Die Lotosblüte
Historisch | Rezensionen

[Buchvorstellung] Die Lotosblüte – HWANG SOK-YONG

14. Juni 2019

#288 Rezension

 

Buchbeschreibung

Denkt man an ein märchenhaftes Schicksal, so kommt man nicht sofort auf Kurtisanen und Frauenhandel, doch es ist tatsächlich ein alter koreanischer Mythos, der diesem Meisterwerk zugrunde liegt. Darin entführt Hwang Sok-Yong den Leser in das Asien des 19. Jahrhunderts, in eine Welt des Opiumhandels und der Prostitution: Von der Stiefmutter verkauft, findet sich die 15 Jahre alte Shim Chong plötzlich als Zweitfrau eines alten Chinesen wieder. Lenhwa, Lotosblüte, heißt sie jetzt, und alles ist so furchtbar anders, als sie es gewohnt ist. Viel zu essen hatte sie nie, und Betteln war ihr täglich Brot, denn sie diente ihrem blinden Vater als Augenpaar, doch der Alltag in dem fremden Haushalt kommt ihr erst recht vor wie ein böser Traum.

Als ihr Ehemann stirbt, wird ihr schmerzlich bewusst, dass dies für sie nur die erste Station einer Odyssee ist, die sie, als Handelsware missbraucht, von den Ufern des Gelben Flusses über Shanghai, Taiwan und Singapur bis in das Land der Geishas führen soll. Nach unzähligen sinnlichen wie schmerzvollen Erfahrungen entdeckt Shim Chong eines Tages die Macht ihres Körpers und nimmt ihr Leben in die eigenen Hände.

Selten ist es einem asiatischen Autor gelungen, das historische Ostasien in all seinen bunten Facetten einzufangen. Hier taucht man ein in diese fremde Welt und nimmt Anteil am Schicksal Lenhwas: ein Roman mit enormer Tiefe, ungemein fesselnd und mit schwindelerregender Leichtigkeit erzählt.

 

Meine Meinung

Ich tauche literarisch sehr gerne in fremde Welten ein. Mit diesem Buch war ich in Südkorea, in China und auf den Japanischen Inseln und dies in einem Zeitraum von ca. 60 Jahren. Wir befinden uns in der Zeit Mitte des 19. Jahrhunderts, als Chong aus ihrer Heimat Südkorea nach China in die Prostitution verkauft wird. Aus Chong wurde Lenhwa, die Lotosblüte. Ihr Weg geht aber weiter über mehrere chinesische Stationen, als aus Lenhwa Lotos und schließlich Lenka, die als Frau eines Fürsten aus Ryūkyū wird und endlich ein ehrbares Leben führt.

Der Autor erzählt über Chong die Geschichte der Frauen aus der Zeit im 19. bis Anfang 20. Jahrhundert. Und diese ist traurig, hart und voller Gewalt. Nicht selten wurden junge Mädchen entführt oder sogar von ihren Familien verkauft und landeten in Bordellen, in denen sie Prostituierte und manchmal auch zu Geishas ausgebildet wurden. Dabei lernten sie spezielle Teezeremonien, Tanz, Konversation und Instrumente spielen.

Der Schreibstil des Autors ist sehr detailreich und oftmals mit erotischen Beschreibungen gespickt, die m.M.n. dadurch die Gewalt an Mädchen und Frauen verharmlost. Diese Passagen lesen sich lustvoll, obwohl man davon ausgehen kann, dass Frauen dabei keine Lust verspürt hatten.

Als Leser*in erfährt man viel über die Historie von Südkorea, China und Japan. Leider werden aber nie Daten und Jahreszahlen genannt und man muss sich somit selbst auf die Suche begeben und recherchieren. Die alten Namen der Städte erschweren zudem die Recherche. Ich habe viel Zeit im Internet auf Wikpedia und Google Maps verbracht, um der Reise von Chong zu folgen und zu verstehen, was gerade politisch geschehen war. Eine Karte mit den wichtigsten Städten und Chongs Reiseroute wäre ein großer Gewinn für das Buch gewesen. Sehr schade, dass während des Lektorats niemand auf diese Idee gekommen war. Immerhin gibt es am Ende ein Glossar mit den wichtigsten ausländischen Begriffen. Das hat mir sehr gut gefallen.

