Verleumdet Verfolgt Vertrieben
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[Buchvorstellung] Verleumdet Verfolgt Vertrieben – HANS-JÜRGEN GRABBE

4. Februar 2020

#336 Rezension
#GegenDasVergessen

 

Buchbeschreibung

Dr. med. Paul Bosse (1881-1947) war von 1920 bis 1935 ärztlicher Leiter des Wittenberger Krankenhauses Paul-Gerhardt-Stift. In dieser Funktion erwarb er sich höchste Anerkennung. Nach 1933 geriet seine Familie in den Strudel der nationalsozialistischen Judenverfolgung, denn Dr. Bosses Frau Käte war jüdischer Herkunft. Die nationalsozialistische Stadtführung betrieb deshalb aktiv seine Ablösung, und die kirchliche Leitung des Krankenhauses setzte dem nichts entgegen. Im Oktober 1935 eröffnete Paul Bosse eine private Entbindungsklinik, um deren Bestand er bis zu seinem Tod im März 1947 kämpfte. Angehörige gingen ins Exil oder wurden verhaftet und kamen in Konzentrationslager. Die Schwägerin beging Selbstmord, Käte Bosse wurde 1944 im KZ Ravensbrück umgebracht.

Grabbes Familienporträt zeigt auf erschütternde Weise, wie im NS-Staat missliebige Personen ausgegrenzt und verfolgt wurden. Dank der reichen Überlieferung wird das Schicksal der Familie Bosse zu einem exemplarischen Kapitel deutscher Zeitgeschichte, zumal sich für einige der nach Wittenberg zurückgekehrten Familienmitglieder Repressalien der SED unmittelbar an die Verfolgung durch die Nationalsozialisten anschlossen.

 

Meine Meinung

“Dieses Buch wendet sich an alle an der Geschichte Wittenbergs, Sachsen-Anhalts, ja der deutschen Geschichte im “Dritten Reich” und der unmittelbaren Nachkriegszeit insgesamt – in Ost und West – interessierten Menschen. Ich habe mich darum bemüht, Fremdwörter und Fachbegriffe möglichst zu vermeiden und gegebenenfalls zu erläutern. Ich hoffe, das ist weitestgehend gelungen. Um auch Schülerinnen und Schülern der gymnasialen Oberstufe zu erreichen, habe ich außerdem den mir selbst gegebenen Schwur, zeitlebens bei der alten, bewährten Rechtschreibung zu bleiben, gebrochen. Möge es nützen!” (Buch S. 8)


Vorab kann ich sagen, Herrn Hans-Jürgen Grabbe ist gelungen, was er sich vorgenommen hatte! Dies ist die interessanteste und spannendste Familiengeschichte in Form einer Biografie, die ich glesen habe! All die Fußnoten, die seinen wissenschaftlichen Text belegen störten überhaupt nicht. Oftmals gab es sehr gute Erklärungen, die ich als unbedingt wertvoll erachte.

Im ersten Kapitel erzählt der Autor sehr ausführlich, wie er dazu gekommen ist, diese Biografie zu schreiben, welche Kontakte er zu den Nachkommen der Familie Bosse knüpfen konnte und welche Wege die Recherche nahm. Sehr deutlich wurde hierbei, welchen Aufwand wissenschaftliche Bücher benötigen, um den Ansprüchen des Autors, des Verlages wie auch der Leser*innen gerecht zu werden. Hier spreche ich deshalb einen großen Dank an den Autor aus. Er hat ganz tolle Arbeit geleistet.

Es ist immer gut, wenn man vor dem Lesen das Inhaltsverzeichnis ganz liest und das Buch kurz durchblättert. Denn Hans-Jürgen Grabbe hat am Ende der Biografie eine Stammbaumtafel der Familien Bosse und Levin / Ledien zusammengestellt. Hier habe ich mir ein Lesezeichen gesetzt und konnte während des Lesens immer mal wieder in die Stammbäume schauen, von wem gerade die Rede war und welcher Generation die Person entstammte, denn die Familie Bosse vergab sehr gerne und oft ihren Kindern die Namen der Eltern.

Ich habe dieses Buch regelrecht verschlungen, denn dem Autor gelang es, einen wissenschaftlichen Text mit vielen Jahreszahlen und Informationen sprachlich so zu formulieren, dass man als Laie, zu denen ich mich zähle, diese Biografie flüssig und ohne Probleme lesen konnte.

Die Recherche zum Familienschicksal der Bosses zeigt sehr deutlich, dass auch Mischlinge, Kinder mit einem deutschen und einem jüdischen Elternteil, wie auch versippte, Menschen, die eine Jüdin / einen Juden geheiratet haben, gleich behandelt wurden. Was beideutet, dass auch sie in Arbeits- und Konzentationslager verschleppt wurden.

“Die Entbindungszahlen [in der Klinik Bosse] sind auch deshalb bemerkenswert, weil die örtlichen NS-Instanzen ihr Möglichstes taten, um die Wittenberger vom Besuch der Klinik abzuschrecken. Doch darauf beschränkte sich die Repression der Nationalsozialsten nicht. Staat und Partei behinderten, verfolgten und peinigten ab 1934 systematisch alle Mitglieder der Familie.” (Buch S. 78)


Auch die Familie Bosse bzw. Levin / Ledien hatte mit den Problemen der Auswanderung zu kämpfen. Beispielsweise Hans Ledien, Paul Bosses Schwager, hatte eine Frist zur Auswanderung aus Deutschland erhalten. Doch es war unmöglich ein Visum in die USA, Großbritannien oder andere Europäische Staaten zu bekommen. Am Ende hatte er großes Glück und konnte nach Shanghai fliehen, jedoch ohne seine (nicht jüdische) Frau und Tochter, die er erst acht Jahre später im Jahre 1947 wieder sehen konnte.

