Hunger
Rezensionen | Sachbuch

[Buchvorstellung] Hunger: Die Geschichte meines Körpers – ROXANE GAY

11. Juni 2019

#67 Kurzmeinung
#WirLesenFrauen

 

Buchvorstellung

Sie schreibt die Geschichte ihres Hungers. Sie schreibt die Geschichte ihres Körpers. Es ist keine Geschichte des Triumphs. Es ist die eines Lebens, das in zwei Hälften geteilt ist. Es gibt das Vorher und das Nachher. Bevor sie zunahm und danach. Bevor sie vergewaltigt wurde und danach. Roxane Gay, eine der brillantesten, klügsten und aufregendsten weiblichen Stimmen der USA, erzählt eine Geschichte, die so noch nie geschrieben wurde: schonungslos offen, verstörend ehrlich und entwaffnend zart spricht sie über ihren “wilden und undisziplinierten” Körper, über Schmerz und Angst, über zwanghaftes Verlangen, zerstörende Verleugnung und Scham – “Ich war zerbrochen, und um den Schmerz dieser Zerbrochenheit zu betäuben, aß ich und aß und aß.”

 

Kurzmeinung

Triggerwarnung: Vergewaltigung / Missbrauch / Essstörungen

  • Genre: Sachbuch, Memoiren
  • Handlung: Roxane Gay schreibt in ihrer Autobiografie über sich und ihren Körper, über das Dicksein, wie es dazu gekommen ist, wie sie damit umgeht. Dabei entblößt sie sich regelrecht und lässt alle Hüllen fallen. Denn dies ist nicht nur ihre Geschichte über ihren Körper, es ist die “Beichte” über die Vergewaltigung im zarten Alter von 12 Jahren und wie sie diese bis vor Kurzem vor ihrer Familie und ihrem Umfeld geheim gehalten hat. Es ist die Geschichte von VOR und DANACH und wie sie irgendwann lernte Worte für das zu finden, was ihr geschehen war. Es ist der Spiegel der Gesellschaft, wie sie Dicke wahrnimmt, verurteilt und was sie von ihnen erwartet oder ihnen abspricht.
  • Charaktere: Die Autorin ist 1974 in den USA geboren und ist ebenso Herausgeberin als auch Dozentin und Professorin an verschiedenen amerikanischen Hochschulen. Sie selbst bezeichnet sich auch als Feniminstin.
  • Spannung: –
  • Sprache & Schreibstil: Es ist ein sehr intensives, emotionals und persönliches Buch. Roxane Gay schreibt direkt, benennt Probleme, Erwartungen, macht Rückblicke nimmt den*die Leser*in mit in ihr Vor und Danach, wie sie es selbst ausspricht. Vor, in das Leben VOR der Gruppenvergewaltigung und ins Danach, als sie versuchte damit umzugehen und zu lernen, wie damit umzugehen. Leider wiederholt sie sich sehr oft in dem Gesagten und nach einiger Zeit bildet sich der Gedanke heraus: “Ok, ich weiß. Das hast du schon ganz oft gesagt…”. Das hätte vermieden werden können, um damit keinen gewissen Frust des Lesers hervorzurufen, da die Botschaft ja eine sehr wichtige ist.
  • Ende: Am Ende des Buches war ich emotional sehr berührt und durcheinander. Ich war wütend, traurig, entsetzt und froh zugleich. Ich bin froh, dass Roxane Gay es geschafft hat sich ein gutes Leben zu schaffen, einen Beruf hat, den sie liebt und eine Familie, die sie unterstützt. Sie hat Freunde und ein soziales Leben. Zugleich kann ich kaum fassen, dass sie ihrer Familie, zu der sie eine sehr tiefe und enge Bindung hat, bis Anfang 40 nie von ihrem Trauma und der Vergewaltigung erzählt hat. Sie hat sich von Therapie und Diäten sowie zu Abnehmprogrammen schleppen lassen, die ihren Körper behandeln und ihn verkleinern sollten ohne dass dabei die Ursache behandelt wurde / werden konnte. Ich schaue von außen auf dieses Schicksal und hadere mit vielem, das sie sagt und erzählt. Ich kann mich (glücklicherweise) nicht in sie hineinversetzen. Umso schlimmer lebe ich mit diesem Gefühl nicht alles verstehen zu können.
  • Hörbuch: Die Sprecherin Sabrina Gander liest das Buch sehr einfühlsam. Ich habe ihr sehr gerne zugehört und oftmals vergessen, dass sie nicht die Autorin selbst ist.
  • Fazit: Es fällt mir sehr schwer das Buch zu bewerten! Ich bin sehr froh, dass Roxane Gay sich endlich einiges von der Seele geschrieben hat. Sie öffnet damit die Augen und hoffentlich auch die Herzen der Menschen für all die anderen dicken und traumatisierten Menschen. Dieses Buch hallt nach und kann sensibilisieren, sodass man, wenn man Dicke z.B. mit einer Packung Chips oder Pommes sieht nicht unbedacht vorverurteilt oder auslacht. Wenn man sich an die eigene Nase fast, wird man sich an einige Situationen erinnern, in denen man gedacht hat, so Dicke sollten lieber einen Salat essen usw. Zudem kann dieses Buch aber auch Betroffenen helfen. Die Autorin zeigt sehr deutlich, WIE wichtig eine Traumabewältigung ist! Betroffene, die sich keine Hilfe suchen und keine Vertrauenspersonen in ihrer unmittelbaren Nähe haben, können sich kaum daraus befreien und ein normales und stabiles Leben führen. Ein sehr lesenswertes Buch, bei dem mir der Schreibstil nicht so ganz zugesagt hat. Die Wiederholungen störten mich sehr. Zudem ist mir persönlich immer noch nicht ganz klar geworden, WARUM sich die Autorin nie ihren Eltern anvertraut hat, obwohl sie das ganze Buch über betont, wie wichtig ihre Familie und wie stabil ihre Bindung zueinander war und ist. Das Thema sollte jedoch sichbar werden / bleiben und deshalb vergebe ich 4 Sterne.



