Milchzähne
Rezensionen | Roman / Gegenwartsliteratur / Liebe / Romantik / Chick-Lit

[Buchvorstellung] Milchzähne – HELENE BUKOWSKI

19. Juni 2019

#290 Rezension
#WirLesenFrauen

 

Buchbeschreibung

Eines Tages steht das Kind plötzlich da, die Haare feuerrot leuchtend inmitten des Kiefernwaldes, und gehört niemandem. Skalde nimmt es mit zu sich, obwohl sie weiß, dass die anderen, die in der abgelegenen Gegend leben, das nicht dulden werden.

Skalde und ihre Mutter Edith gehörten selbst nie richtig zur Gemeinschaft, seit Edith vor mehr als zwei Jahrzehnten plötzlich triefend am Ufer des Flusses stand, von dem die Anderen sich erhofft hatten, er würde sie vor der im Chaos versinkenden Welt beschützen. Mutter und Tochter lieben einander auch, weil ihnen nichts übrig bleibt: Gegen die Bedrohung müssen sie zusammenhalten. Vor allem jetzt, da immer klarer wird, dass das Leben des Kindes – und ihr eigenes – in Gefahr ist …

Helene Bukowski hat einen atemberaubenden Debütroman von so zeitloser Gültigkeit wie brisanter Aktualität geschrieben, einen Bericht aus einer verrohten Welt, die irgendwo auf uns zu warten droht.

 

Meine Meinung

Der jungen Autorin ist hier ein außergewöhnliches Debüt gelungen. Zwar lässt es sich recht flott lesen, dafür ist es aber inhaltlich sehr dicht und atmosphärisch sehr düster. Ein Buch, über das man nach dem Lesen intensiv nachdenken kann und hofft, dass es nie soweit kommt.

Ausgangslage ist für diesen dystopischen Roman die Klimakatastrophe. Das Wetter hat sich verändert und es ändert sich immer noch. Tiere verlieren ihre Fellfarbe. Es gibt sie nur noch in weiß und wesensverändert als auch mit Missbildungen. Ihnen gegenüber stehen die Menschen.

Helene Bukowksi schafft es eine Gruppe sehr unsympathischer Menschen darzustellen, mit denen man so im Alltag nicht viel zu tun haben mag. Sie erinnerten mich während und nach dem Lesen an eine extreme Gruppe, die meint ums Überleben kämpfen zu müssen und deshalb für sich bleiben will. Um das gewährleisten zu können ist ihnen jedes Mittel recht.

Sie haben die Entscheidung getroffen sich abzuschotten und niemanden mehr hereinzulassen. Den Weg über die Brücke zu ihnen haben sie gesprengt. Sie haben große Angst vor der Außenwelt. Wer das ist und wie die Welt aussieht weiß man nicht. Hierzu äußert sich die Autorin leider nicht. Als Leser*in erhält man einen kurzen Einblick in einen abgeschiedenen, einsamen Ort über einen kurzen Zeitraum von ein paar Monaten.

Ihre heile Welt gerät ins Wanken als ein Mädchen von außen bei ihnen auftaucht. Wie hat sie es geschafft zu kommen? Woher kommt sie und warum kam sie? Auch diese Fragen beantwortet uns Helene Bukowski (leider) nicht.  Ihr Fokus liegt darauf aufzuzeigen, wie manche Menschen handeln, wenn sie Angst haben. Diese Angst muss jedoch nicht begründet sein. Sie kann, wie hier, sehr irrational sein.

An was erinnert einen das? Ich zumindest fand die Verbindung zur aktuellen Angst vor Flüchtlingen. Es gibt Gruppierungen, die sich jeglichen Argumenten verwehren, seien sie noch so logisch. Die Angst kann nicht aufgelöst werden und lässt diese Leute extrem handeln.
Sie haben Angst vor Fremden, vor allem, was sie nicht kennen. Sie haben Angst vor Veränderung. Sie bleiben stur in ihrer Angst und ihrem Handeln. Sie überdenken einmal gefällte Entscheidungen nicht, sind nicht in der Lage Mitleid und Empathie zu empfinden.

Die Autorin nennt keinen expliziten Ort wo ihr ihre Figuren leben. Namen wie Edit, Skalde, Nuul, Meisis, Göst, Levaii unvm. erinnerten mich an nordische Namen. Doch thematisch gesehen ist das nicht wichtig, denn Menschen und ihre Ängste, wie im Buch beschrieben, gibt es überall auf der Welt.

