Orpheus und Das perfekte Grau
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[Buchvorstellung] Orpheus / Das perfekte Grau – SALIH JAMAL

15. Februar 2021

#404 + #405 Rezension

Da ich beide Bücher des Autors recht bald nacheinander gehört habe, werde ich sie hier auch in einem Beitrag vorstellen.

 

#404 Rezension

Orpheus

Buchbeschreibung

Orpheus und Eurydike.

Neben Romeo und Julia die andere große Liebesgeschichte. Eigentlich weiß man, was passieren wird. Doch Salih Jamal bricht in seinem neuen Roman Orpheus mit allen Erwartungen. Gleich bei seinem Eingangsgedicht über den immerwährenden Kampf des Lebens versteht der Leser: Das, was jetzt kommt, ist etwas ganz anderes. So stürzt er in das erste Kapitel, das wie mit Maschinengewehrsalven in kleinen Absätzen die Not und Verzweiflung eines Mannes schildert, der seiner Liebe beraubt ist. Und schon ist man mitten in der Geschichte:

Der Rock- und Bluessänger Orpheus, ein Suchender in unserer Zeit, schlägt sich mit Nebenjobs durch die Tage. In Nienke begegnet er der Liebe seines Lebens. Sie arbeitet als Anwältin im Unternehmen seines Großvaters, des Patriarchen Zeus. Eines Tages findet sie Beweise, die Zeus in Verbindung zu einem viele Jahre zurückliegenden Mord an einer Frau bringen. Kurz bevor sie die Unterlagen bei der Polizei abgeben kann, verschwindet Nienke spurlos. Orpheus beginnt, sie zu suchen, und stößt auf ein Geflecht aus grausamen Familiengeheimnissen, Intrigen und Verrat. Am Ende lernt er loszulassen, um Nienke für immer zu finden.

 

Meine Meinung

Was für eine Geschichte, was für ein Hörbuch!

Wer etwas Außergewöhnliches lesen oder hören möchte, greift unbedingt zu diesem Buch. Griechische Mythologie in der Moderne, verpackt in einen poetischen Krimi.

Obwohl jede*r, der*die Geschichte von Orpheus und Eurydike kennt weiß, wie sie ausgeht, bekommt dennoch ein originell geplottetes und interessantes Liebesdrama, gespickt mit Intriegen, dunklen und gefährlichen Geheimnissen, unerwarteten Wendungen und vielseitigen Charakteren. Die bildgewaltige Sprache ist schlussendlich das i-Tüpfelchen, das das Ganze wunderbar abrundet. Auch das Ende ist ebenso gelungen mit einem speziellen und so nicht erwartetem Ausgang. 

Nach und nach entblättert der leidende Orpheus das Drama, welches sich abgespielt hat, das teilweise nichts für Zartbesaitete ist! Das Buch ist punktuell sprachlich wie auch inhaltlich brutal, das es schafft diejenigen in seinen Bann zu ziehen, die sich darauf einlassen können.

Jedem Kapitel ist ein Musiktitel zugeordnet, für das Salih Jamal auf YouTube eine Playliste erstellt hat. Jeder Titel ist so prägnant erwählt worden, sodass er perfekt zum Kapitel passt und es musikalisch einrahmt bzw. umschreibt. Den größten Lesegenuss erhält man, wenn man diese Titel vor dem Lesen des jeweiligen Kapitels hört.

Absolut lesens- und insbesondere hörenswert! Ein echter Geheimtipp!

#405 Rezension

Das perfekte Grau

Buchbeschreibung

Das ist die Geschichte von Novelle, Rofu, Mimi und von mir. Rofu hat nur ein Ohr und ist über das Meer gekommen. Aus Afrika. Mimi ist Engländerin. Sie hat ihren Mann umgebracht, nun versteckt sie sich unter Perücken und hinter dunklen Brillen. Novelle ist noch sehr jung. Sie liebt Mangas und die Sauferei. Manchmal fährt sie einfach aus der Haut oder sie hört Stimmen. Den komischen Namen hat sie von ihrer Mutter. Als unsere Geschichte damals losging, wusste ich das alles noch nicht. Ich, ich heiße Ante, aber alle nennen mich Dante. Wegen des Infernos. Ich bin, genau wie die anderen, auch auf der Flucht. Ich glaube, vor mir selbst. Alles fing damit an, dass zwei Polizisten wegen Mimi in dem Hotel, in dem wir gearbeitet hatten, auftauchten. Ich könnte jetzt noch erzählen, wie Novelle verschwunden und wieder aufgetaucht ist, was wir in Berlin getrieben haben oder wie wir Erleuchtung beim Pilgern nach Altötting erlangten. Aber darum geht es in der Geschichte ja eigentlich gar nicht. Es geht nämlich darum, dass wenn wir schon vor irgendwem oder irgendetwas fliehen, wir uns besser nicht vor unseren Dämonen wegducken sollten. Weil man sonst immer ein Geflüchteter bleiben wird und niemals wo ankommt. Und es geht auch um Heimat, die wie eine Haut ist.

