Sarajevo
Graphic Novel / Comic / Bildband | Rezensionen

[Buchvorstellung] Sarajevo – JOE SACCO

9. März 2020

#341 Rezension
#3 #ComicMärz

Die nachfolgende Graphic Novel ist auch nichts zum Lachen. Der Journalist Joe Sacco berichtet über seine Zeichnungen vom Krieg. Eine Comic-Reportage, die ihresgleichen sucht!

 

 

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Wie? Siehe Ankündiungspost und Teilnahmebedingungen! <–

 

Buchbeschreibung

1995 endete eine dunkle Episode der europäischer Geschichte, der Bosnienkrieg. Anhand dreier Reportage-Comics zeichnet Joe Sacco ein vielschichtiges Bild von Sarajevo am Ende des Bosnienkrieges:

Neven, Der Fixer, schlug sich vor dem Krieg als Waffenhändler und Bankräuber durch und diente als Waffenexperte und Scharfschütze in der jugoslawischen Armee, ehe er in Sarajevo als Guide für Journalisten arbeitet. Dank Nevens Hilfe gelingt es Sacco, Opfer und Täter des Krieges zu interviewen.


Soba hingegen ist ein depressiver Maler und Musiker, dessen Tätigkeit als Tretminenleger an der Front um Sarajevo ihn in seinen Träumen verfolgt und der nun orientierungslos durch die Trümmer seines Lebens irrt. Er führt Sacco kurz vor Kriegsende 1995 durch die Nachtclubs und Bars von Sarajevo, wo der Comic-Journalist auf eine desillusionierte Generation kriegsversehrter Jugendlicher stößt.

In Weihnachten mit Karadzic versucht Joe Sacco zusammen mit einem Radioreporter, den heute als Kriegsverbrecher angeklagten Radovan Karadzic vor ein Mikrophon zu bekommen. Nach einer Odyssee durch den serbischen Teil Bosniens begegnen die beiden ihm schließlich ausgerechnet vor einer Kirche.

„Wenn Journalisten in Krisengebieten im Ausland arbeiten, sind sie oft auf lokale Mitarbeiter angewiesen. Die sogenannten Fixer schaffen Kontakte, organisieren und übersetzen. Der Comic-Journalist Joe Sacco stellte den Fixer gar in den Mittelpunkt seiner Geschichte. Sein Protagonist im Sarajevo von 1995 hat mit dem Weiterziehen der News-Karawane Job und Prestige verloren.“
Philippe Kropf, „Fixer für Fallschirm-Journalisten“, Neue Zürcher Zeitung, 2012

Die Originalausgabe auf English erschien in zwei Bänden unter dem Titel The Fixer (2003) und War’s End (2005) bei Drawn & Quarterly, Montreal

Meine Meinung

Joe Sacco, der “zeichnende Journalist”, wie er sich selber nennt, hat mit seiner Graphic Novel “Sarajevo” einen persönlichen Beitrag zur Aufklärung und Berichterstattung über den Bosnienkrieg geleistet.

Für Viele ist es nicht leicht nachzuvollziehen was damals in den Jugoslawienkriegen passierte bzw. wie es dazu kam. Die ganze Sachlage ist leider auch sehr kompliziert und erfordert einigermaßen historischen Wissen über Tito, warum es den Vielvölkerstaat Jugoslawien überhaupt gab, wie Tito Jugoslawien zusammenhielt usw.

Durch das sehr umfangreiche Vorwort bekommen die Leser*innen Einsicht in die Gedanken und die Arbeit, die hinter dieser Graphic Novel stecken.

“Saccos Ziel war es, die Ursachen des Krieges zu verstehen, Darin unterscheidet er sich vom Gros jener Kriegsreporter, deren Auftrag darin besteht, breaking news von der Front zu liefern.” (“Sarajevo”, aus dem Vorwort von Martin Woker)


Hier lesen wir drei Geschichten, die in einem Band zusammengefasst sind.
– Der Fixer – eine Geschichte aus Sarajevo
– Soba
– Weihnachten mit Karadzic

In “Der Fixer” (aus dem engl. to fix = alles arrangieren) berichtet Joe Sacco über die Zentralfigur Neven, der ihm als Erzähler und Vermittler dient, über die Führer der paramilitärischen Einheiten des Bosnienkrieges, wie sie entstanden, den Hintergrund zu den Personen und welche Schwierigkeiten das im Gesamten mit sich brachte, welchen Stellenwert sie hatte, welche Gräueltaten sie verübt hatten.

 

Sarajevo
Joe Sacco © Edition Moderne
Joe Sacco © Adrian Verlag
Joe Sacco © Edition Moderne

Die zweite Geschichte erzählt von “Soba“, einen Künstler und Musiker, der sich bei Kriegsausbruch als Freiwilliger zum Militärdienst gemeldet hatte. Über Soba bekommt man einen intensiven Blick auf die Situation, wie es den “normalen” Menschen erging, was sie für das Überleben ihrer Familie getan hatten und durchleben mussten. So wurde Soba zum Minensucher an forderster Front und hatte großes Glück, den Krieg überlebt zu haben. Ein persönliches Kriegserlebnis.

