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[Buchvorstellung] Kleines Wörterbuch für Liebende – XIAOLU GUO

4. Juli 2018

#234 Rezension


Buchbeschreibung

Als Zhuang in London ankommt, fühlt sie sich vollkommen verloren. Ihre Eltern haben sie in den Westen geschickt, damit sie Englisch lernt. Doch es ist nicht nur die fremde Sprache, die ihr Mühe macht, sondern auch die seltsamen Umgangsformen und das ungenießbare Essen. Geborgen fühlt sich Zhuang nur im Kino – dort begegnet sie schließlich auch der Liebe. Doch im Westen erweist sich diese als ebenso kompliziert wie der Alltag.

Xiaolu Guo inszeniert den Kulturschock voller Witz. Kleines Wörterbuch für Liebende ist ein kluges, unterhaltsames Verwirrspiel um kulturelle Unterschiede. Zugleich ist es eine zärtliche, bittersüße Liebesgeschichte.


Meine Meinung

Die Autorin ist als sehr junge Frau über ein Stipendium nach England gekommen und hatte entschieden, dass sie dort bleiben möchte. Wie teilweise auch in China, wollte sie in England ihren Lebensunterhalt durchs Schreiben bestreiten. In Peking studierte sie an der Filmhochschule. Ihre Liebe zum Film drückt sie damit aus, dass sie ihre Protagonisten sich im Kino kennenlernten und auch das Kino nach einem Streit oder schlechter Stimmung immer wieder ihr Zufluchtsort wurde. Das vorliegende Buch “Kleines Wörterbuch für Liebende” schrieb Xiaolu Guo auf Englisch. Es erschien erstmals 2007 unter dem Titel “A Concise Chines-English Dictionary for Lovers” (der m.M.n. viel besser zum Buch passt) und war in einfachem und gebrochenem Englisch geschrieben. Es beschreibt ein Wörterbuch-Tagebuch der Chinesin Zhuang, die noch nicht lange in England ist und sich dort nicht sehr wohlfühlt.

Als Leser*in erhält man Einblicke in die kulturellen Unterschiede zwischen dem Osten (China) und dem Westen (England). Dies zeigt die Autorin sehr gut über die unterschiedliche Bedeutung von Wörtern in den jeweiligen Sprachen.

“Das chinesische Zeichen für Liebe/lieben ist 爱 (ai). Es hat keine Zeit. Keine Vergangenheit und keine Zukunft. Auf Chinesisch kann Liebe/lieben eine Person bedeuten, eine Situation, eine Umstand. Liebe ist Sein, und diese Sein umfasst auch Vergangenheit und Zukunft.” (S. 299)

“In chinesische Sprache <<Heim>> und <<Familie>> hat selbe Zeichen 家 (jiā), das manchmal kann auch <<Haus>> bedeuten. Für uns Familie ist dasselbe wie Haus, und diese Haus ist auch ihre einzige Heim.” (S. 127) […] “Ich galube, <<Familie>> hier hat nicht Bedeutung von Ort. Vielleicht weil in Westen Leute einfach ziehen immer weiter von eine Haus in andere Haus? (S. 128)


Diese Unterschiede in den Sprachen empfand ich als sehr spannend. Zeigen sie doch deutlich, warum es in der Beziehung von Zhuang und ihrem älteren, englischen Lebensabschnittsgefährten immer wieder Streit gibt.

Ein Jahr lang gilt Zhuangs Visa für England. In dieser Zeit verbessert sie ihren Wortschatz, den Satzbau und ihre Grammatik, was man als Leser*in von Kapitel zu Kapitel verfolgen kann. Vom ursprünglich stockenden Englisch, bei dem sie auch sehr große Probleme mit den Pronomen hat, beherrscht sie am Ende die Sprache doch recht gut und flüssig.

“Alles sehr verwirren Menschen hier, Passagiere stehen in zwei Reihe.” (S. 17)

“Abends nehmen mich ein paar Freunde mit zu Karaoke. Für mich ist diese Bar nicht das Richtige.” (S. 348)


Zhuang  lernt in diesem Jahr viel und wir mit ihr. Die Protagonistin, die gleichzeitig die Ich-Erzählerin ist, ist geprägt vom chinesischen Kommunismus, in dem eine einzelne Person nicht viel Wert hat. Daher fühlt sie sich in der Fremde auch sehr einsam. Das geht so weit, sodass sie in der Beziehung, in der ihr Künstlerfreund Privatsphäre, Rückzugsmöglichkeiten und das Alleinsein braucht, diese Wünsche nicht verstehen kann und sich abgelehnt fühlt.