 

Meine Meinung

„Irgendwann schaust du dich um, blickst zurück und stellst fest, dass der ganze Weg, den du gegangen oder gerannt bist, dich nur einen Steinwurf weit von deiner Herkunft fortgeführt hat. Man kann seine Heimat verlassen aber es gibt keine Gegenwart ohne Herkunft. Niemals. Und nirgends.“ (aus Hörbuch, Kapitel 1)


Dieses Zitat ist für mich der Kern des Buches. Es ist der Rahmen eines eigenwilligen Roadtrips, der zwei Frauen und zwei Männer auf ihrer Flucht und zugleich auch Suche, erst zusammenschweißt, dann trennt, um ein erneutes Zusammenschweißen auf einer höheren Stufe zu ermöglichen. Doch bis dahin ist es ein harter Weg.

Novelle, Mimi, Rofu und Dante, vier Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und Geschichte, die jedoch ähnliche Erwartung ans Leben haben, das ihnen mächtige Steine in den Weg gelegt hat. Bis auf Dante. Er legte sich seine Steine selbst in den Weg.

Im heruntergekommenen Seebad-Hotel laufen sie sich über den Weg, von wo aus sie ganz unerwartet zu einer eingeschweißten Gruppe werden, zu Freunden, die sie in dieser Form wohl nie hatten.

Salih Jamal hat in seinem Buch Charaktere geschaffen, die ich sehr gerne kennengelernt und begleitet hatte. Sie haben Ecken und Kanten und entwickeln sich realistisch. Mein Favorit ist der Flüchtling Rofu, der trotz seiner Erlebnisse ein liebenswerter, aufgeschlossener und sehr sympathischer Mensch geblieben ist, der, wenn er sich aufregt, ins Englische wechselt, weil er sich dadurch besser ausdrücken kann.

Auch in diesem Buch zeigt sich das sprachliche Können des Autors, dessen Worte treffend be- und umschreiben, beschuldigen, anklagen, trösten und Hoffnung bringen. Auf 240 Seiten oder in meinem Fall 8 Stunden, schafft er es eine Story zu erzählen, die nicht mehr und auch nicht weniger Worte benötigt hatte.

Ein kleines Bisschen mehr „Pepp“ und mehr Hindernisse hätte ich mir gewünscht, die für mich die etwas gradlinige Story hätten stören dürfen. Wogegen ich von dem unerwarteten Ende völlig begeistert bin. Im Vergleich zu „Orpheus“ ist „Das perfekte Grau“ eine recht brave Geschichte.

Das Hörbuch ist wunderbar von Kurt Kühl eingelesen. Ich hörte ihm sehr gerne zu. Und dennoch hätte ich noch lieber ein gedrucktes Exemplar vor mir liegen, um die vielen wundervollen Sätze und Weisheiten anstreichen zu können, die sich in diesem Buch befinden!

Von mir gibt es eine klare Lese- sowie Hörempfehlung! Ich bin sehr gespannt auf das nächste Buch von Salih Jamal.

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  1. Wie wundervoll, dass Dir die beiden Bücher auch so gut gefallen haben.
    Sehr schöne Besprechungen und jetzt überlege ich, wie mir Orpheus als Hörbuch gefallen hätte…

    LG

    1. Liebe Anja,
      bin auch sehr froh, dass ich beide Bücher so mochte! All die tollen Besprechungen hatten mich am Ende dann doch sehr neugierig gemacht. Tausenléxis Aufruf zur gemeinsamen Leserunde zu „Orpheus“ hatte mich dann überzeugt, mir das Hörbuch zu holen und mitzumachen. Ich war sehr begeistert! Vielleicht hörst du das Buch ja irgendwann mal später. Es wird dir sicherlich auch gefallen!
      Das neue Buch ist auch toll, ich hatte es aber tatsächlich nicht so „brav“ erwartet. Der Autor hat sich in dieser Hinsicht zurückgenommen. 😀
      GlG, monerl

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