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Interview mit der Autorin aus Zeit online vom 10.06.2019

 

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  1. Huhu meine Feine!

    Nachdem ich “Bad Feminist” gelesen habe, steht dieses Buch von ihr bereits weit oben auf meiner Wunschliste! Bei diesem Buch scheint sie noch offener in Bezug auf ihr Leben zu sein und ich bin durch deine Worte nochmals neugierig geworden. Ich mag es wie offen sie etwas anspricht, was sie bereits in “Bad Feminist” im Kleinen gemacht hat, scheint hier weitaus mehr Raum einzunehmen und somit eine ganz eigene Intensität zu schaffen!

    1. Hallo du Liebe!
      “Bad Feminist” will ich auch noch unbedingt lesen! Die Autorin hat durch “Hunger” mein Interessa auf ihre anderen Bücher geweckt. Es ist schon harter Tobag, den Roxane erleben und damit klarkommen muss. Ja, sie ist sehr offen und direkt und das ist auch gut so. Wahrscheinlich wusste sie nicht immer, was alles sie in diesem Buch schreiben / offenbaren soll, denn die Schreibweise ist nicht stringent. Und die Wiederholungen störten mich wirklich sehr. Man fühlt aber immer, wie sehr sie das alles belastet, wie sie einen Ausweg für sich sucht, wie sie nach Akzeptanz schreit und sich doch irgendwie hilflos fühlt. Les oder höre das Buch! Bin auf deinen Eindruck gespannt, gerade weil du schon ein Buch von ihr gelesen hast.
      GlG, monerl

  2. Hi monerl,
    ich denke, es ist eine Geschichte über Traumabewältigung. Sie hat sich ihren Frust angefressen. Aber nicht jeder, der dick ist, hat auch gleich ein Trauma. Weißt du, wir stecken alle nur in unserem Körper, in unseren Erfahrungen. Ich kann niemanden von außen beurteilen, wie leicht er oder sie Verletzungen wegsteckt, mit Stress und Enttäuschung umgeht, wie gut er oder sie seinen / ihren Körper im Griff hat, also angemessen isst, Fitness treibt, psychisch in der Balance ist. Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen, ich werde auch niemals alle Fakten kennen.
    (Zudem würd ich mir eher bei Dicken, die sich Chips oder einen Kuchen schmecken lassen, denken; ja, richtig, das Leben ist zu kurz, um Essen NICHT zu genießen ;))
    Und so denke ich mir das auch mit Roxane. Sie konnte mit niemanden darüber reden, vielleicht noch nicht mal mit sich selber in Form eines inneren Dialogs. Sie hat sich in das Essen geflüchtet. Schon vom Lesen der Rezension tut mir so irrsinnig leid, was ihr passiert ist. Gruppenvergewaltigung einer 12-jährigen, das ist so entsetzlich! Ich verstehe gut, wie lange sie darunter gelitten hat.
    Weiß man, was aus den Tätern wurde? Wurden sie verurteilt?
    Liebe Grüße
    Daniela

    1. Liebe Daniela,
      das ist eine Geschichte mit vielen Facetten. Eine Traumabewältigung, eine Beichte, der Kampf mit dem Gewicht, dem Alltag und der Gesellschaft. Es ist schlimm, was der Autorin passiert ist und welche Folgen das für sie bis heute hat. Ich wünsche ihr natürlich, dass sie irgendwann ihren Weg findet, damit abzuschließen. Für mein Empfinden hat sie das nämlich noch nicht. Kann aber auch daran liegen, dass sie lange Zeit Therapie verweigert hat.
      Sie hat die Täter nie angezeigt oder namentlich benannt. An den Haupttäter erinnert sie sich noch und hat auch bereits im Internet nach ihm gesucht, um zu sehen, wer er heute ist und was er macht. Die anderen kennt sie namentlich nicht, wenn ich mich recht erinnere. Wahrscheinlich ist die Tat auch in den USA bereits verjährt.

