Rezensionen | Roman / Gegenwartsliteratur / Liebe / Romantik / Chick-Lit

[Buchvorstellung] Die Vegetarierin – HAN KANG

9. Juni 2018

#38 Kurzmeinung


Buchbeschreibung

Ein seltsam verstörendes, hypnotisierendes Buch über eine Frau, die laut ihrem Ehemann an Durchschnittlichkeit kaum zu übertreffen ist – bis sie eines Tages beschließt, kein Fleisch mehr zu essen.

»Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie für nichts Besonderes. Bei unserer ersten Begegnung fand ich sie nicht einmal attraktiv. Mittelgroß, ein Topfschnitt, irgendwo zwischen kurz und lang, gelbliche unreine Haut, Schlupflider und dominante Wangenknochen. So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten.«


Yeong-Hye und ihr Ehemann sind ganz gewöhnliche Leute. Er geht beflissen seinem Bürojob nach und hegt keinerlei Ambitionen. Sie ist eine zwar leidenschaftslose, aber pflichtbewusste Hausfrau. Die angenehme Eintönigkeit ihrer Ehe wird jäh gefährdet, als Yeong-Hye beschließt,
sich fortan ausschließlich vegetarisch zu ernähren und alle tierischen Produkte aus dem Haushalt entfernt. »Ich hatte einen Traum«, so ihre einzige Erklärung. Ein kleiner Akt der Unabhängigkeit, aber ein fataler, denn in einem Land wie Südkorea, in dem strenge soziale Normen herrschen, gilt der Vegetarismus als subversiv. Doch damit nicht genug. Bald nimmt Yeong-Hyes passive Rebellion immer groteskere Ausmaße an. Sie, die niemals gerne einen BH getragen hat, fängt an, sich in der Öffentlichkeit zu entblößen und von einem Leben als Pflanze zu träumen. Bis sich ihre gesamte Familie gegen sie wendet.

Die Vegetarierin ist eine kafkaeske Geschichte in drei Akten über Scham und Begierde, Macht und Obsession sowie unsere zum Scheitern verurteilten Versuche, den Anderen zu verstehen, der ja doch, wie man selbst, Gefangener im eigenen Leib ist. Der Roman wurde mit dem Man
Booker International Prize 2016 ausgezeichnet.


Kurzmeinung

  • Genre: Roman
  • Handlung: Das ursprünglich normale Leben dreier Familen wird durch die Entscheidung von Yeong-Hye Vegetarierin zu werden, zerrüttet. Die Eltern können das Verhalten ihrer jüngeren Tochter nicht akzeptieren und stoßen sich sehr daran, insbesondere der Vater. Die Ehe der älteren Schwester In-Hye zerbricht daran, dass der Ehemann eine Obsession zu seiner Schwägerin entwickelt. Und zu guter Letzt kann der Ehemann von Yeong-Hye mit ihrem krassen Wandeln nicht umgehen und nicht weiterleben, da sie auch sein berufliches Weiterkommen hemmt. Yeon-Hye verweigert jegliche Nahrung und lässt sich auch nicht zwangsernähren. Die Folgen sind ihr klar. Ihre Familie, außer ihre ältere Schwester, wendet sich deswegen von ihr ab.  
  • Charaktere: Vier Figuren führen hier durch das Buch. Die Vegetarierin und ihr Ehemann Chong, die Schwester und ihr Ehemann (ohne Namen). Der Ausschnitt der Handlung ist für mich zu kurz um sagen zu können, wie gut die Autorin ihre Figuren charakterisiert hat. Ich konnte sie mir recht gut vorstellen, ihre Handlung(en) aber nicht immer nachvollziehen. Ob dies nun ein kulturelles Problem ist, da ich von Südkorea und asiatischen Gepflogenheiten wenig Ahnung habe oder ob mich die handlung zu sehr verstört hat, um mich auf was anderes zu konzentrieren, weiß ich jetzt nicht so genau. Vielleicht von allem etwas. Die Vegetarierin jedenfalls kommt von sich aus in diesem Buch nicht zu Wort. Sie wird durch ihren Ehemann, ihren Schwager und ihre Schwester beschrieben und charakterisiert. Gerne hätte ich ein viertes Kapitel gehabt, in dem alles aus Yeong-Hyes Augen geschildert wird und wir Antworten auf Fragen bekommen, die keiner aus ihr geben kann.
  • Spannung: Dieses Geschichte lebt von keiner richtigen Spannung. Als Leser stellt man sich wohl die Frage, wie das Ganze enden könnte, denn viele Seiten hat das Buch nicht. Aber dieser Aspekt ist eher zweitrangig. Es ist die Handlung an sich und der Umgang der Charaktere mit der Entscheidung von Yeong-Hye, kein Fleisch mehr zu essen. Als spannend habe ich mein Warten auf die Auflösung des Motivs empfunden. Was genau trieb Yeong-Hye dazu, so zu handeln mit allen Konsequenzen? Ist sie psychisch krank, depressiv und lebensmüde? Was genau zwingt sie zu diesem Handeln?
  • Schreibstil: Die Sprache ist klar und direkt. Aber dennoch so unglaublich erzählerisch, wenn man bedenkt, welche Themen genau behandelt werden: Sexualität und Mißbrauch in der Ehe, Gewalt in Familien, Individualisierung eines Menschen, Depression, Selbstbestimmung, Abgrenzung, Psychatrie usw. 
  • Ende: Eine surreale Geschichte, die sehr verstörend ist in ihrer Gesamtheit. Es fällt mir auch nicht leicht sie zu interpretieren. Um was genau geht es Han Kang? Sie behandelt viele Themen auf nur ca. 190 Seiten bzw. 5 einhalb Stunden und macht aufmerksam. Doch in dieser Zusammensetzung und extremen Ausführung habe ich so eine Themenvielfalt in noch keinem Buch gelesen. Ein trauriges Ende, ein logisches Ende, auch wenn ich die Motivation wohl nicht ganz verstanden habe.
  • Hörbuch: Durch die drei unterschiedlichen Sprecher gibt es Abwechslung beim Hören. Doch hatte ich hin und wieder Probleme, die beiden männlichen Kapitel voneinander zu trennen. Insbesondere, da der eine Protagonist keinen Namen hat.
  • Fazit: Ein Buch, das nicht verglichen werden kann. Es ist nicht schön und auch nicht angenehm zu lesen oder zu hören. Es ist skurril, verrückt und nicht nachvollziehbar. Es ist extrem, manchmal eklig, abstoßend und hin und wieder auch erotisch. Ein Buch, das ich kaum in Worte fassen kann. Entweder man kann sich darauf einlassen oder man findet es richtig furchtbar. Mich konnte es auf eine Weise begeistern, ohne dass ich es richtig beschreiben kann.