Der sprachliche Stil ist der Entwicklung der Protagonistin angepasst. Zhuang ist sehr naiv und besitzergreifend, da sie es nicht anders kennt. Durch ihre andere Lebenseinstellung entsteht viel Situationskomik, die sich locker durch das Buch zieht, obwohl die Themen und Wörter, die Zhuang lernt, essentiell und bedeutend sind.

Durch das Schengen-Visa hat Zhuang auch die Möglichkeit andere Länder Europas zu bereisen. Dieser Trip, den sie alleine macht, ist leider nicht immer schön. In Faro/Portugal, macht die Protagonistin eine sehr schmerzliche Erfahrung, die mir sehr wehgetan hat. Einiges, das in diesem Buch niedergeschrieben ist, hat die Autorin sicherlich aus ihrer eigenen Erfahrung einfließen lassen. Ich hoffe, dass der Aufenthalt in Faro nicht dazu gehört.

Dieses kleine Wörter- und Tagebuch zeigt eine komplizierte Liebesgeschichte, die manchmal auch poetisch und leicht erotisch ist. Das Schöne ist, alles passt wunderbar zusammen. Je näher man dem Ende kommt, hofft man auf ein Happy End, das wider Erwarten ein Paar zusammenbringen soll, gegen das die Zeit und alle anderen Umstände spielen.


Fazit

Mit diesem Buch ist Xiaolu Guo gelungen, den Gegensatz von Ost und West aufzuzeigen, denn das Buch ist wunderbar einfach, schön strukturiert und sehr verständlich. Wer sich für Kulturen, China sowie kulturelle und sprachliche Gegensätze interessiert und offen für Neues ist, kann beherzt zu diesem Buch greifen und es genießen. Ich werde es jetzt noch auf Englisch lesen, da die deutsche Übersetzung sicherlich nicht alles wiedergeben kann, welche sprachlichen Fortschritte die Protagonistin tatsächlich gemacht hat, da sich das Deutsche vom Englischen in vielerlei Hinsicht unterscheidet. Da Zhuang eine Ausländerin ist und erst angefangen hat, Englisch zu lernen, gehe ich davon aus, dass man für die Originalfassung keine herausragenden Englischkenntnisse benötigt.


Weitere Rezensionen

Weitere Informationen

– Beitrag “Ein Roman als Lexikon” aus Deutschlandfunk vom 14.08.2008


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NEW YORK, November 8, 2017 — The memoirist Xiaolu Guo explains why she writes in English even though it is not her strongest language. (veröffentlicht am 09.11.2017 / Asia Society)


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Die Autorin Xiaolu Guo stellt ihren Roman “Kleines Wörterbuch für Liebende” (Knaus Verlag) vor. Aufnahme von der Frankfurter Buchmesse 2008. (veröffentlicht am 27.10.2008 / Verlagsgruppe Random House)


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Ich danke dem Penguin Verlag und auch dem Bloggerportal, die mir freundlicherweise das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

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  1. Liebes Monerl

    Das Buch klingt sehr interessant. Ich habe es mir notiert. Es muss schwer sein, unsere Sprache zu lernen. Ich denke, solche Bücher können dazu beitragen, dass wir unsere Sichtweise ändern. Eventuell mehr Hilfe anbieten.
    Du hat hier eine fabelhafte Rezension geschrieben. Ich spüre bei jedem Wort deine Begeisterung. Leider ist mein Englisch sehr schlecht. Ansonsten würde ich mir die Originalausgabe kaufen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch was zum Lachen in der Geschichte gibt.

    Liebe Grüße,
    Gisela

    1. Liebe Gisela,

      die, die ich kenne, bestätigen, dass Deutsch sehr schwer zu lernen ist. Alle kamen mit Englisch, Französisch oder auch Italienisch und Spanisch beser zurecht. Wir können nur froh sein, dass wir uns diese Mühe nicht geben mussten, sondern Deutsch einfach beiläufig erlernt haben. 😀

      Dieses Buch ist eine Momentaufnahme eines gänzlich unterschiedlichen Paares über einen Zeitraum von einem Jahr. Sehr spannend, interessant, lustig und auch traurig. Alles ist dabei. Deshalb wirkt es so ehrlich. Ich hoffe, dass du Zeit finden kannst, es irgendwann mal zu lesen. Wäre auf deine Meinung sehr gespannt!

      Über die englische Originalversion werde ich auch eine Rezi schreiben, mindestens eine Kurzmeinung im Vergleich zur deutschen Übersetzung. Dann kannst du immer noch entscheiden, ob dein Englisch zu schlecht ist. Wobei du mit so einem Buch sicherlich deine eigenen sprachlichen Fortschritte machen würdest, glaube ich zumindest.

