Mamsi und ich
Rezensionen | Sachbuch

[Buchvorstellung] Mamsi und Ich – BERND C. SUCHER

13. August 2019

#304 Rezension
#GegenDasVergessen

 

Buchbeschreibung

Vom Leben mit einer übermächtigen Mutter

Wie wurde die Nachkriegsgeneration durch die Erfahrungen ihrer Eltern geprägt? Diese Frage stellt sich C. Bernd Sucher in seinem neuen, sehr persönlichen Buch und erzählt von seiner Mutter, einer stolzen und starken Frau, die als Jüdin im Dritten Reich verfolgt wurde, das KZ überlebte und nach dem Krieg einen Protestanten aus konservativem Elternhaus heiratete. Sie hatte eingewilligt, den Sohn christlich zu erziehen, was sie ein Leben lang quälte, seinen jüdischen Glauben sah sie dennoch kritisch und trieb ihn unerbittlich an, im Leben das zu erreichen, was ihr durch die NS-Verfolgung verwehrt blieb. Suchers Spurensuche zeichnet die schwierige, prägende Beziehung von Mutter und Sohn nach, sehr offen, reflektiert und wunderbar erzählt.

 

Meine Meinung

Ein unfassbar offenes, schweres und unsäglich trauriges Buch, denn es handelt von einer Frau und Mutter, der Unbeschreibliches während des 2. Weltkrieges widerfahren ist, von einem Vater, der es ein Leben lang nicht schaffte Zugang zu seiner Frau zu finden, von einem Sohn, der psychisch und physisch unter seinen Eltern gelitten hatte und durch die Zwänge der Mutter nie einen eigenständigen Lebensweg gehen konnte.

Bernd C. Sucher erzählt von der Kindheit seiner Mutter, der Deportation nach Auschwitz und was ihr dort passiert war. Er schreibt aber auch über sein Leben. Ein Leben, das sicherlich anders gewesen wäre, hätten das Naziregime und der Krieg die Jüdin Margot Artmann nicht gebrochen und ihr ihre Zukunft genommen. Eine Zukunft, die sie dann um jeden Preis über ihren Sohn Bernd erreichen wollte.

Ich habe mir sehr schwer getan mit Margot Sucher, geb. Artmann. Glücklicherweise habe ich keinen Krieg erlebt, bin jedoch Mutter und es fällt mir sehr schwer Sympathie für sie zu finden. Ihre Nüchternheit, Kühle als auch Distanz zum Sohn erschreckten mich von Seite zu Seite immer mehr. Der Autor war ein Leben lang auf der Suche nach Mutters Liebe, Zuneigung und Anerkennung. Und es erstaunt und überrascht mich sehr, wie aus so einem psychisch wie auch physisch misshandelten Kind dennoch ein so freier und intelligenter Geist und Mensch Bernd C. Sucher werden konnte!

“Diese Kümmerer, die weiblichen und die männlichen, waren für mich ein Ersatz. Sie gaben mir das Gefühl, um meiner selbst willen gemocht oder, sogar das, geliebt zu werden. Sie wollten wirklich nur mich! Sie gaben mir die Nähe und den Schutz, den meine Mutter mir verwehrte.” (S. 143)

“War ich immer ein kleiner Erwachsener? Missachtet und geschlagen. Hatte ich je ein gesundes Selbstwertgefühl besessen? Hatte ich je meine eigenen Gefühle gelebt oder nicht immer die Gefühle vorgetäuscht, die meine Mutter an mir wahrnehmen wollte? Was meine Mutter als sehr junge Frau nicht hatte bekommen können, wollte sie nun bei mir finden.” (S. 170)

 

Bernd C. Sucher legt sein Leben offen. Durch eigene Tagebucheinträge und Briefe der Mutter, die sie ihm hinterlassen hat aber auch durch die Briefe, die sich Mutter und Sohn geschrieben haben, werden wir Zeugen einer ungesunden Mutter-Sohn-Beziehung, die den Autor bis ins hohe Alter verfolgt und aus der er sich durch dieses Buch versucht zu befreien.

Der Autor ist ein rastloser Getriebener, der an jedem neuen Höhepunkt seiner Karriere mit der Unsicherheit zu kämpfen hatte, ob er das Erreichte genießen darf. Ich hätte ihm gewünscht, dass er an irgendeinem Punkt seiner Erfolge endlich die verdiente Anerkennung der Mutter erhalten hätte.

Sehr froh bin ich, dass Bernd C. Sucher sich wenigstens noch vor dem Tode seines Vaters mit ihm aussöhnen konnte. Seine Beichte und die Bitte um Vergebung für all die körperlichen Züchtigungen waren aus mir verständlichen Gründen sehr wichtig für den Autor.

 

Fazit

Ich ziehe meinen Hut vor dieser öffentlichen Aufarbeitung seines Lebens! Emotional und schonungslos gibt er Familien- und persönliche Geheimnisse preis und lässt die Leser*innen am Befreiungsprozess teilnehmen.

Eine der schrecklichsten und verstörendsten Autobiografien, die ich gelesen habe. Schmerzhaft, tiefgreifend, absolut lesenswert!

 

Weitere Rezensionen

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Ich danke dem Piper Verlag, der mir freundlicherweise das Buch über die Agentur BUCH CONTACT als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

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    1. Hallo liebe Angela,
      das ist ja total lieb, dass du das machen möchtest! Ich weiß nicht, was für einen Button du dafür brauchst! Ich habe ja FB, Twitter und Pinterest unter jeder Rezi, damit man darüber teilen kann. Habe jetzt noch ein paar eingefügt. Ist jetzt der dabei, den du brauchst?
      GlG, monerl

  1. Hallo liebe monerl,
    da fallen mir je gerade die Worte nicht leicht. Einfach zu sagen ‘das muss ich lesen’ würde nicht passen, eher ‘da möchte ich mich herantrauen’. Gerade durch dieses autobiographische fürchte ich es sogar ein bisschen. Das macht den großen Unterschied zu fiktivem aus, wobei selbst da berührt und schockiert es mich oft genug. Durch deine Rezension, die ich richtig schön finde, hast du mich überzeugt, es doch zu lesen. Herzlichen Dank für diese ehrliche Buchvorstellung. Liebe Grüße
    Kerstin

    1. Liebe Kerstin,
      ja, das Buch ist echt harte Kost, zumal ich weiß, dass du auch Mutter bist! Ich musste das Ganze jetzt ein paar Tage sacken lassen. Das Buch hatte mich wirklich aufgewühlt, traurig und wütend gemacht. Zudem hadere ich mit dem Gefühl, dass ich die Mutter nicht leiden kann, da ich weiß, dass sie schlimm gelitten hat im 2. WK, aber ich kann ihr ihr Verhalten dem eigenen Sohn und auch der Tochter, für die sie sich nie interessiert hat, einfach nicht verzeihen! Es ist so krass, was der Autor für eine Kindheit hatte. All diese Abhängigkeit bis ins Alter… Einfach krass! Wenn du magst, schicke ich dir das Buch zu. Eilt auch nicht. Gib mir einfach Bescheid.
      Danke für deine lieben Worte!
      GlG, monerl

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