Rezensionen | Sachbuch

[Buchvorstellung] Es war einmal im Fernen Osten – XIAOLU GUO

4. Juni 2018

#226 Rezension


Buchbeschreibung

Es ist kein einfacher Start ins Leben: Gleich nach der Geburt geben die Eltern, glühende Anhänger Maos, ihre Tochter in die Obhut eines kinderlosen Bauernpaares in den Bergen. Zwei Jahre später bringen diese die halbverhungerte Kleine zu ihren des Lesens und Schreibens unkundigen Großeltern. Ein Jahr später stirbt der Große Vorsitzende, und in China beginnt ein dramatischer gesellschaftlicher Wandel.

In ihrem neuen Buch erzählt die chinesische Autorin und Filmemacherin Xiaolu Guo von dem langen Weg, der sie aus einem ärmlichen Fischernest am Ostchinesischen Meer an die  Filmhochschule im sich rasant verändernden Peking der 90er Jahre und schließlich 2002 nach London führt. 15 Jahre später beschreibt sie ihre Reise von Ost nach West mit einer Klarsicht, die nur jemand besitzt, der angekommen ist und sich zugleich fremd fühlt.


Meine Meinung

Die Autorin ist lediglich fünf Jahre älter als ich, doch unsere beider Leben könnten sich nicht mehr unterscheiden als sie es tatsächlich tun. Ich bin ein Kind des Westens, sie des Fernen Ostens – Deutschland gegenüber China – krasser geht es kaum noch, wie mir nach dieser Autobiografie bewusst wurde.

Xiaolu Guo wird 2013 Mutter einer Tochter und mit diesem Ereignis holt sie die Vergangenheit wieder ein, die sie versucht hat von sich abzuschütteln. Sie selbst war Tochter einer Mutter, mit der sie jegliche Gefühle verbunden hatten, nur nicht Liebe. Mit ihrer Tochter wird es anders sein.

“Ich hielt sie ängstlich und ehrfurchtsvoll. So ist es gut, dachte ich. Dieses Kind wird hier Wurzeln schlagen. Meine Tochter wird mit beiden Beinen fest im Leben stehen. Ganz anders als ihre Mutter, das kulturell verwaiste, vagabundierende Bauernmädchen.” (S. 11)


Und so reisen wir mit der Autorin in ihre Vergangenheit zurück, an all die Plätze und in Situationen, mit denen sie Traurigkeit, Angst, Gewalt, Missbrauch aber auch Hoffnung ein neues Leben verbindet.

Durch diese Autobiografie habe ich viel über das damalige China in Verbindung mit dem politischen System, der Bevölkerung und des Umbruchs erfahren. Xiaolu ist das zweite und unerwünschte Kind zur Zeit der Ein-Kind-Politik. Gleich nach der Geburt wurde sie an ein fremdes, kinderloses Ehepaar abgegeben und dieses hatte sie nach zwei Jahren an ihre Großeltern weitergereicht. Wegen der Kulturrevolution war ihr Vater im Arbeitslager und ihre Mutter konnte sich scheinbar nicht um ihren älteren Bruder und Xiaolu alleine kümmern. Dass sie einen Bruder hat erfuhr die Autorin erst mit sieben Jahren, als sie endlich ihre Eltern kennenlernen und dauerhaft zu ihnen ziehen sollte.

Durch Erzählungen über ihre Großmutter, Mutter und die Beobachtung von anderen Frauen in ihrer Umgebung wird deutlich, dass Frauen nichts zu sagen haben. Sie gehören den Männern und haben zu tun was von ihnen verlangt und ihnen befohlen wird.

“Ich war noch nicht lange aus Shitang weg und erst acht oder neun Jahre alt, doch nach der Schule musste ich das Essen für die Familie kochen, die Wäsche waschen, den Boden wischen und die Hühner füttern.” (S. 98)


Doch Xiaolu lässt sich nicht unterkriegen. Sie erträgt die Vernachlässigung, den Hass und die Prügel ihrer Mutter, bildet sich weiter und schafft es als eine von 11 Studierenden an der Filmhochschule Peking zu werden, die aus einer Masse von 7000 Bewerbern ausgewählt wurden. Nun, fernab von Zuhause, blüht sie auf und bahnt sich ihren Weg, macht den Abschluss, doch die Zensur führt dazu, dass alle ihre Film-Drehbücher abgelehnt und nicht produziert werden. Ein Ausweg daraus war Bücher zu schreiben, von denen sie aber nicht sehr gut leben konnte. Erst als Autorin von Seifenopern schafft sie es etwas mehr Geld zu verdienen.

Am meisten imponiert mir an der Autorin, dass sie trotz allem immer weiter nach vorne geschaut, sich neue Ziele gesetzt und an der Verwirklichung dieser stringent gearbeitet hat. Sie wollte in den Westen und dort ist sie hingekommen. Mit nichts in der Tasche, sehr schlechten Englischsprachkenntnissen und doch ist sie heute eine angesehene Regisseurin und Autorin von Büchern, von denen einige in über 20 Sprachen übersetzt worden sind. Ebenso hat sie Preise für manche ihrer (Dokumentar)Filme gewonnen.

