Samir genannt Sam
Rezensionen | Roman / Gegenwartsliteratur / Liebe / Romantik / Chick-Lit

[Buchvorstellung] Samir, genannt Sam – MANO BOUZAMOUR

27. Januar 2020

#334 Rezension

 

Buchbeschreibung

Temporeich, authentisch und unverschämt erzählt Mano Bouzamour von einer Jugend im Einwandererviertel von Amsterdam. Auf einem gestohlenen Flügel spielt Samir, genannt Sam, morgens klassische Musik, beim Freitagsgebet in der Moschee kämpft er mit Fantasien von blonden, nackten Teufelinnen, im Geschichtsunterricht träumt er von Rache für die mutige Anne Frank, am glücklichsten ist er jedoch, wenn er nachts mit seinem geliebten Bruder auf der Vespa durch Amsterdam brausen darf. So wächst Sam als Sohn marokkanischer Einwanderer im bunten De-Pijp-Viertel heran, bis sein großer Bruder, der von Betrug und Diebstahl lebt, verhaftet wird und für sechs Jahre in den Knast muss. Doch Sam verspricht ihm, allen Widerständen zum Trotz den Schulabschluss im bürgerlichen Elitegymnasium zu schaffen, und meistert ein Leben voller Kontraste mit viel Witz und Frechheit.

 

Meine Meinung

Ich wollte dieses Buch mögen, entsprach es doch laut Klappentext genau meinem Beuteschema: Eine Geschichte eines jungen Menschen mit Migrationshintergrund, aufgrund dessen er zwischen den Stühlen sitzt, da die Heimatkultur bzw. die Kultur der Eltern und die des hineingeborenen Landes weit auseinander klaffen. Es gibt Höhen und Tiefen zu bewältigen, die ihn oftmals bis an die Grenzen bringen.

Zum Teil habe ich auch genau so eine Geschichte bekommen, die zudem auch noch sehr autobiografisch ist, denn der Autor ist in den Niederlanden geboren, hat jedoch über seine Eltern marokkanische Wurzeln. Er ist, wie sein Protagonist Samir, genannt Sam, in Amsterdam aufgewachen und muss(te) sich deswegen auch mit den typischen Vorurteilen und Klischees auseinandersetzten.

Der Autor beginnt sein Buch spannend und interessant. Sein älterer und auch recht kluger Bruder schmeißt kurz vor dem Abitur hin und wird kriminell. Die Gründe sind schmerzlich und doch auch nachvollziebar.

“Warum nehme ich dich überallhin mit? Was meinst du? Weil sich alle einen Dreck um mich geschert haben und mich niemand irgendwohin mitgenommen hat. Was ich damit sagen will, ist, dass man es leichter hinwirft, wenn einem keiner hilft.” (Buch S. 28)

 

Samir soll es so nicht ergehen. Sein Bruder will für ihn da sein, sein Fels, sein Ansporn, die breite Schulter sein. Samir muss ihm versprechen, auf der Eliteschule sein Abitur zu machen. Doch just danach wird der Bruder von der Polizei festgenommen und muss für sechs Jahre ins Gefängnis. Samir bleibt alleine, sein Bruder wird sein Versprechen nicht halten können.

Samirs Zerrissenheit kommt im Buch deutlich rüber. Seine analphabetischen Eltern sind ihm keine Stütze. Der berentete Vater versucht nun all die verpassten Jahre nachzuholen und sich zu kümmern. Er schmiert Samir Brote, backt Kekse und versucht ihn auf den gläubigen muslimischen Weg zu führen, fordert ihn zum Beten und zum Gebet in der Moschee auf. Doch Samir glaubt nicht an diesen Gott seiner kulturellen Herkunft. Er ist mehr Niederländer als seine Eltern sich für ihn wünschen.

Doch leider gibt der Autor Samir und anderen Charakteren eine sehr vulgäre Sprache. An ihr habe ich mich wirklich sehr gestoßen. Was mich in einem Film überhaupt nicht stören würde, war mir hier schriftlich einfach zu viel.

