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[Buchvorstellung] VOX – CHRISTINA DALCHER

11. September 2018

#248 Rezension


Buchbeschreibung

Ihr könnt uns die Wörter nehmen, aber zum Schweigen bringt ihr uns nicht! Als die neue Regierung anordnet, dass Frauen ab sofort nicht mehr als einhundert Wörter am Tag sprechen dürfen, will Jean McClellan diese wahnwitzige Nachricht nicht wahrhaben – das kann nicht passieren. Nicht im 21. Jahrhundert. Nicht in Amerika. Nicht ihr. Schon bald jedoch kann Jean ihren Beruf als Wissenschaftlerin nicht länger ausüben. Schon bald wird ihrer Tochter Sonia in der Schule nicht länger Lesen und Schreiben beigebracht. Sie und alle Mädchen und Frauen werden ihres Stimmrechts, ihres Lebensmutes, ihrer Träume beraubt. Für Sonia und alle entmündigten Frauen will Jean sich ihre Stimme zurückerkämpfen und erhält eine Gelegenheit…

“Ich habe “VOX” als Warnung geschrieben, als Warnruf gegen eine Politik der Geschlechtertrennung, aber auch, um zu zeigen, wie sehr unsere Persönlichkeit und Menschlichkeit von unserer Sprache abhängt. Ich habe mir selbst die schreckliche Frage gestellt: “Was wäre, uns würde dieses Vermögen genommen?”
— Christina Dalcher


Meine Meinung

Ein Buch, das im Vorfeld sehr gehypt wurde und damit auch mich gepackt hatte. Als ich dann mitbekam, dass das Hörbuch von Andrea Sawatzki gesprochen wird, fiel mir die Entscheidung nicht schwer. Ich wollte das Hörbuch hören!

Der Einstieg ins Buch und das Thema ist ganz leicht. Ich hatte das Glück, das Buch in einer privat organisierten Leserunde besprechen zu können und deshalb kam ich in den Genuss, das Interview mit der Autrin lesen zu “dürfen”. Denn dieses Interview gibt es weder in der Buchausgabe noch im Hörbuch. Sehr schade, denn dort erfährt der Leser, dass das Buch nicht nur auf  das Thema Feminismus festgemacht werden sollte (siehe auch Zitat oben in der Buchvorstellung). Christina Dalcher ist von Beruf Linguistin. Damit hat sie auch genau den richtigen Background, um das Thema Sprache bzw. Sprachverlust zu beleuchten und in ihre Geschichte einzubauen. Zudem erfährt man auch, dass VOX erst als Kurzgeschichte angelegt wurde, die sie dann in zwei Monaten zu diesem Buch ausgeweitet hat. Und genau darin liegt in erster Linie mein Problem. Oder besser gesagt, ist dies das Problem der Geschichte. Denn m.M.n. konnte die Autorin in dieser kurzen Zeit dem Buch nicht genug Tiefe geben, die es gebraucht und vom Thema her sogar verdient hätte.

Die Protagonistin Jean hat sich ihrem Schicksal ergeben. Sie musste sich ihr Handlungsfeld von der Regierung beschneiden lassen. Einst eine sehr gute Wissenschaftlerin, kann sie nun mit nur 100 Wörtern am Tag ihren Beruf nicht ausüben. Selbst wenn sie es könnte, dürfte sie nicht, denn in dem dystopischen Amerika des 21. Jahrhunderts werden Frauen durch Glaubensfanatiker, die in der Regierung was zu sagen haben, wieder auf ihre steinzeitalterlichen Aufgaben zurückbeordert. Sie sollen sich um die Familie und den Haushalt kümmern und dabei ihren Mund halten. Sie werden entmachtet, bevormundet und zu häuslichen Dienern degradiert.