In ihrem Buch öffnet sie ihr Leben für die Welt und verarbeitet darin einige der schlimmsten Erlebnisse, die Kindern, Mädchen und Frauen widerfahren können. Sie versucht sich zu heilen. Großer Mut ist dazu nötig, wenn man so wie Xiaolu in der Öffentlichkeit steht.

Xiaolus Geschichte liest sich flüssig und leicht. Hin und wieder regte sie mich zur weiteren Recherche an, denn ich wollte mir einen noch intensiveren Überblick über das Gesagte verschaffen.

Das letzte Drittel zog sich etwas. Ihr Leben in England, zuerst in Baconsfield und dann in London, übte auf mich nicht mehr den Reiz aus, den ich empfand, als sie über China, ihre Familie und ihr Leben dort erzählte. Dieser Teil hätte für mich auch kürzer ausfallen dürfen.

Nach dem Tod ihres Vaters, der neben der Großmutter (Mutter des Vaters) als einziger Gefühle und Verbundenheit zur Autorin zeigte, starb auch ihre Mutter. Und damit waren die Fesseln der Vergangenheit gesprengt. Der Abschlusssatz von Xiaolu Guo berührte mich sehr und gleichzeitig freute ich mich mit ihr auf ihren neuen Lebensabschnitt.

“Anfang und Ende hatten sich getroffen. Meine Kindheit war vorbei, und ich fühlte mich endlich von der Bürde meiner Familie befreit.” (S. 366)


Fazit

Ein intensives, sehr persönliches Buch einer Frau, die sich nie aufgegeben hat. Sie trotzte der Geburtsordnung, dem Kommunismus, den Widrigkeiten und schuf sich ihre eigene Zukunft. Xiaolu Guo ist ein ganz besonderes Beispiel dafür, dass man sich aus manchen Zwängen befreien und sein Leben in die eigene Hand nehmen kann. Sie war als Kind elternlos, bis sieben Analphabetin, konnte nur den Dialekt der Region sprechen,  in der sie aufgewachsen war und doch schreibt sie heute in Englisch, in einer Fremdsprache, die sie erst mit dreißig richtig zu sprechen und schreiben angefangen hatte. Ein sehr lesenswertes Buch, das ich jedem ans Herz lege, der mehr über China erfahren möchte.


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Lesung & Gespräch: Xiaolu Guo “Es war einmal im fernen Osten“, Jänner 2018, Literaturhaus Salzburg;

Veranstalter: Verein Literaturhaus

Moderation: Sarah Herbe. Deutsche Lesung: Christiane Warnecke.

____________________________

Ich danke dem Knaus Verlag sowie Bloggerportal, die mir freundlicherweise das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

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  1. Hallo monerl!

    Was für ein schweres, aber bestimmt auch lesenswerte Buch. Wo nimmst du nur die Kraft her so viele schreckliche Bücher zu lesen. Verlierst du da dann nicht irgendwann den Glauben an das Gute im Menschen oder ist das vielleicht schon längst passiert?

    Liebe Grüße
    Sabrina

    1. Liebe Sabrina,

      dein Kommentar ist sehr interessant und lässt mich innehalten und überlegen. Nein, es kostet mich eigentlich keine echte Kraft, solche Bücher zu lesen. Ich bin fasziniert, was es alles gibt auf der Welt! Vor langer Zeit ist mir mal klar geworden, dass es nichts gibt, das es nicht gibt. Und mich interessiert sehr, was andere Menschen so erleben. Ihre Geschichten gehören gehört. Das möchte ich ihnen zurückgeben. Diese Menschen öffnen sich und erzählen. Und irgendwer sollte auch zuhören. Viele Menschen sind schlecht. Aber noch mehr sind gut, davon bin ich fest überzeugt.
      Das, was Xiaolu Guo aus eigenem Antrieb geschafft hat ist der Wahnsinn. Und ich freue mich mit ihr. So richtig ehrlich! Das Buch ist sehr lesenswert und informativ. Ich bin froh, es gelesen zu haben.

      Herzliche Grüße vom monerl

    1. Moin, moin liebe Anne,
      ja, jeder hat dazu wohl eine eigene Definition. Wir können nur froh sein, dass wir nicht dort geboren worden sind. Die Autorin hatte wirklich eine schreckliche Kindheit und Jugend. Die will keiner geschenkt!
      GlG vom moner

  2. Liebe Monerl,

    wow, was für ein Buch!
    Es hat mich an eine Dokumentation erinnert, die ich mal sah. Dort wurde erzählt, dass es in China keine Waisenhäuser gab. Kinder, deren Eltern sterben oder in den Knast kommen (was ganz schnell geht), leben auf der Straße. Sie erzählten dann von einer Frau, die ein Waisenhaus gründete, das nur von Spenden lebt. Von der Regierung wird es geduldet, aber nicht unterstützt. Man denkt, wenn die Eltern “straffällig” werden, werden die Kinder genau so. Eine Welt, die wir uns gar nicht vorstellen können. Ich habe leider auch gar keine Ahnung von der chinesischen Politik. Klar, der Name Mao sagt mir was, aber wie er sich von der heutigen Politik Chinas unterscheidet, weiß ich nicht.