Samir ist jung. Wir erleben ihn im Alter von 11 bis 19, da sprechen Jugendliche und junge Erwachsene im Kiez oder in De Pijp, einem Ortsteil von Amsterdam, wahrscheinlich so oder so ähnlich, doch ich lese sowas nicht unbedingt gerne.

Neben der vulgären Sprache begleiten wir Sam durch seine Liebesirrungen und -wirrungen und auch da ist mir die eine oder andere Sexszene zu viel. Vielleicht musst das in einem Coming of Age – Roman so sein, ich jedoch brauche es nicht. So reduziert sich die Geschichte des musisch begabten Sam, der klassische Musik liebt und Klavier außergewöhlich gut spielen kann auf Gewalt, Sex und Frauen-Eroberungs-Gehabe.

Dass Mano Bouzamour mit seinem Buch bei der muslimischen Gemeinde aneckte, ist für mich auch nachvollziehbar, da er seinen Protagonisten alles aussprechen lässt, was und wie er so über Gott und Religion denkt.

Das Debüt des in 2013 noch sehr jugen Schriftstellers kam in den Niederlanden sehr gut an. Bühnen- und Filmrechte waren in 2017 schon verkauft, das Buch damals bereits in der 7. Auflage. (siehe Ö1 vom 08.04.2017)

 

Fazit

Inhaltlich ein spannendes Buch mit vielen Themen, die für viele Menschen mit Migrationshintergrund große Bedeutung haben: Sich finden, sich abgrenzen, Definitionen und Ziele für die Zukunft abstecken, erwachsen werden, wenn die Gesellschaft und das Elternhaus von unterschiedlichen Seiten an einem zerren. Doch ich persönlich konnte mich mit der Umsetzung der Themen nicht ganz so gut anfreunden. Sehr schade, denn trotz der Schwere an einigen Stellen gab es auch Vieles, über das ich lächeln musste. Und die Verbundenheit zu Anne Frank teile ich micht Mano Bouzamour wie auch mit Samir, genannt Sam.

 

Weitere Rezensionen

– wird nachgetragen –

Trailer zur niederländischen Verfilmung

Die paar Minuten Trailer zeigen deutlich, dass die Filmadaption deutlich verändert wurde. In der Romanvorlage z.B. spielt Sam Klavier und nicht Trompete. Auch wurde ihm wohl im Film eine Affaire angedichtet, die es so im Buch nicht gibt. Auch schade, dass es keine englischen oder deutschen Untertitel gibt. Hätte mir den Film gerne mal ganz angeschaut.

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Trailer veröffentlicht von Nederlands Film Festival am 20.08.2019

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Ich danke dem Residenz Verlag, der mir freundlicherweise das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

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    1. Ja, das ist total schade, wenn ein Buch durch solche Sprache entstellt wird, denn so hab ich es empfunden. Diese autobiografische Migrationsgeschichte ist in vielen Punkten recht authentisch. Kann mir gut vorstellen, dass in solchen Stadtgebieten von Amsterdam so eine Sprache vorherrscht. In Filmen macht es mir seltsamerweise nicht so viel aus, in Büchern schon.
      GlG, monerl

  1. Hi monerl,
    deine Rezension liest sich vermutlich besser wie das Buch, weil es ohne Vulgärsprache ist 😀
    Zur Filmadaption: Ich frage mich immer, warum man noch Sachen verändern muss. Warum Trompete? Klavier ist doch gut. Und warum eine seltsame Affaire, die es nicht gab?
    Oft driften Film und Buch ja doch sehr auseinander…
    LG
    Daniela

    1. Hey Daniela,
      das hoffe ich doch! 😀
      Ich verstehe schon, dass der Regisseur sich auch austoben will usw. Ein Film muss nicht 1:1 umgesetzt werden, aber solche Aspekte gehören einfach nicht verändert. Es ist passend im Buch und könnte auch passend im Film umgesetzt werden. Klavier spielen ist für so einen jungen Menschen wie Samir nicht weniger oder mehr ungewöhlich als eine Trompete. Das hätte man schon lassen können wie im Buch.
      Und noch schlimmer finde ich, wenn der Film ein anderes Ende hat als das Buch.
      GlG, monerl

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