Die Wut die bleibt
Rezensionen | Roman / Gegenwartsliteratur / Liebe / Romantik / Chick-Lit

[Buchvorstellung] Die Wut, die bleibt – MAREIKE FALLWICKL

29. März 2022

#430 Rezension

 

Buchbeschreibung

Helene, Mutter von drei Kindern, steht beim Abendessen auf, geht zum Balkon und stürzt sich ohne ein Wort in den Tod. Die Familie ist im Schockzustand. Plötzlich fehlt ihnen alles, was sie bisher zusammengehalten hat: Liebe, Fürsorge, Sicherheit.

Helenes beste Freundin Sarah, die Helene ihrer Familie wegen zugleich beneidet und bemitleidet hat, wird in den Strudel der Trauer und des Chaos gezogen. Lola, die älteste Tochter von Helene, sucht nach einer Möglichkeit, mit ihren Emotionen fertigzuwerden, und konzentriert sich auf das Gefühl, das am stärksten ist: Wut.

Drei Frauen: Die eine entzieht sich dem, was das Leben einer Mutter zumutet. Die anderen beiden, die Tochter und die beste Freundin, müssen Wege finden, diese Lücke zu schließen. Ihre Schicksale verweben sich in diesem bewegenden und kämpferischen Roman darüber, was es heißt, in unserer Gesellschaft Frau zu sein.

 

Meine Meinung

Nachdem mir von dem Buch erzählt wurde und ich die Buchbeschreibung las, war mir klar, dass ich der Geschichte eine Chance geben werde.

Da ich selbst Mutter bin reizte mich die Ausgangssituation der Story: Helene, Mutter von drei Kindern, geht einfach wortlos zum Balkon und stürzt sich in den Tod. Und hinterlässt den zwei kleinen Kindern, der Teenager-Tochter und dem Ehemann einen Lebens-Scherbenhaufen. Die Frage war, was macht die Autorin mit diesen Scherben?

Ich selbst kenne diese Wut und dieses schreckliche Gefühl, dass ich keinen Bock mehr habe auf diese ganze Scheiße: Vollzeitarbeit, zwei Kids erziehen, Haushalt führen, Ehemann betütteln… Mental Load lässt grüßen! Wie wäre es, einfach ins Auto steigen und wegfahren? Irgendwohin! Einfach so! Ja, der Gedanke ist verstörend und doch kitzelt er hin und wieder in schlimmsten Zeiten auch ohne Pandemie und Krieg. Aber die Kinder, was soll dann aus den Kindern werden?

Helene macht es. Und das Leben geht weiter, auch ohne sie. Nicht ganz so gut natürlich, doch dann ist ja Sarah da, ihre beste Freundin seit Kindergartentagen. Sie leidet ebenso, wie Helenes Familie und springt als Ersatz-Bezugsperson ein, da sie ja auch irgendwie ein Teil von Helenes Familie war. Und da erkennt man als Frau sofort, wie es nun weitergehen wird. Schon oft gesehen und auch im Kleinen erlebt: Vätern, Männern wird entweder nicht zugetraut das alles zu wuppen oder es wird gedacht, das wäre nicht ihre Arbeit. Wo Sarah nicht einspringen kann ist Lola da. Auch noch Kind als Teenager und dann plötzlich erwachsen, ein Mutterersatz für die beiden kleinen Halbbrüder. Und der Mann? Er geht halt arbeiten, ist viel beschäftigt und verlässt sich auf die beiden Frauen.

Ja, da ist überall Wut! Beim Lesen, beim Nachdenken über die Geschichte, beim Vergleichen im Real Life, denn die Geschichte ist erfunden und doch läuft es überwiegend genau so ab im echten Leben. Ich kenne sie, die Mütter, die zwar nicht vom Balkon gesprungen sind, sondern innerhalb der Familie leiden oder sich genau aus all den Gründen scheiden lassen. Nicht alle Frauen schlucken mehr alles runter und dulden ein gescheitertes Familienleben bis die Kinder erwachsen Kind.

