Sprache und Sein
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[Buchvorstellung] Sprache und Sein – KÜBRA GÜMÜŞAY

24. Januar 2021

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Buchbeschreibung

Dieses Buch folgt einer Sehnsucht: nach einer Sprache, die Menschen nicht auf Kategorien reduziert. Nach einem Sprechen, das sie in ihrem Facettenreichtum existieren lässt. Nach wirklich gemeinschaftlichem Denken in einer sich polarisierenden Welt. Kübra Gümüsay setzt sich seit langem für Gleichberechtigung und Diskurse auf Augenhöhe ein. In ihrem ersten Buch geht sie der Frage nach, wie Sprache unser Denken prägt und unsere Politik bestimmt. Sie zeigt, wie Menschen als Individuen unsichtbar werden, wenn sie immer als Teil einer Gruppe gesehen werden – und sich nur als solche äußern dürfen. Doch wie können Menschen wirklich als Menschen sprechen? Und wie können wir alle – in einer Zeit der immer härteren, hasserfüllten Diskurse –­ anders miteinander kommunizieren?

 

Meine Meinung

Dieses Buch ist viel mehr als die meisten Leser*innen sich wahrscheinlich davon versprechen. Denn im ersten Moment hat man vielleicht die Vorstellung, es würde hier in erster Linie um die Sprache im engeren Sinne gehen. Doch weit gefehlt. Die Autorin schreibt hier nicht nur über Worte und Sprachbildung, sondern über die Anwendung einer Sprache, über Unterschiede von Sprachen, über die Bedeutung von Unterschieden, über Auswirkung von Sprache, von Sprache, die Hass ausdrückt, Morddrohungen ausspricht, ausgrenzt, Menschen fremd fühlen lässt. Das alles und noch viel mehr, vervollständigt mit Beispielen, die zum Teil auch autobiografisch sind.

Menschen, die mehrsprachig aufgewachsen sind, verstehen manchmal besser wie Sprache verändern kann. Auch mir geht es so, dass andere mich anders empfinden, wenn ich nicht Deutsch sprechen. Auch ich kann dieses Gefühl bestätigen, da ich es bereits öfters bei Menschen erlebt habe, die ich sehr gut kenne und die ich erlebt habe, wie sie sind und wie sie sprechen, wenn sie in einer anderen Sprache reden.

Sprache kann verbinden, trösten, übergehen aber auch wehtun, schmerzen, wenn sie den gegenüber hasserfüllt wie Pfeile treffen. Ein ausgesprochenes Wort kann nicht mehr zurückgenommen werden. Diesen Spruch kennt jeder und der*die eine oder andere hat das selbst schon zu sprüren bekommen.

Sprache wandelt sich und passt sich der Zeit und der Gesellschaft an, nach und nach. So gibt es Wörter, die man früher häufig benutzt hat, die heute wiederum kaum bis gar nicht mehr verwendet werden. Sprachbedeutungen verändern sich über die Zeit. Wörter, die früher eine neutrale Bedeutung hatten werden heute nicht mehr aufgrund von ihrer negativen Bedeutung durch andere, neue ersetzt. Heute gibt es Zeichen, wie z.B. die Gender-Sternchen (*), die geschlechtergerechte Schreibung im Deutschen Personen sichtbar machen soll, um auch nicht binäre Personen einzubeziehen.

Über dies und noch viel mehr schreibt Kübra Gümüşay. Sie setzt sich damit auseinander und zeigt auch auf, wie unterschiedlich wir Sprachen und Sprachkenntnisse bewerten. Spricht jemand Englisch, Französisch oder Schwedisch fließend, sind wir begeistert. Doch ist es beispielsweise Türkisch, Arabisch oder Perisch, finden wir daran nichts besonderes. Und das lassen wir diese Muttersprachler*innen spüren. So erzählt die Autorin davon, wie sie damals in ihren Bewerbungsschreiben Türkisch bei den Sprachkenntnissen wegließ. Türkisch ist keine Sprache, mit der man sich rühmt, so lernen es die Türkisch sprechenden Kinder von klein auf.

Fasziniert hat mich, als die Autorin Erfahrungen anspricht, für die es keinen Ausdruck gibt, die somit für andere nicht wahrnehmbar sind, wie z.B. sexuelle Belästigung in den 1960er Jahren. Wie sollte sich eine Frau wehren und von ihrem Erlebten erzählen wenn sie am Arbeitsplatz von ihrem Chef oder Kollegen sexuell belästigt wurde, wenn es für dies zu dieser Zeit in dieser Form in der Gesellschaft keine richtige Beschreibung und Missbilligung gab?