Abgesehen von der Beschneidung der Frauenrechte, zeigt sich auch, welch schlimme Auswirkungen das für die junge und insbesondere die weibliche Generation hat, denn Mädchen dürfen ebenso nicht sprechen, was und soviel sie wollen. Sie lernen somit als Kinder nicht genug Wörter, um ausreichend gebildet zu sein und um sich treffend ausdrücken zu können. Mütter werden darin beschnitten, ihre Kinder bspw. auch mit Worten zu trösten, zu loben und aufzumuntern. Wie sollen komplizierte Sachverhalte erklärt werden, wenn es nicht genug Wörter dafür gibt? All dieses Sorgen hat Jean, vor allem in Hinblick auf ihr jüngstes Kind, die kleine sechsjährige Sonia. Wird sie jemals einen eigenen Haushalt richtig führen können? Wird sie in der Lage sein eigene Kinder großzuziehen oder wird sie mehr oder weniger ein stupfer Roboter sein? Werden sich ihre Söhne gegen die Indoktrination wehren können? Diese und noch viel mehr Fragen irren während des Lesens im Kopf. Was wird aus einer Nation, die auf die Hälfte der Intelligenz ihrer Bürger verzichtet? Kann sie sich international noch positionieren und bestehen? Wie sieht die Zukunft für so ein Land in weiteren 50 Jahren aus?

All das machte beim Lesen im ersten Drittel wütend und ein richtig beklemmendes Gefühl! Doch dann gibt es leider einen großen Bruch. Jean bekommt die einmalige Chance ihr Wörterarmband abzulegen und an der Entwicklung eines Mittels mitzuwirken, das der Bruder des Präsidenten ganz dringend benötigt. Sie darf unbegrenzt reden, forschen, mit anderen in Kontakt treten. Jetzt habe ich erwartet, dass Jean als starke Frau großes leistet. Aber die Autorin lässt sie nicht. All die anfänglichen Vorbereitungen, die man nun weiter hätte vertiefen können, verlieren sich in Oberflächlichkeiten: Eine Romanze, kein richtiger Widerstand, Egoismus und viel Liebe. Viele Handlungen konnte ich ab hier nicht mehr richtig verstehen und nachvollziehen. Dalcher hat den Leser einfach abgehängt. Als Leser bzw. Hörer bekommt man nicht mehr mit, wie es zu bestimmten Handlungen, Situationen und Entscheidungen gekommen ist.  Die dystopischen Fragen werden nicht fortgeführt und weiterentwickelt. Alles plätschert nur vor sich hin.

Dann kam das Ende und meine Enttäuschung war vollkommen! Dieser halbherzige und hastige Ausgang gefiel mir überhaupt nicht. Ein Buch mit dieser fantastischen Idee hätte ein richtiges Statement verdient! Umso mehr, da wir uns wieder in einer politisch schwierigen Zeit befinden, in der die Sprache für rechtes und schlechtes Gedankengut missbraucht wird, in der oftmals wieder laut wird, dass Frauen zurück an den Herd und zur Familie sollen. Es ist eine Zeit, in der viele schweigen, wenn sie laut werden müssten, ihre Stimme erheben, bevor sie in dieser Freiheit, wie im Buch, eingeschränkt werden. Das Ende hätte m.M.n. eine Warnung darstellen müssen, damit man sich noch mehr bewusst wird, was uns blüht, wenn wir einen bestimmten Weg einschlagen und eine falsche Abbiegung nehmen.

Aber so hat die Autorin alles Potential ihrer Geschichte verschenkt. Sehr, sehr schade! Das Buch hätte mehr Zeit bei der Entstehung gebraucht um Handlungsstränge zu vertiefen, zu verbinden und den Themen sowie den Charakteren mehr Tiefe geben zu können.


Zum Hörbuch

Leider konnte auch die Sprecherin das Hörbuch nicht mehr aufwerten. Andrea Sawatzki hat eine wundervolle Art die Geschichten einzusprechen! Ich habe ihre Stimme im Ohr, wenn sie Emmi Rother von “Gut gegen Nordwind” ist oder Beatrice Kaspary aus Ursula Poznanskys Krimi-Reihe, Flavia de Luce von Alan Bradley oder wenn sie die Bücher von Jiliane Hoffman interpretiert. Das Buch ist durch Sawatzki ein Hörgenuss, an dessen Inhalt sie aber leider nichts ändern kann. Wer Hörbücher liebt und es trotzdem mit dem Buch versuchen will, dem empfehle ich es im Hörformat gerne weiter.