Trotz des Bildreichtums der Sprache schafft es Hwang Sok-Yong nicht, den*die Leser*in für das Schicksal von Chong und all den anderen Frauen zu begeistern. Etwas distanziert stolpert man von Lebensabschnitt zu Lebensabschnitt, obwohl das erste Viertel noch begeistern konnte.

Gerade im letzten Viertel vollzieht der Autor einen Erzählbruch, der das Lesen ziemlich erschwert. Politik, Kämpfe und Machtscharmützel gelangen in den Vordergrund. In der Weltgeschichte ist viel passiert und alles findet auf ein paar wenigen Seiten Platz im Buch. Dabei ist Chong nur noch eine Randfigur. Die Jahressprünge werden größer und als jemand, der sich mit der asiatischen Geschichte nicht so auskennt, fühlt man sich inhaltlich etwas abgehängt.

 

Fazit

Ein opulentes Buch mit viel Historie, in dem der Fokus auf das Leben der Frauen im 19. Jahrhundert gesetzt wird. Wer neben dem Lesen auch noch gerne weiter recherchiert, ist bei diesem Buch ganz richtig. Alle, die eine spannende Geschichte über eine Frau erwarten, die sich über das männliche Geschlecht stellt und ihr Leben wirklich in die Hand nimmt, werden eher enttäuscht sein und sollten die Finger vom Buch lassen. Ein insgesamt gutes und aufschlussreiches Buch mit einigen Schwächen, die leider das Lesen erschweren.

 

Weitere Rezensionen

wird nachgetragen

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Ich danke dem Europa Verlag sowie vorablesen, die mir freundlicherweise das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

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  1. Liebes Monerl,

    bei Vorablesen habe ich die Leseprobe auch gelesen. Mich interessieren eigentlich Bücher aus Ostasien generell sehr, hier fand ich die erotischen Szenen regelrecht abgeschreckend, sodaß ich mich um das Buch nicht bemüht habe.
    War wohl eine richtige Entscheidung, wenn ich mir deine Rezi so anschaue.
    Weniger ist in Büchern oft mehr, hier scheinen zuviele Themen zu flott abgehakt zu werden.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
    Barbara

    1. Liebe Barbara,
      kann absolut verstehen, warum dich das Buch nach der Leseprobe abgeschreckt hat. In dieser Form gibt es das noch ca. zweimal und dann gar nicht mehr. Ich lese ja eigentlich gar keine erotischen Bücher. Für dieses hier hatte ich mich beworben, weil ich wissen wollte, wie der Autor seine Geschichte weiter schreibt, wenn wer schon den Missbrauch der sehr jungen Chong so detailliert und so verklärt darstellt. Ich dachte auch, dass sich die Figur Chong genau deshalb als “Männerhasserin” entwickelt und dann eine Art Rachefeldzug gegen Männer beginnt, wie in der Buchbeschreibung dargestellt. Aber leider war es nicht so.
      Ich denke auch, dass es besser für dich war, es nicht zu lesen. Auch wenn ich einiges über Asien aus der Zeit gelernt habe, ist es kein Buch, das ich unbedingt hätte lesen müssen. 😉
      GlG, monerl

      1. Hallo monerl,
        ich denke auch, dass ich auf dieses Buch verzichten werde, auch wenn die angesprochenen Themen interessant klingen. Aber wie meine Vorposterin sagte, vielleicht waren es zuviele Themen, die hier durchgepeitscht wurden.
        LG
        Daniela

        1. Hallo Daniela,
          deine Lesevorlieben betrachtend würde ich dir von dem Buch abraten. Ich glaube, du wärst auch nicht so glücklich damit. 😉
          GlG, monerl

  2. Liebe Monerl,
    eine sehr schöne und persönliche Rezension. Die Thematik stimmt nachdenklich. Ich selbst mag asiatische Bücher sehr gerne.
    LG, Mira

    1. Liebe Mira,
      die Welt der Frauen war schon immer sehr schwer. In Asien war es nicht viel anders als im Westen. Frauen wurden schon immer unterdrückt und körperlich missbraucht. Einfach furchtbar, dass sich bis heute zwar eingies geändert hat, aber leider nicht alles und schon gar nicht überall.
      GlG, monerl

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