Wie verändern Rechte unsere Sprache und ihre Bedeutung? Auch das können wir heutzutage leider miterleben. Wir waren Zeugen, wie Trump vier lange Jahre versuchte aus Lügen Wahrheit zu machen, wie er echten Fakten alternative Fakten und Wahrheiten gegenüberstellte. Wir erleben seit Jahren, wie die AfD das früher Unsagbare laut und permanent ausspricht, bis sich die Ohren daran gewöhnt haben und die Gefühle für die Bedeutung solcher Worte abschwächt. Wie oft hören wir derzeit „Das wird man doch noch sagen dürfen!“ Menschen werden durch Sprache kategorisiert und damit gebrandmarkt und ausgeschlossen. Sie werden zu Fremden gemacht.

Ich kann gar nicht wiedergeben, wie viel mir dieses Buch zum Nachdenken gegeben hat. Sprache und ihre Anwendung untereinander, ihre Bedeutung in der Politik, ihre Entmenschlichung von Personen, Sprache, eine Waffe, die uns alle ins Herz treffen kann!

„Erst wenn wir uns von unserem Absolutheitsanspruch verabschieden; erst wenn keine Perspektive über andere Perspektiven herrscht, diese strukturell unterordnet und unterdrückt; erst dann können alle Menschen unabhängig von Herkunft, Ethnie, Körper, Religion, Sexualität, Geschlecht, Nationalität frei sprechen. Erst dann werden wir alle sein.“ (Buch S. 166)

 

Fazit

Ein Buch, für das ich eine absolute Leseempfehlung ausspreche, weil Sprache uns immer und überall was angeht, weil wir über die Bedeutung und Benutzung von Worten und Sprache so viel Gutes und so viel Schlechtes anrichten können und uns deshalb darüber bewusst werden müssen. Weil wir uns alle sensibilisieren und erkennen müssen, was Sprache mit Rassismus zu tun hat.

 

Weitere Rezensionen

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  1. Hey Monerl,

    ja, wie bereits auf Instagram geschrieben, hat mich das Buch sehr beeindruckt. Mir ging es auch so wie dir, dass mir manche Sachen erst da ins Bewusstsein rückten, z.B. dass man auf Missstände nicht aufmerksam machen kann, solange es kein Wort dafür gibt.
    Ich habe das auch ganz persönlich so erfahren, in einem anderen Kontext, nämlich Trauma.
    Solange ich kein Wort für das hatte, was ich erlebt habe (z.B. narzisstischer Missbrauch) habe ich gedacht, es sei normal. Erst als ich dann mehr erfuhr, alles einen Namen erhielt, fiel es mir wie Schuppen von den Augen – und: es ermächtigte mich auch endlich Grenzen auszusprechen, was vorher „weggewischt“ wurde.
    Ich finde es auch immer wieder erstaunlich, was Sprache schon mit Kindern macht, wie entscheidend sie prägt, Worte haben so viel Macht, das wird oft unterschätzt.
    Jesper Juul sagt ja schon auf die Frage hin, ob es wirklich so wichtig ist, im Umgang mit Kindern über jedes einzelne Wort nachzudenken „Ja!“… und ich denke, das gilt nicht nur für den Umgang mit Kindern, sondern auch mit Erwachsenen, mit unserem Gegenüber, für Empathie, für Inklusion, für Verbindung, fürs Grenzen setzen und Selbstfürsorge. Denn auch wie wir mit uns selbst (innerlich) reden, hat Einfluss.
    Ein echt spannendes Thema!
    Lg, Kathrin

    1. Liebe Kathrin,
      das Besondere ist, dass einem durch dieses Buch einfach wieder bewusst wird, WIE viel Kraft und Macht Worte und Sprache haben! Das wird einfach viel zu oft vergessen. Etwas nicht ausdrücken zu können, das einen plagt oder bewegt macht einen hilflos. Ist auch sehr gut bei kleinen Kindern zu beobachten, die sich (noch) nicht ausreichend ausdrücken können. Sie werden aggressiv und gewalttätig, schubsen und beißen usw. Sprache ist Kommunikation und verbindet, kann aber auch trennen, verletzen.
      Ich liebe auch die Bücher von Jesper Juul! Sehr schade, dass er mittlereile gestorben ist.
      Danke dir für deinen tollen Kommentar!
      GlG, monerl

    1. Lieber Nico,
      vielen Dank für deine tollen Worte! Ich freue mich, dass meine Begeisterung und die Bedeutung des Buches rüberkommt!
      GlG, monerl

    1. Liebe Garbriele,
      ja, lies es unbedingt! Es sensibilisiert und erweitert den Horizont. Sprache ist so viel mehr, an das wir gar nicht denken. Besonders die Auswirkungen, wenn Sprache verletzt, wird auch sehr gut mit dem Erlebten von Kübra und vielen anderen gezeigt. Ich musste oft innehalten und nachdenken. Vor allem sind es die Punkte, in denen Rassismus aufgezeigt wird, wo man im ersten Moment widersprechen möchte. Genau da muss man dann stoppen und reflektieren. Bin gespannt, was du zum Buch sagst!
      GlG, monerl

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