Maus
Graphic Novel / Comic / Bildband | Rezensionen

[Buchvorstellung] Die vollständige MAUS – ART SPIEGELMAN

12. Juli 2019

#297 Rezension
#GegenDasVergessen

 

Buchbeschreibung

Die Geschichte von Maus veränderte über Nacht die Geschichte des Comic Strips – aus Kult wurde Kunst. Berichtet wird die authentische Lebensgeschichte des polnischen Juden Wladek Spiegelman. In Queens, New York, schildert er seinem Sohn die Stationen seines Lebens: Polen und Auschwitz, Stockholm und New York, er erzählt von der Rettung und vom Fluch des Überlebens. Art Spiegelman hat diese Geschichte aufgezeichnet, indem er das Unaussprechliche Tieren in dem Mund legt: Die Juden sind Mäuse, die Deutschen Katzen.

 

Meine Meinung

Über diesen Comic bin ich gestolpert als ich die Autobiografie von Nadja Spiegelman las, Art Spiegelmanns Tochter. Darin erwähnt sie natürlich auch ihren Vater und sein künstlerisches Werk “Maus”, in der er die Geschichte und die Verfolgung seines polnisch-jüdischen Vaters Wladek Spiegelman und aller anderen Juden während des Zweiten Weltkriegs aufgeschrieben hatte.

Art Spiegelman hat nicht nur darin über die Shoa berichtet, nein, er hat sie gezeichnet. Dies war die Auseinandersetzung mit seinem Vater, die Verarbeitung des schwierigen Verhältnisses zu seinem Vater, die Kindheit, das Leben, die Judenverfolgung, Auschwitz und das Überleben von Wladek Spiegelman bis hin in die Gegenwart, als Art die Idee kam seinen Vater zu alledem zu befragen.

Hierbei legt er vieles offen. Er zeigt sehr schonungslos, dass er keine tiefe und innige Beziehung zu seinem Vater hatte. Es war nicht leicht mit ihm auszukommen. Wladek war das Produkt seiner unmenschlichen Vergangenheit, die ihn durch seine Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs in verschiedenen Konzentrationslagern geprägt hat.

Während des Lesens fühlte ich die Hilflosigkeit, die Bestürzung, die Gereiztheit, die Schuldgefühle…, die Art Spiegelman hatte, wenn er seinen Vater besuchte.

© Fischer Verlag
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Maus Seite 34
© Fischer Verlag
Maus Seite 186-187
© Fischer Verlag

“Die vollständige Maus” vereint die damals einzeln herausgegebenen Bücher Maus I (1973) und Maus II (1986). Somit kann man hier das komplette Werk auf ca. 300 Seiten betrachten und lesen.

Mir gefällt der Zeichenstil sehr gut. Die schwarz-weiß Zeichnungen sind angenehm anzuschauen und man erkennt immer, um was es genau geht. In vielen Bildern wird das Grauen sichtbar. Ich spürte Beklemmung, wie musste es dann dem Künster ergangen sein, dies alles zu Papier zu bringen? Ohne die Distanz über die Darstellung der Menschen als  verschiedene Tiere (Mäuse sind Juden, Katzen sind Deutsche, Frösche sind Franzosen, Schweine sind Polen, Amerikaner sind Hunde…), wäre das Ganze nicht zu ertragen gewesen. Dadurch, dass auch keine farblichen Zeichnungen verwendet wurde, fehlt die Leichtigkeit, die Freude, die Farben i.d.R. ausstrahlen und verliehen dem Buch die passende Untermalung von Schwermut und Trostlosigkeit.

 

Die vollständige Maus
© Fischer Verlag
Maus Rückseite
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Auch sprachlich hat dieses Buch eine Besonderheit, die man erst ganz hinten im Buch in den Anmerkungen lesen kann. Denn ich wunderte mich zu Beginn, warum Wladek mal gutes und dann wieder grammatikalisch recht schlechtes Deutsch gesprochen hat. Das beruht auf einem Übersetzer-Kniff! Wladek spricht Polnisch, Jiddisch und gebrochenes Englisch. Im Original gibt Art Spiegelman Polnisch und Jiddisch im perfekten Englisch wieder und wenn er in Amerika lebt und Amerikanisch spricht, liest man gebrochenes Englisch. Im Deutschen hat man sich ähnlich beholfen.

Es war nur gut, dass ich das Buch recht früh von vorne bis Ende durchgeblättert hatte und dabei auf diese Anmerkung gestoßen bin. Ich finde, sie gehört eigentlich ganz nach vorne, um dem*r Leser*in Irritationen zu ersparen, die den Lesegenuss trüben könnten.

