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[Buchvorstellung] In der Einsamkeit nahe dem Meer – ZORAN FERIC

1. November 2017
#157 Rezension
Rezensionsexemplar

2 von 5 Sternen

 

 

Buchbeschreibung:

Obsession, Freud, Jukebox, Tito, Muschis … ein wilder Roman über die Liebe.

Schön ist es, auf dem trockenen Seegras zu liegen, in der Einsamkeit nahe dem Meer. Die Geschichten handeln von der „Welt der Möwen“. „Möwen“ sind die dalmatinischen Jungs, die sich in den 1970ern und 1980ern als Frauenverführer versuchen. Hier die Jünglinge, die in der Kürze des heißen Sommers viele Eroberungen verzeichnen wollen, dort die liberalen, sonnenhungrigen touristinnen aus Deutschland, Dänemark oder Holland, die auf der exotisch-kommunistischen Insel Rab nach Abenteuern gieren. Doch stets sind die flüchtigen, von sexuellem Verlangen aufgeheizten Begegnungen getränkt von schwerer Melancholie. Offen und bizarr erzählt der Roman von der Verletzlichkeit der menschlichen Seele.

„In kaum einem zeitgenössischen Roman wird so munter geflirtet, geknutscht und gevögelt, schon gar nicht, wenn es um die zarte Jugend geht. Für Romantik oder gar Kitsch haben die Jungen von der Insel – und ihr Autor – wenig Sinn. Wo es tragisch wird, ist nicht die Liebe schuld, im Gegenteil: Sie zeichnet weich, was sonst nicht auszuhalten wäre.“

(Frankfurter Rundschau)

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Meine Meinung:

Ich hatte mich sehr auf dieses Buch gefreut! Verbindet mich doch einiges mit dem Autor, dem Setting, den Menschen…

Meine zweite Muttersprache ist Kroatisch. Ich habe zig Urlaube auf dieser kleinen und wunderschönen Insel Rab verbracht. Kenne die Orte, die in diesem Buch eine Bedeutung haben und verstehe auch die Kroaten als Menschen und ihre Kultur, soweit das natürlich möglich ist. Und vielleicht stehe ich deshalb mit diesem Buch so auf “Kriegsfuß”.

Das oben aufgeführte Zitat aus der Frankfurter Rundschau hatte mich ursprünglich auf das Buch neugierig gemacht. Und nun, wo soll ich anfangen?

Am Anfang stolpert man ganz leicht in die Geschichte hinein. Der Autor nimmt uns mit nach Rab. Auf die kleine kroatische Insel, die mit der Fähre in ganz kurzer Zeit erreicht werden kann. Erblickt man die Insel, sieht man als aller erstes kalten und kargen Stein, kaum Vegetation und plötzlich denkt man: “Da will ich nun Urlaub machen? Sehr einladend sieht es hier aber nicht aus!”. Doch kaum macht die Fähre den Schwenker in den Hafen, erblickt man die eigentliche Schönheit der Insel. Alles ist farbenfroh, grün und saftig und strahlt ein einladendes “Willkommen” aus.

Luka ist dann die erste “Möwe”, die uns mitnimmt, zur ihrer ersten Sommereroberung. Es ist, aus seinem jugendlichen Blickwinkel heraus, eine etwas ältere Slowakin. Und sogleich materialisierte sich mein erstes Stirnrunzeln. Ich konnte nicht erkennen, was diesen sehr jungen und unerfahrenen Mann dazu trieb, seine erste sexuelle Erfahrung mit einer so viel älteren Frau machen zu wollen. Mitten im Meer, auf dem Weg zu einer kleinen und unbewohnten Vorinsel von Rab erblicken und erkennen ihn sein Cousin und seine Freunde, die im Boot unterwegs sind, wie er mit dieser Frau, die einen lächerlichen, kindlichen rosa-weißen Schwimmring um die Brust trägt. Eine peinliche und beschämende Situation. Und doch reicht sie nicht aus, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen.

