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[Buchvorstellung] Nussschale – IAN McEWAN

12. November 2018

#262 Rezension


Buchbeschreibung

Eine klassische Konstellation: der Vater, die Mutter und der Liebhaber. Und das Kind, vor dessen Augen sich das Drama entfaltet. Aber so, wie Ian McEwan sie erzählt, hat man diese elementare Geschichte noch nie gehört. Verblüffend, verstörend, fesselnd, philosophisch – eine literarische Tour de Force von einem der größten Erzähler englischer Sprache.


Meine Meinung

Dieses Buch hat sehr viele positive Bewertungen erhalten und rückte somit in mein Blickfeld. Ich wollte schon immer mal ein Buch des Autors lesen und somit entschied ich mich für “Nussschale”, da mir das Buch einen interessanten Blickwinkel auf einen Mord versprach – aus der Gebärmutter heraus dokumentiert und ermittelt der Fötus. Wenn das nicht interessant klingt, dann weiß ich auch nicht…

Doch schnell stellte ich fest, dass mich die Perspektive aus dem Bauch irritierte und verwirrte. In erster Linie lag das an der Interlligenz und dem sprachlichen Ausdruck des Fötus, der nichts kindliches hatte. Er beobachtete, überlegte, stellte fest wie ein überdurchschnittlicher Erwachsener. Was ihm fehlte und ihn einschränkte war seine Örtlichkeit, die Gebärmutter. Dadurch fehlte ihm das Sehen und die Möglichkeit aktiv zu aggieren. Ich dachte, ich würde mich daran gewöhnen aber es gelang mir nicht.

Der Beschreibung nach dachte ich, ich hätte einen Krimi vorliegen. Doch der “Fall” an sich ist ziemlich trivial und eine echte Ermittlung findet nicht statt. Wir bekommen über den Fötus mit, dass und wie seine Mutter Trudy und sein Onkel Claude (Bruder seines Vaters) seinen Vater John töten. Auch wenn der Fötus das abwenden will, ist er nicht in der Lage dies zu tun.

Kaum ist die Tat vollbracht, entzweiht sie auf eine Art und Weise das Liebespaar. Anstatt sich für die kommende Ermittlung und die Zukunft zu wappnen, versuchen sich beide für den Fall abzusichern, falls alles auffliegt, dass der andere auch zur Verantwortung gezogen wird.  Dies war für mich nicht richtig nachvollziehbar. Auch nicht das Motiv, John umzubringen. War es die Gier, Geld aus dem Verkauf des Hauses zu ziehen oder doch Rache oder sogar beides?

Und während diesem Hin und Her monologisiert der Fötus ausufernd über die politische Lage der Welt. Dies passte für mich nicht zum Stil des Buches und wie es angepriesen wurde.

Die Charaktere sind keinesfalls außergewöhnlich und erfahren auch keine Entwicklung. Dies ist auch kaum möglich, da der Zeitraum, in dem das Buch spielt, nur ein paar Tage sind. Claude und Trudy handelten für mich nicht logisch. Keiner von beiden war mir sympathisch, nicht einmal der Ermordete. Ich konnte meine Distanz zu den Figuren, der Geschichte und ihrer Umsetzung nicht überwinden. Ich fand auf die Fragen, Was will mir der Autor mit dem Buch sagen?, Hat das Buch einen tieferen Sinn?, Wieso diese seltsame Krimigeschichte? keine Antworten. Das frustrierte mich am Ende sehr.

Zudem gibt es für meine Geschmack zu viele Passagen, in denen der Fötus vom Geschlechtsverkehr der Liebenden und den Auswirkungen und Gefühlen auf ihn, erzählt und detailliert beschreibt. Dies fand ich eher abstoßend als informativ und es wertete die Geschichte keinesfalls auf, im Gegenteil.

Der permanente Weingenuss der Mutter, der dazu führte, dass der Fötus bestens über Geschmack und die Marken der verschiedenen Weine wusste und darüber sinnierte, widerte mich regelrecht an. Als zweifache Mutter weiß ich welche Auswirkukngen solch ein Alkoholkonsum auf ein Baby hat. Selbst wenn das Kind, wie hier im Buch, nicht gewollt war, ging mir das irgendwie zu weit.

Das einzig Positive, das, was mir an der Geschichte gefallen hat, war der Schluss. Er machte Sinn und rundete irgendwie das Ganze ab.

Es war mein erster Roman von diesem Autor. Ich möchte ihm dennoch eine weitere Chance geben. All seine Vorgängerromane sind sehr beliebt und manche sind sogar verfilmt worden. Ganz bestimmt ist auch einer für mich dabei.