Fazit

Es bleibt ein Fazit übrig, das mich enttäuscht auf die Geschichte zurückblicken lässt. Ich wüsste sehr gerne, warum Christina Dalcher sich nicht mehr Zeit für ihr Buch gegeben hat, warum sie so gut angelegte Handlungsstränge oberflächlich im Sand hat verlaufen lassen. Es bleibt ein Buch, für das ich so viele Worte brauche, um meine Enttäuschung auszudrücken, weil ich es so gerne anders gehabt hätte! Mit diesem Buch hat die Autorin den Nerv der Zeit getroffen. Es könnte so kommen, es gibt viele reale Parallelen, doch zum Schluss wurde es seicht.


Weitere Rezensionen

++  Merlins Bücherkiste

+    Weltenwanderer

+/- Der Leseratz

–    Hochhorst (Rezi mit Spoiler!)

 

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  1. Hey 🙂

    Die Frage hab ich mir auch gestellt, warum das Buch am Ende so abfällt … Denn du hast völlig recht, dass hier einiges an Potenzial verschenkt wurde. Noch nie habe ich mir so sehr wie hier gewünscht, ein Buch etwas differenzierter bewerten zu können. So bleibt einem nichts anderes übrig, als sich am Ende für eine Gesamtnote entscheiden zu müssen …

    Liebe Grüße
    Ascari

  2. Hallo Monerl, mit diesem Buch hatte ich schon geliebäugelt, aber nun werde ich es gerne aus den Augen verlieren. . Margaret Atwood behandelt eine ähnliche Thematik gut und ausführlich und dabei belasse ich es. Diese vielen Hypes mancher Bücher auf den Sozialmedia-Seiten der Buchszene tun nicht immer gut und lenken nur vom Wesentlichen ab, nämlich vom LESEN.
    Schön, dass Du wieder da bist 🙂 !
    Angela

    1. Hallo liebe Angela,
      hast du das Buch von Margaret Atwood gelesen? Ich habe es letztes Jahr in meinem Urlaub verschlungen, so gut fand ich es! Meine Rezi zu “Der Report der Magd” findest du ganz unten bei “Vielleicht interessiert dich auch”. Diese beiden Bücher eint nur die Idee. Der Rest ist durch Universen getrennt…
      Viele Hypes sind übertrieben. Aber leider schaffe ich es nicht mich gegen jeden zu wehren. Hier hatte ich versagt. Aber es hätte auch ein ganz tolles Buch sein können. hihi :-*
      Bist du auch wieder zurück? Habt ihr alles geschafft, was ihr wolltet?
      GlG, monerl

      1. Alles geschafft , bin wieder da und der nächste Beitrag kommt bald . * Report der Magd * hätte ich mir vor einigen Monaten gekauft und auch sofort gelesen . Der Schreibstil von ihr ist unvergleichlich und ich bin Fan ihrer Werke ! Eine Rezension hatte ich damals nicht verfasst !
        Bis bald , genieß den wohl letzten heißen Sommertag des Jahres !
        Angela

  3. Hallo Monika,
    ich kann dir mit deiner Meinung nur zustimmen. Für mich war es ebenfalls verschenktes Potenzial. Es hätte so gut werden können. Das sie nu wenige Monate gebraucht hat, wusste ich nicht. Das macht die gaze Sache noch schwieriger.

    Liebe Grüße
    Lilly

    1. Liebe Lilly,
      freut mich, dass du meine Worte nachvollziehen kannst! Ich war so traurig, enttäuscht und wütend darüber, wie man so ein Buch verhauen kann! Es hätte sooo groß werden können und nun ist es einfach nur oberflächlich. Als ich hörte, dass sie es in nur 2 Monaten geschrieben hatte, war mir klar, warum das alles so danebengegangen ist. Gut Ding braucht Weile…
      Hast du auch ne Rezi geschrieben? Ich geh mal schauen…
      GlG, monerl

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