“Aber dann explodiert das Lachen. Ein hässliches, böses Jungenlachen. Und hier verliert er seine Unschuld, nicht mit ihr. Etwas ist zerbrochen, etwas ist zerschlagen, und es fehlt nur, dass sich das Meer ringsum von Blut rot färbt. Und er denkt, dass das Lachen von der Schande befreit. Es tut ihm leid, dass er sie auslacht, aber so sind die Regeln.”

 

Und so geht es weiter. Geschichte für Geschichte, werden wir Zeugen, wie sich zur Saisonzeit auf der Insel die Jungen Luka, Škembo, Gavran, Dudo, Kenjo, und Boris an junge Mädchen, ganz junge Mädchen und ältere Frauen, alles Ausländerinnen, ranmachen und bekommen Einblicke, welche Welt sich ihnen außerhalb der Urlaubssaison bietet. Dabei wird sich oft einer sehr vulgären Sprache bedient. – Hierbei muss ich anmerken, dass die kroatische Umgangssprache an sich sehr vulgär ist und die Übersetzung ins Deutsche vielleicht deshalb für meine deutschen Ohren so extrem abstoßend klingt. –

Die einzelnen Geschichten hängen nur lose miteinander zusammen. Das hatte zur Folge, dass mich das Buch, was den Plot angeht, nicht richtig packen konnte. Auch die Charaktere blieben deswegen ziemlich blass und oberflächlich und konnten mich zu keiner Zeit für sich einnehmen.

Insgesamt zeichnete der Autor ein sehr trauriges Bild von dieser meiner geliebten Ferieninsel. Die männlichen Jugendlichen wollen nur erobern, ihre Unschuld verlieren und die größte Strichliste von Eroberungen aufweisen.
Die großen zeitlichen Sprünge, bis zum Ende hin, machten es mir zusätzlich schwer, die Geschichte als großes Ganzes zu sehen.

Am Ende war ich nur eines, nämlich sehr froh, dass ich dieses Buch schließlich zuklappen konnte.

Der Autor ist sehr bekannt und beliebt in Kroatien, derzeit Gymnasiallehrer für Kroatisch. Seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt, u. a. ins Englische,
Italienische, Polnische, Spanische, Slowenische, Ukrainische,
Montenegrinische. Leider konnte mich sein Schreib- und Sprachstil nicht überzeugen. Vielleicht bekomme ich irgendwann die Chance, in das Original dieses Buches reinzulesen, um einen echten Vergleich anstellen zu können, ob die Geschichte auf Kroatisch besser / anders wirkt als in seiner deutschen Übersetzung. An der einen oder anderen Stelle hätte ich eine andere Wortwahl als der Übersetzter benutzt. Sehr deutlich ist mir durch dieses Buch klargeworden, wie wichtig es ist, dass der Übersetzer neben der Sprache auch das “Feeling” des Landes mit ins Buch einflechten kann. Hinzu kommt, dass etwas, das in der einen Sprache normal und natürlich klingt, in eine andere Sprache übersetzt ganz schrecklich, unpassend, oder wie hier, sehr vulgär klingen / rüberkommen kann.

Dieses Buch wird wohl mein Flop des Jahres werden, worüber ich sehr traurig bin. Ich konnte jedoch leider die Intention des Autors nicht verstehen und auch nicht, wozu diese Geschichten gut sein sollen. Vielleicht aber fehlt mir die dafür benötigte Sensibilität und Offenheit. Ich suchte vergeblich nach der Verletzlichkeit der menschlichen Seele und der schweren Melancholie, die dieses Buch ausmachen sollte.

Fazit:

Ein Roman von Sehnsüchten und Mee(h)r. Vordergründig leicht und locker, voll von Verletzlichkeit und Melancholie aber, wenn man sich tiefer auf ihn einlassen kann. Keinesfalls ein Roman für Jedermann.

 

Weitere Rezensionen:
+   lyrikpoemversgedicht – Timo Brandt
+   Renie´s Lesetagebuch
+   nzz.ch/feuilleton

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Ich danke dem folio Verlag für die Übersendung dieses Buchs als Rezensionsexemplar.