Fazit

Die Idee war neu, gut und interessant. Die Umsetzung so gar nicht meine. Wer mal etwas ganz anderes lesen möchte und sich auf dieses “Fötus-Experiment” einlassen kann, ist hier gut bedient. Wer einen Krimi erwartet, sollte die Finger vom Buch lassen. Es hätte was draus werden können…


Austausch mit Mira

Mit Mira konnte ich mich dieses Mal sehr intensiv austauschen. Das war ganz toll! Für sie war der Autor nicht neu, sie hatte bereits vier seiner Bücher gelesen. Umso interessanter war für mich, dass wir den gleichen Leseeindruck hatten. Auch Mira hat das Buch nicht gefallen bzw. die Umsetzung. In vielen Gesprächen sind wir beide nicht darauf gekommen, was der Autor mit diesem Buch ausdrücken wollte. Für ein Weltgeschehen-Buch war der Inhalt zu dürftig, für einen Krimi zu schwach, für eine Komödie hatte er zu wenig Humor…

 

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  1. Hi monerl,
    also, ganz ehrlich, für mich klingt schon die Idee nach einer Schnapsidee. Aus der Sicht des Fötus berichten, schön und gut, aber dann handelt es von Morden und der politischen Lage und nicht vom Kosmos des Fötus an sich? Damit kann ich überhaupt nichts anfangen, tut mir leid; für mich ist das zu abstrus.
    LG
    Daniela

    1. Hi Daniela,
      die Idee ist schon schreg, das stimmt! Ich hatte insgesamt einen anderen Anspruch an das Buch. Hatte einen Krimi der etwas anderen Art erwartet. Es wird zwar jemand ermordet, doch dieser Mord ist untersuchungstechnisch eine Nebensache. Darum geht es nur zweitrangig und oberflächlich. Mich konnte das Buch in der Mischung, in der es geschrieben wurde, leider nicht überzeugen. Der Fötus hört, wenn er wach ist, alles mögliche. Auch Radio und Sendungen. Daher hat er auch Informationen zum Weltgeschehen usw. Was ja nicht schlimm wäre. Doch, dass der Fötus darüber ausufernd sinniert, ging mir dann doch zu weit, insbesondere, da es nicht wirklich was mit dem Thema des Buches zu tun hatte. Für mich war´s too much und ich denke, das Buch ist auch gar nichts für dich. 😉
      GlG, monerl

  2. Hihi, oh ja, ganz unterschiedliche Eindrücke haben wir zu dem Buch! Einzig deiner Kritik einzelner zu ausufernder Monologen kann ich zustimmen. Aber das wars auch schon an Schnittpunkten 😉

    Mir gefiel es sehr gut, dass der Fötus intelligent und nicht kindlich war – zweiteres hätte für mich nicht gepasst. Natürlich ist der Weingenuss ein No-Go in der Schwangerschaft, passt aber eben wunderbar zur Protagonistin, ihrem Lebensstil, ihrem Charakter.

    Hach, ich könnte hier echt ausufernd werden, sooo schade das wir zwei es nicht gemeinsam gelesen haben. Das wäre ein super interessanter Austausch gewesen.

    Habe dich bereits bei meiner Rezension verlinkt :-*

    1. Hi Janna,
      ja, das wäre eine super Leserunde geworden! Leider weiß man das ja auch nie im Vorfeld… Als ihr gelesen hattet, hatte ich zum einen keine Zeit und das Buch noch nicht. Ich habe anschließend Jemimas Buch dann bekommen. hihi Sie war ja von Buch auch nicht so begeistert wie ich.
      Danke für die Verlinkung! Werde dich auch gleich oben eintragen. Denn eine + (4-Sterne) Bewertung habe ich noch nicht. 😀
      GlG, monerl

  3. Liebes Monerl,

    schade, dass dir das Buch nicht so gut gefallen hat wie mir.
    Vielleicht muss man das Buch losgelöst von Alkoholschäden auf das Kind sehen. Es ist eine Geschichte, die mir durch die Ähnlichkeit mit Hamlet sehr gefallen hat.

    Ich wünsche dir nun wieder ein Buch, dass dir mehr zusagt.
    Liebe Grüße
    Barbara

    1. Liebe Barbara,

      ich verstehe schon, was du meinst. Mir gefiel das Gesamtpaket nicht. Ich fand das Buch weder lustig, noch spannend, noch in irgend einer Form herausragend. Es sollte nicht mit uns sein. 😉 Ist ja nicht schlimm. Ich habe Hamlet nie gelesen, mir fehlt vielleicht der Vergleich. Wie gesagt, die Idee fand ich super, lediglich mit der Umsetzung konnte ich nichts anfangen. Ich freue mich jedenfalls, dass du großen Lesespaß hattest! Nicht jedes Buch ist für jeden geschaffen.

      Hab noch viele, tolle Bücher hier liegen, die mich begeistern werden.
      GlG, monerl

  4. Liebes Monerl,

    danke für deine Einschätzung ! Ich hatte dieses Buch schon eine Weile auf meiner Liste. Jedoch wurde es gerade gestrichen und hat Platz gemacht ! 😉

    GlG Tausendléxi

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