatisierten, verstummten und psychisch zerrütteten Tochter nichts mehr anfangen.

“Heilen Sie mich! Geben Sie mir Pillen, damit ich wieder normal werde! Schicken Sie mich ins Krankenhaus, und lassen Sie mich erst wieder raus, wenn ich zurechnungfähig bin! Bitte! Tun Sie es für meine Mutter! Tun Sie es, damit sie mich wieder so liebt wie früher!” (Seite 89)

 

Blue sucht Rettung, auch außerhalb ihrer “Manie” zum Buch “Der Zauberer von Oz”, das ihr ihr Vater geschenkt hat. Es ist das Einzige, das ihr von Olli geblieben ist und sie hat es zu ihrer zweiten Haut gemacht. Ohne das Buch und ohne ihr Leben mit der Geschichte von Dorothy zu verzweigen, macht sie keinen Schritt in den Tag. Blue kann ihren Hilfeschrei nicht verbal formulieren und flüchtet sich in den Gegensatz und verstummt. Doch dieser stumme Hilfeschrei wird nicht gehört und nicht erkannt. Und so wird Blue zu einem morbiden Mädchen, das anfängt zu zerfallen, bis sie keiner mehr sieht.

“Ich machte den Mund auf, und ich flehte den Himmel an, mich sprechen zu lassen, mich wüten und brüllen zu lassen wie die Löwen im Zoo, mich vor Zorn toben zu lassen. Aber dann klingelte es. Und ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, standen die Mädchen auf und gingen. Wenn sie nur den Sturm in meinem Inneren hätten sehen können. Er hätte ihnen Blätter und Sand in die Augen geweht.” (Seite 65)

 

Der Autorin ist dem Thema entsprechend eine düstere und traurige Atmosphäre gelungen, aus der man sich während des Lesens nicht befreien kann. Ihr Schreibstil ist flüssig. Und beachtet man das Alter, in dem sie das Buch geschrieben hat, ist sogar der Sprachstil erwähnenswert. Es gibt nicht so viele 16/17jährige, die in der Lage sind, sich auf diesem Niveau auszudrücken.

Der Prolog deutet darauf hin, dass Blue sich in einer Psychiatrischen Klinik befindet. Sie erzählt bzw. schreibt für ihren behandelnden Artz die Geschichte auf, wie es dazu kam, dass sie einen Mann und eine Frau getötet hat. Doch was ist passiert? Wie ist es geschehen? Wer waren die beiden? Und letztendlich: Hat sie es wirklich getan? Hat dieses 13jährige Mädchen, das von allen Gleichaltrigen gemieden und ausgelacht wird, sich getraut zwei Menschen zu töten?

“Ich war dreizehn Jahre alt, fing schon an zu heulen, wenn ich mich an Papier schnitt oder mir das Knie aufschürfte, aber jetzt war ich davon überzeugt, ich könnte töten.” (Seite 73)

 

Obwohl die Geschichte mit ihren 277 Seiten nicht allzu dick ist, hatte ich hin und wieder mit Längen zu kämpfen, die ich am liebsten überblättert hätte. Der Schluss überrascht und deshalb finde ich ihn sehr gelungen! Im Teil 2 und 3 wird der Leser aufgeklärt. Doch leider sind das, im Vergleich zum ersten Teil, nur knapp 20 Seiten, auf denen das Buch ins -richtige Bild- gerückt wird. Ein paar wenige Fragen um Daisy bleiben auch offen, die ich gerne beantwortet bekommen hätte.

Fazit:
Ein seltsames und spezielles Buch, von einer zur Erstveröffentlichung noch sehr jungen Autorin, das Einblicke in eine traumatisierte, dunkle und kaputte Seele eines Teenagers gibt. Es gibt Denkanstöße und eine kleine Vorstellung, wie es vielen Jungendlichen gehen mag und wie sie von ihrer Umwelt teilweise alleingelassen und nicht wirklich wahrgenommen werden. Und irgendwie ist es auch eine skurrile “Liebeserklärung” an den Klassiker “Der Zauberer von Oz“. Ein interessantes Buch, ein etwas verrücktes Buch und keinesfalls ein Buch für jedermann! Empfehlenswert für Leser, die immer wieder auf der Suche nach etwas Neuem und Ungewöhnlichem sind, die permanent düstere Stimmung ertragen können und sich nach dem Lesen verwundert die Frage stellen wollen, was denn das jetzt eigentlich war…

Weitere Rezensionen:
++ Buchperlenblog
+   Jekranta
–    Tasmetu

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© Diogenes Verlag
ISBN: 9783257300291

Originaltitel: Over the Rainbow
Originalsprache: amerikanisch
Übersetzer: Anna-Nina Kroll
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  1. Hallöchen!
    Schön, dass dir die Geschichte von Blue so gut gefallen hat. Ich habe dieses Buch wirklich sehr sehr gern gelesen, eben weil ich solche ungewöhnlichen Geschichten wirklich sehr mag und schätze. 🙂

    Liebe Grüße!
    Gabriela

    1. Hallo Gabriela,
      es konnte mich ja leider nicht ganz so überzeugen wie dich, aber ich bin sehr gespannt darauf, was wir von der jungen Autorin noch alles lesen werden. Sie hat auf jeden Fall sehr großes Potential.
      GlG, monerl

  2. Hi Monerl,also irgendwie reizt mich dieses Buch. Deine vorgestellten Zitate klingen schon fast melodiös, mir gefällt da der Schreibstil/Erzählstil sehr.Ich pack es auf die Wunschliste, hast es heute also doch noch geschafft *fg*LIebe GrüßeEla

    1. Hey Ela,meine gute Tat für heute kann ich also abhaken! Yeah! hihiIch freue mich, wenn ich dir das Buch schmackhaft machen konnte! Es ist definitiv auf eine bestimmte Art poetisch und dennoch recht sonderbar. Mit 3,5 Sternen ist es ganz kanpp an einem hervorragenden Buch vorbeigeratscht. Bin gespannt, wie es dir gefallen wird und ob du meine kleinen Kritikpunkte verstehen bzw. nachvollziehen können wirst.GlG, monerl

  3. Huhu :DDas hört sich echt nach einem interessanten Buch fern des Mainstreams an, also ganz nach meinem Geschmack. Ich mag solche Bücher ganz gerne und auch diese düstere Stimmung spricht mich direkt an. Danke fürs Vorstellen!Liebe GrüßeJessi

    1. Hallo Jessi,da hast du recht, das ist es auf jeden Fall! Wenn ich so überfliege, was du liest, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass dir das Buch prima gefallen wird! Falls du es liest, gib mir Bescheid, wie du es gefunden hast.GlG vom monerl

  4. Liebe Monerl,gut, dass wir heute Nachmittag über dieses Buch gesprochen haben, so konnte ich mir nun beim Lesen deiner Rezension bildlich vorstellen, wie du davon gesprochen hast. Keine einfache Kost, aber total interessant. LG, Mira

    1. Hallo liebe Mira,es ist nicht einfach über dieses Buch zu berichten, ohne die wichtigen Stellen zu verraten und somit zu viel zu sagen. Aber auch sonst ist es schwer in Worte zu fassen. Einerseits ist es wahnsinnig faszinierend und andererseits gibt es immer wieder Stellen, die einen langweilen. Wegen letzteren konnte ich dann letztendlich doch keine 4 Sterne vergeben. Aber ich bin sehr gespannt auf das nächste Buch dieser immer noch sehr jungen Autorin!GlG, monerl

  5. Da hast Du ja wahrlich eine Lektüre hinter Dir, liebes monerl. Dass die nicht einfach war, kann ich mir vorstellen. Ich hatte auch mal so ein Buch – "Im ersten Licht des Tages" von Helen Dunmore – das kann man auch nur lesen, wenn es einem richtig gut geht.Liebe Grüße, Anne

    1. Ich hatte, als ich anfing zu lesen, nicht ganz erwartet SO ein Buch zu bekommen. Bin ganz unverblümt an das Buch rangegangen. Hatte keine einzige Rezi vorher darüber gelesen, nirgendwo! 🙂 Manachmal mache ich das so und bin überrascht, welche Bücher sich so entfalten. Dieses hier ist nicht schlecht! Es ist ganz knapp an 4 Sternen vorbeigehuscht! Ich hätte gerne etwas mehr am Schluss noch erfahren. Und es gab zwei, drei Stellen zu viel, an denen ich mich etwas gelangweilt hatte. Es hatte mir noch ein kleines bisschen Pep gefehlt…Nach deinem Buch suche ich mal. Hast jetzt mein Interesse geweckt! hahaGlG, monerl

    1. Hey Daniela,es ist wirklich eine Perle, wenn man das Gesamtpaket betrachtet. Ich wäre wohl nicht so schnell über das Buch gestolpert (auch wenn der Diogenes Verlag zu meinen liebsten Verlagen zählt), wäre ich es nicht in einem Spendenpaket von Diogenes enthalten gewesen. Man konnte für Syrische Flüchtlinge spenden und dafür ein zusammengestelltes Diogenespaket erhalten. Ich habe zweimal gespendet. haha Du kannst dich in nächste Zeit auf hoffentlich weitere Perlen einstellen. Freut mich, dass du hier auf immer wieder interessante Bücher stößt! ^_^GlG vom monerl

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