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© folio Verlag
ISBN: 9783852567198

Sprache: Deutsch
Originaltitel: Na osami blizu mora
Originalsprache: kroatisch
Übersetzer: Klaus Detlef Olof

 

 

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  1. Hallo liebes Monerl,ich kenne das Buch nicht, kann aber deine Kritik gut verstehen. Wenn man den roten Faden suchen muss und alles eher oberflächlich und primitiv gehalten ist – von Handlung und Charakteren her – frage ich mich auch imemr, das der Autor mir damit sagen möchte ;-)Liebe Grüße, Heike

    1. Ich wollte dieses Buch wirklich lieben, gerade weil mich so viel damit verbindet. Aber ich bin über den Schreibstil des Autors nicht hinter die Geschichte gekommen. Sehr schade, aber manchmal soll es einfach nicht sein, gell…GlG, monerl

  2. Hallo Monerl!Schade, dass dich das Buch so enttäuscht hat. Ich komme mit zu vulgärer Sprache nur schlecht klar. Wenn das mal ein Charakter ist, ist es in Ordnung und sagt viel über die Person aus. Im großen und ganze lege ich allerdings werde auf eine melodische gerne auch melancholische Sprache. Ich habe das Gefühl, dass die Wichtigkeit der Übersetzer noch nicht wirklich angekommen ist. Obwohl ich das auch immer wieder selbst sage und teilweise Übersetzer positiv/negativ in meinen Rezensionen erwähne, kann ich keinen einzigen beim Namen nennen.Liebe Grüße und hoffentlich wird das nächste Buch wieder besserSabrina

    1. Liebe Sabrina,vulgäre Sprache stößt mich i.d.R. auch ziemlich ab. Deshalb werde ich mal bei Gelegenheit in das Original reinlesen, um ein anderes Gefühl für das Buch zu bekommen. Bzgl. der Übersetzer hast du auf jeden Fall recht! Lange Zeit habe ich mir so gar keine Gedanken darüber gemacht. Aber das ist nicht richtig. Die Übersetzer sind ganz arg wichtig! Ohne sie gäbe es einige Bücher nicht, die ich so gerne gelesen hatte. Und sie sind auch bis zu einem gewissen Grad verantwortlich dafür, wie ein Buch als übersetzter Text ankommt, wirkt usw. Deshalb habe ich vor einiger Zeit nun auch explizit das Label für übersetzter eingefügt und nenne sie auch in der Rezension. In meiner Seitenleiste kann seitdem auch nach Übersetztern gesucht werden. 🙂 Das ist mein kleiner Dank an ihre ausgezeichnete und zu wenig gewürdigte Aufgabe.GlG vom monerl

  3. Hallo Sonja,ja, es ist ein ganz spezielles Buch. Hatte wirklich was anderes erwartet. Abgesehen davon kann ich dir Kroatien als Urlaubsland absolut empfehlen! Nachdem ihr jetzt auch endlich in Italien wart, müsst ihr nur einmal über die Adria, auf die andere Seite! :-)GlG vom monerl

  4. Hi monerl,deine Rezension lässt mich jetzt auch eher ratlos zurück, was uns der Autor damit sagen soll. Vielleicht ist es auf kroatisch tatsächlich besser, oder es ist unübertragbar? Du kannst kroatisch? Aber du wirst sicherlich keine Lust haben, das Buch nochmal zu lesen.GrüßeDaniela

    1. Hey Daniela,ja, ich kann kroatisch. 🙂 Früher habe ich sogar auch Bücher auf kroatisch gelesen. Viele schöne, kroatische Kinderbücher schmücken meine Regale. Wenn ich die Möglichkeit bekomme, werde ich in das Original hineinlesen. Ich möchte wirklich wissen, wie das Buch auf kroatisch rüberkommt. Evtl. passt es sogar zur Geschichte.Ich wünschte, ich hätte das Buch so annehmen können, wie Timo Brandt in seiner von mir oben verlinkten Rezension. Wenn ich die durchlese, bekomme ich gleich Lust das Buch zu lesen. hahaGlG vom monerl

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