© Fischer Verlag

Ich habe dieses Buch zweimal gelesen. Im März 2018 in einer Leserunde mit Ascari und Sabrina auf Der Leseratz. Unser Austausch hatte mir großen Spaß gemacht und das Lesen war sehr intensiv.

Damals hatte ich jedoch keine Zeit für eine Rezension. Doch dieses Buch ist mir sehr wichtig und ich wünschte, es wäre viel bekannter. Deshalb habe ich es nun erneut gelesen und jetzt rezensiert.

 

Fazit

Ein ganz besonderer Comic, den jeder gelesen haben sollte. Auch die, die Comics nicht mögen sollten sich trauen! Es gibt viel zu sehen und viel zu verstehen, denn es ist ein Zeitzeugenbericht über eine Zeit, die nie vergessen werden darf. Dass der Autor und Künstler dabei seine Familienerlebnisse mit verarbeitet sehe ich sogar als sehr wertvoll an.

 

Über Art Spiegelman

Art Spiegelman ist 1948 in Stockholm geboren. In seiner frühen Kindheit emigrierte er mit seinen Eltern, beide Überlebende der Shoah, in die Vereinigten Staaten von Amerika. Art Spiegelman arbeitet, neben seiner Tätigkeit als Comic-Zeichner, als Illustrator für diverse Magazine, gibt zusammen mit seiner Frau Francoise Mouly das avantgardistische Comic-Magazin »Raw« heraus, lehrt an der New York School of Visual Arts und ist als künstlerischer Berater mehrerer Firmen tätig. Spiegelman lebt in New York mit seiner Frau und seinen zwei Kindern.

 

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  1. Hallo Monerl,

    achja, das ist eine Graphic Novel, um die ich schon so lange herumschleiche! Auf der einen Seite finde ich das Thema und dessen Aufbereitung unfassbar wichtig, auf der anderen Seite bin ich nicht immer in der speziellen Stimmung dafür.

    Das mit der Übersetzung wusste ich gar nicht, wie interessant! Ich habe mich bei historischen Büchern oft schon geärgert, nicht früher hinten ins Buch hineingesehen zu haben, denn oft entgeht einem dann wichtiges Material und eine Info vorne in der GN wäre sicherlich nicht verkehrt.

    Mal sehen wann ich die Geschichte für mich erkunden werde – irgendwann ist bestimmt der richtige Zeitpunkt.

    Liebste Grüße,
    Antonie

    1. Hey Antonie,
      diesen Comic kann ich dir wirklich sehr ans Herz legen. Es ist das Außergewöhnlichste, das ich so je gelesen habe! Natürlich muss man in der Stimmung sein, ist schon sehr harter Tobag. Es geht ja um die Judenverfolgung und auch um Auschwitz. Da wurde nichts beschönigt. Du wirst sehen, wie genial dieser Kniff mit den Tieren ist.

      Oftmals habe ich mich gefragt, warum ganz wichtige, spannende oder interessante Punkte, die ein Buch betreffen, im Nachwort erwähnt werden. Vieles gehört ganz nach vorne, meiner Meinung nach. Hier bin ich wirklich froh, dass ich das Buch bis hinten durchgeblättert hatte. Mittlerweile habe ich mir angewöhnt, immer bei einem neuen Buch auch hinten nachzuschauen, damit mir das nicht mehr passiert und ich mich am Ende ärgere.

      Bin gespannt, wann du den Comic lesen wirst. 🙂
      GlG, monerl

  2. Liebe Monerl,

    mich verschrecken die Zeichnungen eher. Aber vielleicht liegt es an der unbewussten Reaktion aufs Thema. Ich weiß gerade gar nicht, ob ich das Buch von Dir oder der Bücherei kenne.
    Die Darstellungen der Völker durch verschiedene Tiere finde ich sehr interessant.
    Aber ich werde es mir demnächst bei Dir oder der Bücherei mal ansehen.

    Ich habe mir auch gerade eine GN zum Thema ausgeliehen. “Nieder mit Hitler”. Habe es aber noch nicht gelesen.

    Liebe Grüße
    Petrissa

    1. Die Zeichnungen sind nicht lieblich. Und das Thema ist halt ernst. Da ist nichts Lustiges dabei. Wenn man sich nun vorstellt, es wären Menschen anstatt Tiere…
      GlG, monerl

    2. Liebe Petrissa,
      ich sehe gerade, dass ich nicht deinen ganzen Kommentar gelesen habe. Die Ansicht auf der Startseite im Dashboard zeigt nicht alles an, wo ich dir geantwortet habe. hihi

      Du kannst natürlich sehr gerne bei mir in den Comic reinlesen. Diesen behalte ich auf jeden Fall, mindestens für die Kinder…

      Bin gespannt, was du zu der ausgeliehenen GN sagst. Hatte ich auch schon irgendwo gesehen. Vielleicht wäre sie auch was für mich. 🙂
      GlG, monerl

  3. Hallo meine Liebe,

    wundervoll hast Du diesen Comic beschrieben.
    Ich lese gerne einen Comic, das kommt jetzt auf die Watchlist.