    Das die Autorin, trotz der mießen Bedinngungen, es schafft, gut in der Schule zu sein, ist sehr beeindruckend. Zumal die Schule in Korea und China sicher zu den härtesten gehören.

    Vielleicht magst Du mir das Buch ja mal leihen? Würde mich sehr freuen.

    Liebe Grüße
    Petrissa

    1. Liebe Petrissa,

      das mit den Waisenhäusern ist ja interessant. Das wusste ich nicht. Das wurde auch nicht im Buch erwähnt. Sehr traurig! Es gibt so einige Eigenheiten in China, die wir nicht nachvollziehen können.
      Die Biografie liest sich sehr gut. Sie ist auch nicht überkandidelt politisch. Natürlich spielt Politik eine große Rolle, doch das alles ist total interessant und ich habe viel gelernt.

      Die Autorin ist eine bemerkenswerte Frau! Ich weiß nicht, ob aus mir was geworden wäre, hätte ich ihre Kindheit gehabt. Was sie geschafft hat ist richtig unglaublich!

      Gerne kann ich dir das Buch leihen. Gib einfach Bescheid, wann es dir passt! :-*

      GlG vom moner

      1. Hey Petrissa,

        ich habe in FB und G+ einleitend zur Rezi geschrieben, dass die Autorin es geschafft hat als Analphabetin zu einer Autorin und Regisseurin aufzusteigen. Ich denke, darauf hat Daniela sich bezogen. 😉

        GlG, monerl

    1. Hahaha, liebe Daniela!

      Das stimmt, ich war sogar 6 als ich lesen und schreiben gelernt habe. 😉
      Das stand so im Buch, so hat die Autorin es gesagt. Und deshalb habe ich das in die Rezi mit reingenommen. Ich finde leider auf die Schnelle nichts, mit dem ich das nachweisen könnte, aber ich erinnere mich an eine Dokumentation oder einen Zeitungsbericht, ich hab´s leider vergessen wo und was das war, dass chinesische Kinder viel früher anfangen schreiben zu lernen. Die chinesischen Schriftzeichen sind sehr schwierig, da sie viele verschiedene Bedeutungen haben können, sogar je nach Betonung!

      Die Autorin hat sieben Jahre bei ihren Großeltern in einem Dorf am Meer gelebt. Fast alle dort waren Analphabeten. Als sie dann zu ihren Eltern gezogen ist, konnte sie sich dort nicht einmal richtig verständigen, weil ihr Dialekt ein ganz anderer war. Sie musste erst einmal das Mandarin lernen und sich gewählt auszudrücken. Das hatte mich auch erstaunt. Wie, wenn jemand so gar kein Hochdeutsch könnte, auch wenn der Vergleich etwas hinkt, du weißt aber sicherlich, was ich meine.
      Wenn ich im Internet noch was finde, werde ich es hier ergänzen.

      Auf jeden Fall hast du mich mit deinem Kommentar heute schon zum Lachen gebracht. Danke dafür! 😀

      GlG, monerl

    2. Hier ist was, danach habe ich gesucht! Von A bis Z: Wie Kinder in aller Welt schreiben lernen. Falls der Link nicht geht, hier der Text. Gleich als erstes kommt China:

      China: Je früher desto besser
      Früh übt sich: Schon ab drei Jahren lernen chinesische Kinder im Kindergarten erste Schriftzeichen kennen, mit sechs fangen sie an zu schreiben. Bis zur 5. Klasse müssen sie dann 10.000 Schriftzeichen beherrschen. Eine Fleißaufgabe, denn die Zeichen folgen keinen bestimmten Regeln, sondern müssen auswendig gelernt werden.
      (Quelle: Deutsche Welle, Bereich Bildung, vom 19.08.2013)

      1. Hallo Monerl, genau das ist es, was die Kleinen perfekt beherrschen! Das *Fleissig auswendig lernen* – Je früher desto besser* – vielleicht liegt darin eines der Erfolgsgeheimnisse der asiatischen Kulturen verborgen!
        10 000 Schriftzeichen zu beherrschen, wahrlich eine Gedächtnisleistung!
        LG Angela

        1. Hallo liebe Angela,
          da magst du recht haben. Kinder saugen vieles einfach so auf, ohne dass sie es als Aufgabe empfinden. Ich sehe das ja bei meinen beiden, die zweisprachig aufwachsen. Was Kinder nicht wollen, das machen sie auch nicht. Wobei ich jetzt nicht weiß, wie das in China umgesetzt wird. Gibt es dahinter doch noch eine Art Drill oder ist alles wirklich freiwillig. Doch bei so einer Flut an Wörtern und Bildern und Möglichkeiten von Kombinationen ist es ganz bestimmt von Vorteil, so früh wie möglich anzufangen.
          GlG, monerl

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