Jedes einzelne Schicksal der beiden Familien ging mir sehr nahe. Nicht alle überlebten das Naziregime und den Krieg. Käte Bosse, Paul Bosses (jüdische) Ehefrau kam im KZ Ravensbrück ums Leben.

Das Buch runden ein Epilog, die Bibliografie sowie ein Register ab. Insbesondere das Register finde ich auch sehr gelungen, da man durch dieses nach speziellen Namen und Orten suchen und direkt nachschlagen kann.

 

Fazit

Wer sich für (Familien) Biografien und das Dritte Reich interessiert, ist bei diesem Buch geanau richtig. Hans-Jürgen Grabbe hat gezeigt, dass es möglich ist, ein wissenschaftliches aber auch sehr verständliches Buch zu schreiben, für das sich eine große Leserschaft interessieren könnte.

 

Weitere Rezensionen

–  wird nachgetragen –

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Ich danke dem Mitteldeutscher Verlag, der mir freundlicherweise das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

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  1. Hi monerl,
    ich mag das auch sehr, grade bei historischen Romanen mit einem echten Hintergrund, wenn der Autor beschreibt, wie das Buch entstanden ist. Das macht alles noch greifbarer und authentischer.
    Es ist immer wieder erstaunlich, wie perfide die NS-Zeit war und wie viele Menschen ihr zum Opfer gefallen sind und aus welchen Gründen.
    🙁
    LG
    Daniela

    1. Hi Daniela,
      und hier ist es ja nicht einmal ein Roman, sonder die Biografie der Familie Bosse. Umso erstaunlicher und bemerkenswerter, was der Autor geschafft hat. Ich kann dir das Buch wirklich nur empfehlen!
      Ja, sehr perfide! Und heute müssen sie gar nicht mehr perfide vorgehen! Sie machen es offen und die Leute fallen immer noch auf sie herein. Ein Elend!
      GlG, monerl

  2. Das klingt nach einer nicht leicht zu lesenden, aber umso interessanteren Lektüre. Ich finde es ja auch immer wieder unglaublich, wie weit die Verfolgung ging und wie oft es gar nicht mal um eine Person (oder ihre Angehörigen) ging, sondern um ihren wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Stand oder ähnliches. Oh, und so wie du darüber schreibst, hat der Autor auch seinen Rechercheweg in dem Buch offengelegt – das finde ich auch immer wieder faszinierend und lese sehr gern, woher welche Informationen stammen und wie welche Fakten zusammengetragen wurden.

    1. Hey Konstanze,
      du warst schneller, als ich hab. Hab das Buch noch gar nicht auf meiner Challengeseite eingetragen und verlinkt. 😀
      Es ist tatsächlich recht leicht zu lesen! Trotz der vielen Fußnoten, die auch sehr spannend sind, ist es dem Autor gelungen, dass man über große Teile hinweg vergisst, dass dieses Buch nicht erfunden, sondern akribisch recherchiert und wissenschaftlich bearbeitet wurde. Das erste Kapitel, in dem Grabbe alles offenlegt, wie er dazu kam, das Buch zu schreiben, ist sehr ausführlich und toll! Ich kann dir verraten, dass es in Schottland ein Buch auf Gälisch zu Paul und Käte Bosses Tochter Käthe gibt, die glücklicherweise nach Großbritannien gehen konnte und dem Krieg damit entflohen war. Mit ihrem Sohn hatte Grappe dann Kontakt…
      Ich biete auch dir an das Buch zu lesen, falls du möchtest.
      GlG, monerl

      1. Ich habe die Challenge-Teilnehmer in einem extra Ordner im Feedreader und schaue deshalb nur auf die Übersichtsseiten, wenn ich schaue wie es so bei den einzelnen Leuten läuft oder wenn ich einen Zwischenstand posten will. 😉

        Herzlichen Dank für das Leihangebot. Grundsätzlich bin ich wirklich interessiert, aber erst einmal möchte ich meinen eigenen Sachbuch-SuB etwas dezimieren und dann kommen gerade noch all die Vormerkungen aus der Bibliothek rein, die ich im vergangenen Herbst getätigt hatte. Erst einmal habe ich also mehr Lesestoff als Zeit und Konzentration, um ihn abzuarbieten.

        1. Ah, das hast du dir clever ausgedacht! Kein Wunder, bist du so schnell auf meine Rezi aufmerksam geworden. 😀 *Daumen hoch dafür*

          Kein Problem! Weiß ja, dass dein SuB groß ist usw. Wollte es dennoch anbieten. Bin schon gespannt, was bei dir als nächstes kommt.
          GlG, monerl

    1. Liebe Sabienes,
      bin zufällig über das Buch gestolpert! Habe mir die Verlagsvorschau durchgeschaut und bin am Cover hängengeblieben. Dachte mir, wer ist das denn? Die Buchbeschreibung fand ich total interessant, da ich viel #GegenDasVergessen lese. Ich kann dir das Buch absolut empfehlen! Es zeigt ganz intensiv, wie die Familie Bosse die Naziherrschaft und den Krieg erlebt hat. Falls du es lesen magst, ich schicke es dir sehr gerne zu. Es ist ja kein historischer Roman im eigentlichen Sinne. Aber dem Autor ist eine ganz grandiose Biografie gelungen. Sehr lesenswert!
      GlG, monerl

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