      Natürlich hat nicht jede*r Dicke ein Trauma, zumindest nicht unbedingt so eines in dieser Stärke und Tiefe. Abgesehen von denen, die aus verschiedenen gesundheitlichen Gründen sehr, sehr, sehr dick sind, “fressen” sich viele aus irgendeinem Frust eine (Schutz)schicht an. Ich kenne natürlich auch einige sehr dicke Menschen und bei fast jedem*r gibt es einen Auslöser, entweder in der Kindheit oder später im Erwachsenenalter.
      Wenn du, wie oben geschrieben, denkst, man soll sich den Kuchen / Chips… gönnen, da das Leben zu kurz ist, ist das natürlich ein feiner Charakterzug von dir. Doch die Masse denkt in so nem Augenblick aber nicht so. Man sollte sowieso Menschen nie vorverurteilen, dann klar, keiner weiß, was der andere gerade durchmacht oder hinter sich hat. Das ist leider nicht leicht. Deshalb sollte man immer bestrebt sein, an sich zu arbeiten. Das versuche ich stets.
      GlG, monerl

  3. Ich bin etwas zwiegespalten bei diesem Buch. Ich stimme dir zwar zu, dass es für bestimmte Dinge sensibilisiert. Obwohl ich mit einem 150kg-Mann verheiratet bin und daher immer dachte, ich sei frei von Vorurteilen in Bezug auf Dicke und würde mich immer richtig verhalten, würde ich hier eines besseren belehrt. Einige Stellen erschlossen sich mir aber so gar nicht. Was sollte z. B. das Kapitel über ihre Kochversuche?! Manchmal habe ich mich gegen ihre Aussagen gesträubt. Aber ich glaube, das waren genau die Stellen, an denen mir der Spiegel vorgehalten wurde. An denen es unangenehm wurde, weil ich einsehen musste, mich auch nicht immer richtig zu verhalten.

    1. Mir ging es so wie dir. Dieser Zwiespalt beschäftigt mich auch sehr, auch noch Tage nach dem Hören des Buches. Ich verstehe ihr Leid, ihre Probleme, bin wütend auf die Jungen, auf die Gesellschaft und als letztes auch auf mich. Ich frage mich, warum kann ich nicht einfach alles hinnehmen, was sie sagt. Ich hadere wirklich mit einigem und kann gar nicht so richitg greifen, warum. Z.B. verstehe ich überhaupt nicht, warum sie sich all die Jahre gegen eine Therapie wehrt. Sie geht hin, macht aber nicht mit, reflektiert überhaupt nicht. Dann sagt sie aber, dass sie durch Bücher usw. erfahren hat, dass das, was ihr passiert ist, eine Vergewaltigung war, dass sie ein Opfer oder auch eine Überlebende ist. Wieso hat sie nicht das zum Anlass genommen, sich helfen zu lassen? Wieso schafft sie es nicht, trotz Personal Trainer ihr Essproblem in den Griff zu kriegen? Das klingt für mich etwas oberflächlich. Sie weiß, wo ihr Problem liegt, was ihre Ursache ist und dennoch will sie das Trauma nicht verarbeiten. Dann versucht sie abzunehmen, obwohl sie weiß, dass sie es so nicht kann. Sie versucht sich hinter dieser Masse an Körper zu verstecken, unsichtbar zu werden und ist doch präsenter als sie möchte, da so ein Körper von 261kg nicht zu übersehen ist. Sexuell wirkt sie auf die Mehrheit der Männer (und Frauen) wohl nicht mehr anziehend, das hat sie mit dem Gewicht geschafft. Aber diese Paradoxen machen es mir eben sehr schwer. Und doch ist es wichtig über all das zu reden, das Thema “oben” und sichtbar zu halten. Die Gesellschaft ist ziemlich verroht. Auch ich ertappe mich oftmals, wie ich mich für meine erste Gedanken schäme, wenn ich Dicke sehe. Aber ich bin in der Lage daran zu arbeiten und tue es ja seit Jahren. Wie viele andere machen das nicht.

      Danke für deinen Kommentar! Dieses Buch hat viel Potential für Diskussionen. Und du merkst meiner Antwort sicherlich an, wie sehr mich das Buch beschäftigt.
      GlG, monerl

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