Weitere Rezensionen

Vielleicht gefällt dir auch

Loading Likes...

Only registered users can comment.

    1. Hey Daniela,
      wieso zu blöd? 😀 Es gibt eigentlich nichts, das man verstehen muss. Die Geschichte ist einfach total abstrus umd auch verrückt. Die Motive der Vegetarierin werden nicht richtig aufgeklärt. Viele Fragen bleiben offen. Insgesamt ist alles einfach sehr, sehr traurig. Trau dich, bin gespannt, wie das Buch bei dir ankommen würde! 🙂
      GlG, monerl

  1. Hui monerl, das Buch subt auch noch bei mir und jetzt denke ich doch das es als eins der nächsten dran kommt denn du hast mich ja richtig neugierig gemacht. Solch eine ehrliche Rezension dazu hab ich noch nirgends gelesen. Richtig gut hast du das beschrieben, wahnsinn.
    Liebe Grüße
    Kerstin

    1. Liebe Kerstin,
      au ja, lese es bald! Will gerne wissen, was du von der Geschichte halten wirst. Sie ist einfach absolut krass!
      GlG, monerl

    1. Nein, diese 3 habe ich explizit ausgewählt. Die Beiträge “Vielleicht gefällt dir auch” sollen einen Bezug zur Rezi haben, in irgendeiner bestimmten Art.

  2. Liebe Monerl,

    hm. Das hatte ich so irgendwie nicht erwartet. Das hört sich heftig an.
    Einmal schon verrückt, dass die Ernährung im koreanischen so viel auslöst. Und sie hört irgendwann ganz auf zu Essen?
    Kannst Du mir verraten, was Du eklig fandest? Gerne auch privat.

    Mal sehen, ob ich es lese. Momentan denke ich: Hm.
    ^^
    Aber dreieinhalb Stunden für ein neues Land… ;))

    Liebste Grüße
    Petrissa

    1. Liebe Petrissa,

      das Buch ist so krass anders als alles, das ich bisher gelesen habe. Mit eklig ist hier auch abstoßend gemeint. Das Verhalten, des Vaters, des Ehemanns… Es gibt Szenen, in denen sich die Protagonistin übergibt, was sie mit Absicht macht. Für manch einen könnte das evtl. zu viel sein.

      Das Buch geht 5,5 Stunden. Du hast zwei unterschlagen! 😛 Ich weiß nicht, was ich dir raten soll. Es war faszinierend abstoßend. Hahaha

      GlG, monerl

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.