Masha und Dasha
Rezensionen | Sachbuch

[Buchvorstellung] Masha & Dasha – JULIET BUTLER

21. November 2019

#319 Rezension
#WirLesenFrauen

 

Buchbeschreibung

Seit 50 Jahren leben sie in einem Körper und sind doch verschieden wie Tag und Nacht: die siamesischen Zwillinge Masha und Dasha.

Rebellisch und kämpferisch die eine, sanft und beliebt die andere. Sie erzählen von ganz unterschiedlicher Warte aus von ihrem einen, unlösbar verknüpften Leben, den dramatischen Verhältnissen, unter denen sie in Russland aufwuchsen, und dem Denken und Fühlen siamesischer Zwillinge.

Ein faszinierender, unvergleichlicher Lebensbericht von einer Beziehung, die nur der Tod trennen kann.

 

Meine Meinung

Ein Buch über das Schicksal zweier Frauen, die Unglaubliches und Grausames als medizinische Versuchskaninchen erleben und aushalten mussten!

Wir bekommen den Einblick in das Russland von Stalin bis Gorbatschow und wie man zu dieser Zeit mit Behinderten in der UdSSR umgegangen ist. Denn das Leitmotto war (sinngemäß): “In Russland gibt es keine Behinderten!” So wurden alle körperlich wie auch geistig behinderte Menschen in spezielle Heime weggesperrt. Zudem galt die Überzeugung, dass körperlich behinderte und beeinträchtigte Menschen gleichzeitig auch geistig behindert seien.

Die beiden siamesischen Zwillinge Masha und Dasha wurden nach der Geburt ihrer Mutter weggenommen. Der einfachen Bauersfrau wurde weisgemacht, ihre “Missgeburt”-Kinder wären gestorben, damit man sie in eine Klinik bringen konnte, wo zu medizinischen Zwecken Versuche an ihnen durchgeführt wurden. Bis sie sechs Jahre alt waren mussten sie das alles über sich ergehen lassen. Sie lebten in einem Zimmer, konnten nicht laufen, nicht richtig sitzen und wussten nicht, wie man mit Besteck ist.

Danach führte ihr Weg über ein Kinderheim für Behinderte und nach der Schulausbildung direkt ins Altersheim. Ja, Altersheim und zwar mit ca. 18! Die beiden jungen Frauen inmitten von Alten und Kranken, ohne Perspektive auf ein angemessenes Leben. Dies deprimierte Dasha mehr als Masha, denn erstere war die sensiblere. Während Masha burschikos, keck und dominant war, konnte sich Dasha mit ihrem Leben und der Unterdrückung durch ihre Schwester schlecht arrangieren. Sie versuchte mehr als einmal ihr Leben zu beenden, wurde aber von Masha gestoppt, die ihr dann den Suizid verbot. Somit tröstete Dasha sich mit Wodka und enfloh mittels Akohol der Wirklichkeit und wurde abhängig.

“In der UdSSR war es üblich, schwer behinderte Babys von ihren Eltern zu trennen. Jede Abweichung von der Norm war eine Beleidigung für die Kommunistische Partei, und so wiesen Ärtze den Eltern geistig und körperlich behinderter Kinder an, diese in speziellen Waisenhäusern unterzubringen – in möglichst abgelegenen Heimen, weit entfernt von Blickfeld der Öffentlichkeit.” (Zitat S. 9)

 

Dies ist inhaltlich kein leichtes Buch, berichtet es doch über Kindesmisshandlung. Darauf war ich nicht gefasst. Glücklicherweise endet dieses Kapitel, nachdem die Zwillinge sechs Jahre alt waren. Aber vergessen kann man es das ganze Buch über nicht.

Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, wie es körperlich und / oder geistig behinderten Menschen außerhalb von Deutschland geht (ging). Das siamesische Zwillingspaar hatte 1993 die Möglichkeit für 10 Tage nach Deutschland zu reisen und beide Frauen konnten nicht glauben, wie gut es behinderten Menschen in Deutschland ging. Sie wurden nicht beschumpfen und begafft. Man behandelte sie respektvoll und überall in den Heimen gab es Rampen für Rollstühle und umgebaute Badezimmer usw. Dasha wollte gar nicht mehr nach Russland zurück. Diese Reise nach Deutschland zeigte ihr ein Fenster in eine Welt, die es für sie nie geben würde. Danach hatte sie kaum noch Lebenswillen und trank noch mehr.

Das Buch ist sehr lesenswert, zeigt es auf der einen Seite, was für Schicksale manche Menschen erleiden müssen. Andererseits sensibilisiert es den Umgang mit behinderten Menschen und lässt einen erkennen, wie verletztend das Verhalten mancher Menschen auf sie wirkt.

“Im Dienst der Wissenschaft stahl man uns unsere Mutter. Hat je jemand daran gedacht, dass sie darunter leiden würde? Oder was es für uns bedeutete, in Kliniken aufzuwachsen, ohne Liebe ohne Familie? Nein. Denn wir waren eine einmalige Chance für die Wissenschaft, und ind er Sowjetunion wurde dem Dienst an der Wissenschaft alles untergeordnet.” (Zitat S. 12)

 

Mir gefiel lediglich der Stil der Autorin nicht, wie sie dieses Buch geschrieben hat. Aber vielleicht liegt es auch an der Übersetzung. Hauptsächlich wird in einer wechselnden ich-/wir-Form geschrieben, die aber nicht nur die Sicht von Dasha oder Masha wiedergibt. Zwischendurch lässt die Autorin auch Ärzte, Pflegepersonal usw. in der ich-Form oder über Zitate, direkte Rede zu Wort kommen. So war ich hin und wieder irritiert, wer denn nun erzählt.

 

Fazit

Ein Buch, das nur im Ausland veröffentlicht wurde und intensive Einblicke in das Leben von den siamesischen Zwillingen Masha und Dasha bietet. Sie wollten der Welt erzählen, wie es ihnen ergangen war und wollten damit eine Lanze für behinderte Menschen brechen, sie sichtbar machen. Absolut lesenswert aber nichts für zarte Gemüter!

 

Weitere Recherche

– Beitrag “Mascha und Dascha Kriwoschljapowa” in Wikipedia.

– Bericht “Schluss mit dem Geglotze” aus Spiegel online vom 13.03.2000

– Bericht “Life and death of USSR’s most famous conjoined twins” aus pravdareport vom26.04.2019

– Bericht “The torture and sadness of Russia’s most famous conjoined twins” Interview mit Juliet Bubler aus Macleans vom 08.08.2017

Weitere Rezensionen

– wird nachgetragen –


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