In Tagebuchform erfahren wir über Skalde einen Bericht zur Situation.

“Wenn ich fertig bin mit diesem Bericht, werde ich ihn in der Schublade des Tisches zurücklasse, in der Hoffnung, dass wir auf der anderen Seite des Meeres ein neues Leben anfangen.” (Seite 8)


So lesen wir uns durch 77 unterschiedlich lange Kapitel bis zum Ende, das ebenso offen ist wie das meiste im Buch. Und diese vielen offenen Punkte sind mein eigentlicher Kritikpunkt neben meiner großen Begeisterung für die Geschichte. Ich hätte gerne etwas mehr über die Vergangenheit und den Zustand der Welt erfahren. Ansatzpunkte hätte es gegeben, ohne dass es der Geschichte geschadet hätte. Sie wäre vielmehr sogar etwas runder und besser greifbar.


Fazit

Insgesamt und trotz meiner Kritik ist “Milchzähne” ein empfehlens- und lesenswertes Buch. Helene Bukowski schaffte es mit nur zwei positiven und einer Vielzahl an negativen Charakteren dennoch eine Geschichte zu schreiben, die ich sehr gerne gelesen habe und mit der sie im übertragenen Sinne die aktuelle Situation trefflich vor Augen bringt und die ganze Absurdiät aufzeigt. Ein Buch, das sich grandios für gemeinsames Lesen und Diskutieren eignet.


Weitere Rezensionen

____________________________

Ich danke dem Aufbau Verlag, der mir freundlicherweise das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

____________________________

 

Vielleicht interessiert dich auch

Loading Likes...

Only registered users can comment.

  1. Hallo Monerl,
    also ist es so eine Art dystopisches Kammertheater? Hört sich interessant an. Allerdings mag ich es nicht, wenn ich, wie hier, über die Umstände so gänzlich im Unklaren gelasen werde. Auch wenn es, wie du sagst, an der Aussage im Buch nichts ändert, meistens ist das störend. Auch dich hat es ja beschäftigt.
    Wäre wirklich etwas für eine Leserunde, man merkt deiner Rezension das Bedürfnis nach Austausch an!
    LG
    Daniela

    1. Liebe Daniela,
      so in etwa. hihi Das Setting ist sehr begrenzt. Es spielt sich alles in dem Ort ab. Die Abwechslung bieten nur die unterschiedlichen Charaktere und ihr Wohnsitz und der Wald. Mehr gibt es nicht. Das Buch ist wirklich durchaus gelungen! Ich vermisse dennoch die ganzen Umstände der Dystopie. Das rundet für mich halt alles ab. Das störte mich schon ziemlich und dafür habe ich einen ganzen Stern abgezogen. Ansonsten wäre es für mich ein volle Punktzahl-Buch.
      Ja, ich würde sehr gerne mit anderen über das Buch sprechen. Vielleicht magst du es doch lesen… 😉
      GlG, monerl

  2. Hallo,

    bei Dystopie werde ich ja immer hellhörig. Denn ich liebe gute Endzeitgeschichten.
    Nach dem Titel hätte ich keine Geschichte dieser Art erwartet und jetzt bin ich neugierig.

    Danke für die Vorstellung.
    LG Anja

    1. Hallo liebe Anja,
      ich liebe auch Dystopien. Leider enttäuschen mich die meisten mittlerweile. Diese hier ist ganz anders und auch nicht unbedingt sehr leicht. Ich habe nach dem Lesen lange über den Inhalt und die Figuren und ihr Handeln nachgedacht. Diese permanent düstere Stimmung, die sich nicht auflöst, drückt einen während und auch danach schon ziemlich. Es gibt wenig bis kaum Antworten und Erklärungen. Die Autorin fokusiert sich überwiegend auf die Chraktere und eine Art Psychogramm einer Endzeitstimmung. Und dennoch ist die Geschichte irgendwie genial, da sie so direkt den Finger in die Schlechtigkeit der Menschen drückt und aufzeigt, wie manche auch schon heute handeln, obwohl keine Not tut es zu tun.
      Ich wäre jedoch sehr interessiert in deine Meinung und ob sie sich mit meiner decken würde. 🙂
      GlG, monerl

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu