Rezensionen | Sachbuch

[Buchvorstellung] – Was nie geschehen ist – NADJA SPIEGELMAN

12. März 2018
#202 Rezension

Rezensionsexemplar
2,5 von 5 Sternen

 

Widmung der Autorin“Für meine Großmutter und meine Mutter”

Buchbeschreibung:

Nadja Spiegelman erzählt mehr als ihre eigene Geschichte. Sie zeichnet die Lebenswege dreier Frauen nach, deren Schicksale kaum enger miteinander verknüpft sein könnten. Ein eindrucksvolles Debüt über die blinden Flecken in Familien, über die Unzuverlässigkeit unserer Erinnerung und über die Kraft des Erzählens. Als Kind glaubt Nadja Spiegelman, ihre Mutter sei eine Fee. Ein
besonderer Zauber umgibt Françoise Mouly, die erfolgreiche Art-Direktorin des New Yorker. Erst Jahre später, als Nadja allmählich zur Frau wird, bricht dieser Zauber. Immer häufiger trifft sie die plötzliche Wut der Mutter, ihre Zurückweisung, ihre Verschlossenheit. Nadja ahnt, dass sich in Françoises Ausbrüchen deren eigene Familiengeschichte widerspiegelt, und sie beginnt, der Vergangenheit nachzuspüren. In langen Gesprächen mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter stößt sie auf unsagbaren Schmerz und widerstreitende Erinnerungen, aber auch auf die Möglichkeit, im Erzählen einen versöhnlichen Blick auf die Vergangenheit zu finden. Ein poetisches, zutiefst ehrliches Buch, das offenlegt, warum uns die, die wir am meisten lieben, häufig am stärksten
verletzen.
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Nadja Spiegelman hat das gemacht, was die Wenigsten sich trauen. Sie wollte verstehen und wissen und befragte ihre Mutter tiefgehend nach ihrer Geschichte. Sie schrieb sie auf und machte daraus dieses Buch. Ein Buch über Mütter und Töchter aus verschiedenen Generationen. Als Leser lernt man in erster Linie die Frauen der Familie kennen. In Frankreich fängt alles an geht über Amerika wieder nach Frankreich zurück. Mélanie – Mina – Josée – Françoises- Nadja, das sind fünf Frauen aus fünf Generationen, die unterschiedlicher nicht sein können und durch ihr Familienverhältnis jedoch so sehr verbunden sind, dass es enger nicht geht. “Was nie geschehen ist” ist ein Buch voller Verletzungen, Traurigkeit, Sehnsucht und der Suche nach Liebe. Insbesondere nach der Liebe von Töchtern zu Müttern, nach dem Wunsch, gesehen zu werden.

“Ich sah über die Generationen hinweg ein Muster entstehen, es verbreitete sich wie die Kreise, die ein über das Wasser geworfener Stein auf der Wasseroberfläche hinterlässt: all die Enkelinnen und ihre Großmütter, die sich liebten, all die Mütter, die dabei auf der Strecke bleiben.” (eBook bei 83%)

 

Im ersten Teil liegt der Fokus auf Françoise, die ihrer Tochter Nadja von ihrer eigenen Kindheit in Frankreich erzählt und wie sie diese und ihre Jugend empfunden und wahrgenommen hat. Viele dieser Erlebnisse machten mich sprachlos. Sehr oft dachte ich, dass so ein Kind nicht aufwachsen sollen müsste. Mit der nicht ausreichenden Beachtung, Liebe sowie Oberflächlichkeit strafte Josée ihre Tochter Françoise mehr, als dass sie fähig war das zu begreifen. Und die Auswirkungen dessen sind bei Françoise bis ins Alter festzustellen.

Der zweite Teil konzentriert sich auf Josée und ihre Vergangenheit, die von Krieg und Flucht geprägt ist, wie auch die Verletzungen, die sich daraus ergeben haben, dass sie ein uneheliches Kind war, ein Bastard. Dies verfolgte sie bis ins Erwachsenenalter, da aufgrund dieser Tatsache, die ein Privatdetektiv ans Licht brachte, erstmal ihre Verlobung mit Paul gelöst wurde. All das erfährt man als Leser über die Enkelin Nadja, die sich eine Auszeit in Amerika genommen und diese in Paris mit ihrer Großmutter Josée verbracht hatte. Durch die vielen und intensiven Gespräche mit Josée schloss sich der Kreis der Erinnerungen von Françoise.

Interessanterweise stimmten nicht alle Erinnerungen von Josée und Françoise überein. Beide Frauen erinnern sich an gemeinsam erlebte Situation oftmals sehr unterschiedlich, oftmals sogar ganz gegensätzlich. Faszinierend, was aus Erinnerungen wird, wenn einiges an Zeit vergeht und wie Emotionen und Einstellungen die Vergangenheit vollkommen für einen selbst verändern können.

Was mich im Lesefluss sehr oft gestört hat, war, dass man manchmal nicht sofort wusste, von wem nun erzählt wurde. Manchmal ging es übergangslos von Françoise zu Nadja über und wieder zurück. Und plötzlich ging es dann wiederum um die Großmutter Josée. Hier hätte ich mir mindestens optisch eine viel eindeutigere Struktur gewünscht.

Leider ging es mir aber auch im Laufe des Buches so, dass ich mich zunehmend langweilte. Meine anfängliche Begeisterung flachte im letzten Drittel extrem ab. Gerade im zweiten Teil, in dem sich zwar Enkelin Nadja und Großmutter Josée näher kamen, entfernte ich mich von der Geschichte. Geplänkel über Essen, Sexualität, Vorbereitungen zu Josées Beerdigung und all die vielen gestellten Fragen, die nicht beantwortet werden wollten, konnten mich nicht mehr richtig fesseln.

Über die Zeit des Zweiten Weltkrieges erfährt man leider nur sehr, sehr wenig. Oberflächlich wird erwähnt, dass er schlimm war. Es gab Bombardierungen, man musste sich verstecken und viele Entbehrungen hinnehmen. Josée wurde 1930 geboren und war ein Teenager von 14 Jahren, als der Krieg endete. Ich hätte mir jedoch gewünscht, detailliertere Erinnerungen aus dieser Zeit zu erhalten. Insbesondere, da Nadja Spiegelmans Vater Art Spiegelman der Autor des berühmten und preisgekrönten Comics “Maus” ist und darin die Kriegserlebnisse seines jüdischen Vaters verarbeitet hat.

Fazit:
Als Leser konnte ich nachfühlen, wie bedeutend diese Gespräche und dieses Buch für die Autorin sind / waren. Es ist ihre Geschichte, die Geschichte der Frauen ihrer Familie. Das Buch verhalf ihr dazu, vieles zu verstehen und einige Lücken zu schließen. Durch das Buch scheinen manche Gräben überwunden worden zu sein. Leider konnte mich das jedoch nicht so begeistern und mich darüber hinaus auch nicht vollkommen erreichen. Sehr schade! Ich hatte es mir so sehr gewünscht. Aber ich bewundere diesen Mut, die eigene Familiengeschichte öffentlich so preiszugeben. Auch wenn Nadja Spiegelmans Familie bereits in der Öffentlichkeit bekannt ist, geht dieses Buch doch noch viel, viel tiefer und zeigt auch die dunklen und nicht so schönen Seiten, die viele lieber für sich behalten hätten.

Weitere Rezensionen:

+/-  Lesefreude

Folgendes Video habe ich gefunden, als ich mich informiert habe, wer die heutige Françoise ist, die seit vielen Jahren erfolgreich als Art Director Teil des Magazins THE NEW YORKER ist. Es war sehr spannend diese Frau nun zu sehen, reden zu hören und zu versuchen, sie mit dem Mädchen aus Nadjas Erzählungen in Einklang zu bringen.

 

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Ich
danke dem Aufbau Verlag und dem Portal Netgalley, die mir freundlicherweise
das eBook als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.
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© Aufbau Verlag
ISBN: 9783351037055

Originaltitel: I´m Supposed to Protect You from All This
Originalsprache: amerikanisch
Übersetzer: Sabine Kray
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  1. Das Buch liegt auch noch auf meinem Stapel. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich jetzt noch auf die Lektüre freue :-). Dank dir für deine aussagekräftige Besprechung!

    1. Liebe Romy,vielleicht empfindest du es ja ganz anders. Die bisherigen Rezensionen sind eigentlich alles sehr positiv. Es gibt viele total interessante Sachen im Buch! Aber auch ganz, ganz schlimme! Ich war überrascht, wie viel diese Familie im weitestens Sinne, mitgemacht hat. Dann habe ich überlegt, dass es wohl in jeder Familie solche dunklen Flecken gibt, wenn man 100 Jahre zurückschaut. In meiner Familie gäbe es auch viele solcher Traurigkeiten. Aber die Autorin verliert irgendwie den roten Faden im letzten Drittel. Könnte aber dennoch sein, dass dieses dich gar nicht so stört. Ich jedenfalls wünsche dir, dass dich das Buch mitreißt. 🙂 Warte gespannt auf deine Rezension! GlG, monerl

  2. Hi monerl!Wie du weißt, ging es mir ähnlich mit dem Buch. Für die Autorin bestimmt ein wichtiges Buch. Für mich gab es allerdings viel, zu viele Belanglosigkeiten.Ich bin mir auch nicht sicher ob ich es gut finde, dass Nadja Spiegelman derart intime Details, die ihre Familie noch dazu in keinem guten Licht präsentiert, veröffentlicht.Liebe GrüßeSabrina

    1. Hi Sabrina,dieser letzte Gedanke ging mir nach dem Lesen auch durch den Kopf. Es wurde so vieles offenbart, dass es nicht unbdingt gebraucht hätte. Ich kann nachvollziehen, wie Françoise am Ende sinngemäß zu ihrer Tochter gesagt hat, dass sie irgendwie mit diesem Buch wird leben uns sich arrangieren müssen. Ich persönlich würde solch tiefgehenden und intimen Details aus meiner Familiengeschichte nicht preisgeben wollen. Zudem erschließt sich mir der Sinn auch nicht so richtig. Ich hätte es auch viel besser gefunden, wenn sich Nadja Spiegelman zu einem Großteil auf das Leben im 2.WK konzentriert hätte. Ihr war anderes wichtiger.GlG, monerl

  3. Hi Monerl,ach schade, anfangs bei der Inhalstbeschreibung dachte ich noch, dass klingt so richtig nach einem Roman für mich. Dann las ich von deinen Schwierigkeiten im Lesefluss.Das wiederum kann ich gar nicht gebrauchen, mir mangelt es eh schon an Konzentration.Von daher landet diesmal das Buch nach deiner Rezi nicht auf meiner Wunschliste. :)Danke fürs vorwarnen und ich hoffe, dein nächstes Buch kann dich wieder mehr begeistern.Liebe GrüßeEla

    1. Liebe Ela,der Klappentext hatte mir so sehr gefallen, dass ich das Buch unbedingt lesen musste! Zu Beginn ist es auch ganz toll. Doch später verliert die Autorin so ein bisschen den stringenten roten Faden. Ab da hatte sie mich dann verloren und ich quälte mich etwas durch das letzte Drittel. Das kann dann ziemlich lang werden, wenn man von der Story nicht mehr gefesselt ist. Deine Entscheidung ist gut. Wäre total doof, wenn dich das Buch gefrustet hätte, wo du doch grade wieder aus deiner Leseflaute rausgekommen bist! :-)GlG, monerl

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