    Danke Dir.

    LG

    1. Ich lese normalerweise nicht so gerne Comics, aber dieses Exemplar scheint einen Versuch wert zu sein. Außerdem ist das Thema hochinteressant. Man sollte diese Zeit in unserer Geschichte nie vergessen.
      Danke dir auch für deine Einladung zur Link-Party. Ich kann mich zur Zeit noch nicht für mein Buch-Highlight im Juli entscheiden.
      Ich wünsche dir noch eine schöne Woche.
      Liebe Grüße
      Tina

      1. Hallo liebe Tina,
        das Besondere hier ist ja, dass es nicht “nur” ein Comic ist, sondern die Biografie eines Zeitzeugen. Der Autor schreibt die Geschichte seines Vaters auf. Wie er im Krieg vertrieben und eingesperrt wurde und öfters fast sein Leben doch noch verloren hätte. Man spürt die Dramatik und die Verzweiflung. Es ist unglaublich. Ich kann dir nur empfehlen, den Comic zu lesen, wenn du dich für das Thema interssierst.

        Du hast bis 10. August Zeit deine Rezi in der Linkparty einzutragen. Vielleicht schaffst du es bis dahin eine Entscheidung zu fällen. Ich jedenfalls würde mich freuen und bin schon gespannt, welches Highlight du wählst. 🙂

        GlG und ebenso eine tolle Woche für dich!
        monerl

    1. Liebe Daniela,
      ich freue mich total!!! Auch du wirst nichts bereuen! Die beiden Bücher sind einfach grandios! Zeichnerisch so unterschiedlich, dass es kaum mehr geht aber beide unvergleichlich einmalig.
      Bin schon sehr auf deine Meinung gespannt.
      GlG, monerl

      1. Hi monerl,
        ich hab mir nur die Maus als Comic bestellt, das Tagebuch der Anne Frank wollte ich erst mal im Original lesen; ich hab das GN dazu aber auch noch im Hinterkopf.
        Auf jeden Fall ist die Maus ein toller Comic; ich bin noch nicht ganz durch, aber es ist absolut überzeugend. Von der ganzen Aufmachung, der Erzählstruktur, den Zeichnungen, der Charakterisierung des Vaters und von diesem leichten Grauen, weil man als Leser wie die damals Betroffenen gar nicht so recht sagen kann, wo genau der Kipppunkt eigentlich lag. Ab wann verwandelte sich die schwelende Bedrohung in etwas wie Auschwitz?
        Parallel höre ich ja noch Das Verschwinden des Josef Mengele … du kannst dir vorstellen, wie intensiv gerade meine Lesestunden sind.
        LG
        Daniela

        1. Liebe Daniela,

          oh je, da hast du aber gerade eine sehr intensive Lese- und Hörzeit durch die schweren Themen. Das Traurige und Spannende bei all diesen Büchern ist, wie sie immer irgendwie zusammenhängen und man in dem einen Buch was liest / hört, was man an wieder anderer Stelle bereits gelesen / gehört hat. Nach Jahren des Lesens #GegenDasVergessen zeigt sich ein großes Gesamtbild, das sich langsam abrundet und doch nie zu ende geht. Es gibt immer wieder Themenbereiche, bei denen ich denke, und es gibt noch etwas, das neu für mich ist. Schrecklich, oder?

          Toll, dass auch dich dieser Comic erreichen kann. Er ist wirklich einmalig. Ich habe das Gefühl, dass der Künstler sich hier dermaßen verausgabt hat, sodass er sein ganzes künstlerisches Pulver hier verschossen hat und nichts ähnliches mehr hervorbringen kann. Habe mir einen weiteren Comic vor Spiegelman gekauft. Der ist letzte Woche angekommen. Durch mein kurzes reinlesen wird mir aber schon klar, dass das Werk nicht an “Maus” herankommt. Näheres, wenn ich ihn komplett gelesen habe…

          GlG, monerl

            1. Das stimmt, jedes ist auf seine Art ein Teil des Ganzen. Habe deine Rezi oben eingepflegt.
              GlG, monerl

              PS.: Schade eigentlich, dass der Autor sein Pulver hier gänzlich verschossen hat. Er kann zeichnen, keine Frage, aber er hat keine Geschichten mehr parat, so mein Gefühl…

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