 

Sarajevo
Joe Sacco © Editon Moderne
Sarajevo
Joe Sacco © Edition Moderne
Sarajevo
Joe Sacco © Edition Moderne

Die letzte Geschichte ” Weihnachten mit Karadzic” widmete Sacco den Mitgliedern des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien, ebenso allen, die ihren Teil zur Verhaftung von Radovan Karadzic beigetragen haben.
Karadzic wurde am 20.03.2019 für Kriegsverbrechen bei der Belagerung Sarajevos, Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Teilen Bosniens und für den Völkermord in Srebrenica mit 8000 Toten für schuldig erklärt und unanfechtbar zu lebenslanger Haft verurteilt. (Quelle: Spiegel.de)

Neben den vielen Informationen und Einzelschicksalen ist der Zeichenstil von Joe Sacco einfach zum Niederknien! Landschaften und Häuser beeindrucken durch eine außergwöhnliche Präzisition und klare Linienführung. Doch was ich noch anerkennenswerter finde, das sind die Menschen und Gesichter, die Joe Sacco zu Papier bringt! In bisher keiner Graphic Novel oder keinem Comic habe ich diese Vielfalt an Menschen gefunden, die so akribisch und genau sowie ausdrucksstark und voller emotionaler Bandbreite gezeichnet wurden, wie die von Sacco.

Die Qualität der Graphic Novel ist zudem sehr hochwertig. Das Papier ist etwas dicker. Auch die Bindung ist sehr sorgfältig gemacht und es entstehen nicht so leicht Leserillen im Buchrücken, wenn man die Seiten ein bisschen stärker auseinander drück. Die Graphic Novel von Joe Sacco sind wahrlich ein Erlebnis!

Fazit

Besonders, außergewöhnlich, beeindruckend! Kriegsreportage vom Feinsten! Wer bisher dachte, Comics und Graphic Novels wären nichts für sie*ihn, sollte es mal mit denen von Joe Sacco versuchen. Absolut empfehlens- und lesenswert!

 

Bisher erschienen

Der erste Weltkrieg
© Edition Moderne
© Edition Moderne
Gorazde
© Edition Moderne
Reportagen
© Edition Moderne
Gaza
© Edition Moderne
© Edition Moderne
© Edition Moderne

Über Joe Sacco

* 2. Oktober 1960 in Kirkop, Malta, lebt heute in den USA. 1996 gewann er mit “Palestine” den American Book Award. Sich selbst definiert er als zeichnenden Journalisten.
Foto [M]: Michael Tierney


„Ich habe die Themen dieser Reportagen selber bestimmt, und diese sollten auch meine Sympathien klar ausdrücken. Ich kümmere mich hauptsächlich um die, die kaum gehört werden, ohne das Bedürfnis zu haben, ihre Aussagen mit den sattsam bekannten Ausreden der Mächtigen zu konfrontieren.“
Joe Sacco

“Wenn heute Graphic Novels zu zeitgeschichtlich brisanten Themen boomen und niemand mehr dem Comic die Fähigkeit abspricht, auch komplexe zeitgeschichtliche Themen adäquat zu verarbeiten, liegt das nicht zuletzt auch an Joe Sacco.”
Christian Gasser, Neue Zürcher Zeitung

 


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  1. Guten Morgen
    Comics bzw. Graphic Novellen lese ich selten, aber diese klingt mit dem Thema ziemlich interessant und auch die Zeichnungen machen sehr neugierig drauf. Bei Amazon habe ich allerdings nicht so viele Bücher vom Autor gefunden. Muss ich wohl nochmal genauer schauen.

    1. Hallo meine Liebe,
      ich habe die Bücher des Autors oben bei den Covern verlinkt. Der Link führt zum Verlag. Der Verlag braucht auch gerade jetzt jede Unterstützung, die er bekommen kann. Amazon wird mir immer unsympathischer. Ich bestelle nur noch bei Thalia oder den Verlagen direkt oder bei der Buchhandlung im Onlineshop vor Ort. Bin gespannt, welches Buch du dir aussuchst, falls du eines bestellst! :-*
      GlG, monerl

  2. Hallo Monerl,
    uy… ich musste an manchen Stellen deiner Beschreibung hart schlucken. Obwohl ich selbst nicht auf dem Balkan eingesetzt war, habe ich doch durch Freunde indirekt viel von den Auseinandersetzungen dort mitbekommen und finde immer noch, es war (ist!) eine der schlimmsten Kriege seit 1945. Der Krieg bis auf die Familienebene, brennender Hass geben den Nachbarn, nur weil er einen anderen Glauben hat oder seine Großeltern aus einer anderen Gegend stammten. Wir dürfen nie vergessen, wie wertvoll Frieden und wie wenig selbstverständlich er auch in Europa ist. Wenn das Buch dabei mithilft, daran zu erinnern, wäre das ein schönes Ziel.
    LG, Jürgen

    1. Hey Jürgen,
      ich sehe gerade, dass ich dir noch gar nicht geantwortet habe. Sorry! Ja, du hast recht, es war ein sehr schlimmer Krieg! Ich habe einen Vetter, der in diesem Krieg an der Front war und er hat sehr viel Schlimmes erlebt und ist heute deshalb auch nicht mehr gesund. Viele Traumata kann er nicht verarbeiten.
      Ich habe Tanten und Onkel, die in diesem Krieg Haus, Hof und geliebte Menschen verloren haben. Sehr schlimm, wie dieser Krieg von oben herab über die Religionsschiene so viele Familien zerstört hat. Was bis heute nicht wieder gutzumachen ist. Ich kann dir die Comics des Autors und Zeichners sehr empfehlen. Sie sind sehr eindringlich.
      GlG, monerl

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