Es war sehr spannend die beiden unterschiedlichen Wege zu verfolgen, die Sarah und Lola nach Helenes Suizid gehen. Lolas Wandlung, nach einem bestimmten Erlebnis, ist radikal. Vorher schon aufgeklärt bzgl. Feminismus, Zeitgeist und den Erwartungen an Mädchen und Frauen legt sie ihre Weichheit ab und wird stark, psychisch und physisch. Ob ihr Weg der Gewalt die richtige Antwort ist, ist eine andere Frage. Doch durch ihr Umdenken aus ihrer Generation heraus stärkt sie die Position der künftigen Generation von Frauen und Müttern. Keine Anpassung mehr, um die Spielregeln der Macht- und Männerwelt zu befolgen. Laut sein, Meinung haben und für diese und sich einstehen, nicht so wie Sarah, die mit ihren 40 Jahren immer nur einer Idee von sich selbst hinterhergejagt ist.

Mareike Fallwickl legt den Finger in die tiefen Wunden und bietet mit ihrem Buch eine tolle Diskussionsgrundlage! Viele Frauen erkennen die Strukturen. Interessanter wären die Einblicke von Männern und Vätern! Wie sehen sie die Geschichte? Wie ist ihre Außensicht? Wie und durch was kann man sie erreichen, die vielen „Johannes“, die wie Helenes Ehemann agieren? Meldet euch, lasst uns darüber sprechen!

Zum Hörbuch

Ganz fantastisch als Hörbüch! Man kann sich richtig in die Geschichte fallen lassen und wütend werden. Absolut hörenswert!

 

Fazit

Ein wütender und starker Roman, der die Situation vieler Mütter, der sie noch verschärft durch Pandemie und den Logdowns ausgesetzt waren, sichtbar macht. Ein Roman über die Erwartung an Frauen und was alles falsch an diesen Erwartungen ist. Ein Apell an Mädchen und Frauen laut zu werden und gemeinsam füreinander da zu sein, stark zu sein und Änderungen voranzutreiben.

 

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  1. Hallo Monerl,

    wir sind noch weit weg von der Gleichberechtigung….bei Männern hätte man wahrscheinlich gleich eine Antwort = Burnout….

    Schade finde ich trotzdem, das s Helene so von der Autorin ins Abseits gestellt wird durch ihren
    Selbstmord….denn es geht nicht um sie sondern….die die übrig geblieben sind..also noch leben..
    Oder sehe ich das falsch….

    LG…Karin..

  2. Hallo und guten Tag,

    ehrlich „Selbstmord “ ist nie eine Lösung , finde ich….denn jeder hat nur 1 Leben…….
    Wieso sind wir so sprachlos und machen nicht den Mund auf, wenn uns etwas nicht gefällt passt……

    Es ist um jeden Menschen schade, der so geht……

    LG…Karin..

    1. Hallo Karin,
      das stimmt, ich gebe dir da voll und ganz recht! Wer Suizidgedanken hat sollte sich unbedingt Hilfe holen!
      Die Autorin hat hier eine krasse Ausgangssituation geschaffen, um der Story richtigen Schwung zu geben. Und dadurch ist ihr gelungen, dass man nicht mehr über Helene spricht sondern über die, die übrig geblieben sind. Über das Buch kann man sehr gut diskutieren und überlegen. Ja, warum dulden – in diesem Fall – die Frauen so lange und erdulden, bis sie nicht mehr können? Jede hat so ihre eigenen Erfahrungen und Gründe. Manche sind zu schüchtern, andere sind mit Glaubenssätzen aufgewachsen, dass eine Mutter, die das nicht aushält, keine gute Mutter ist usw. Wir alle sollten lernen rechtzeitig zu schreien und uns Hilfe zu holen. Andererseits sollte die Gesellschaft auch ihre Ansprüche und Anforderungen an Frauen, Mütter und Mädchen etwas herunterschrauben.
      GlG, monerl

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