      GlG, monerl

        1. Hahaha, ich denke, soooo schlecht sprichst du sicherlich nicht! Ein Urlaub in einem Land, in dem du Englisch benutzen musst, und alles wäre wieder aufgefrischt! 🙂

  2. Liebe monerl,

    ohhhhh, das muss ich unbedingt lesen. Deine Zitate sind genial! So was finde ich auch hochspannend, wie Wörter in unterschiedlichen Sprachen verschiedene Bedeutungen haben!
    Ach, wie soll ich nur jemals meinen Sub abarbeiten?!
    Danke, für die wunderbare Vorstellung!

    Mir fiel zu den Zitaten übrigens ein Buch ein, das jetzt nicht wirklich mit dem hier vergleichbar ist. “Briefe in die chinesische Vergangenheit” von Herbert Rosendorfer. Kennst Du das? Super witzig geschrieben! Das könnte ich auch mal wieder lesen. (Haha, habe ja sonst nix zum lesen!)

    Herzlich
    Petrissa

    1. PS: “Alles Bunte” gefällt mir sehr gut. Ich muss mir nochmal genauer anschauen, wie es geht. Habe es beim ersten Mal nicht hinbekommen, daher habe ich noch das andere Widget.

      1. Ja, das “Alles Bunte” habe ich nun in den Full-Footer gestellt. Ich habe meine ganzen Schlagworte leider immer noch nicht ganz bearbeitet und zugeordnet, um das andere Plugin zu benutzen. Erstmal bleibt es so, bis ich mehr Zeit habe. Das “Alles Bunte” ist derzeit nicht über Handy sichtbar. Das habe ich ausgeschaltet. Über Handy surft man wahrscheinlich weniger in Schlagworten. Zudem ist es viel zu lang. Wenn ich alles erledigt habe, werde ich dich darauf aufmerksam machen. 🙂

    2. Liebe Petrissa,
      der SuB und die Wünsche kollidieren oft, da geht´s dir nicht anders als mir! Ich hätt so gern ne Zeitmaschine, die mir Zeit schenkt! hihi
      Das Buch ist wirklich schwer in Worte zu fassen, da es nicht verleichbar ist. Sowas in der Art hatte ich bisher noch nicht gelesen. Lustigerweise erwähnt einer in seiner Rezension auf Amazon dieses Buch von Herbert Rosendorfer “Briefe in die chinesische Vergangenheit”. Das kannte ich bisher auch nicht. Hast du es zu Hause? Ich hatte noch überlegt, ob ich diese ganz schlechte Bewertung des Rezensenten, der auf dieses Buch verweist, auch einfügen soll, habe mich dann jedoch dagegen entschieden. Weil es aber gerade so gut hierher passt, hole ich das nun nach und verlinke ihn HIER im Kommentar. 😀
      GlG, monerl

      1. Liebe Monerl,

        ja, das Buch habe ich und kann es Dir leihen. Es ist das erste Buch, welches ich mir *bewusst* in einem Buchladen gekauft habe. Also sicher habe ich davor auch schon welche gekauft, aber da war ich ~ 18 und im buchladen stöbern und die Verkäuferin sprach mich an und war so nett. Und sie empfahl mir das Buch und es war so genial. Deswegen ist das immer noch als Erinnerung so im Kopf. 😀

        Dein Link geht leider nicht.

        Liebe Grüße
        Petrissa

        1. Meinst Du missmable? Habe gerade mal bei Amazon geguckt.

          Quatsch, dieses Buch hier hat nichts mit Die Briefe in die chinesische Vergangeheit zu tun!
          Das Buch von Rosendorfer ist fiktiv. Ein Mandarin wird in die Zukunft geschleudert, nach Bayern und erzählt dort von seinen Erfahrungen. Von dem, was er nicht versteht und die Sprache ist halt unglaublich witzig. Vieles versteht man wahrscheinlich auch nur, wenn man Deutsch kann und auch den Dialekt versteht.
          Das hier hat ja einen ernsten Hintergrund.

          lg
          Petrissa

          1. Ja, genau! Die hatte ich gemeint. Sie verknüfpt das wegen des Kulturschocks, den Zhuang in England macht, da sie bisher nur in China gelebt hat. Das Buch von Roserdorfer ziehlt doch auch auf diesen Kulturschock ab, oder habe ich das falsch verstanden?

            1. Stimmt schon, aber man kann ja einen echten Kulturschock nicht mit einem vergleichen, der bewusst lustig dargestellt werden sollte. So weit ich es in Erinnerung habe, ähnelt die Geschichte Rosendorfers eher an eine Parodie.

        2. Das ist ja mal eine schöne Erinnerungsgeschichte zum Kauf eines Buches! 🙂 Habe den Link repariert. Jetzt müsste es gehen. Probier mal bitte.

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