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[Buchvorstellung] Was vom Tage übrig blieb – KAZUO ISHIGURO

10. Juni 2018

#39 Kurzmeinung


Buchbeschreibung

Ausgezeichnet mit dem Nobelpreis für Literatur 2017 

Seit Jahrzehnten dient Stevens als Butler auf Darlington Hall. Er sorgt für einen tadellosen Haushalt und ist die Verschwiegenheit in Person: Er hat sein Leben voll und ganz in den Dienst seines Herrn gestellt, niemals würde er auch nur ein Wort über die merkwürdigen Vorgänge im Herrenhaus verlieren. Jetzt bricht er zum ersten Mal aus seiner gewohnten Welt aus, um seine ehemalige Kollegin, Miss Kenton, in Cornwall zu besuchen. Die Fahrt wird für Stevens zu einer Reise in die Vergangenheit und schließlich auch zu einer Reise zu sich selbst. 

Das kritische Portrait einer von Klasse und Hierarchien geprägten Gesellschaft und eine bittersüße Liebesgeschichte, erzählt von einem, der seinen Stand nie hinterfragt und der nie auch nur geahnt hat, dass er liebte. 

Meisterlich gelesen von Gert Heidenreich.


Kurzmeinung

  • Genre: Roman
  • Handlung: Die Handlung ist vielfältig. Zum einen geht es um den Butler Stevens, der sich voll und ganz seinem Beruf verschrieben hat. Diesen führt es voller Hingabe und absoluter Würde aus. Die Hierarchie wird nicht hinterfragt, genauso wenig die Vorgänge, die sich im Haus über viele Jahre abspielen. Große Politik wird gemacht und Geschichte geschrieben, doch Mr. Stevens erlaubt sich kein Urteil. Der Zweite Weltkrieg steht vor der Tür und Politiker und Diplomaten aus aller Welt finden in England in diesem Herrenhaus zusammen, tauschen sich aus und debattieren. So ein Herrenhaus benötigt neben einem herausragenden Butler ebenso eine herausragende Hauswirtschafterin. Miss Kenton ist für diese Rolle ebenso geschaffen wie Mr. Stevens für seine. Zwischen den beiden gibt es eine Art Zuneigung, die jedoch nie über das förmliche Verhalten hinausgeht. Zu persönlich und zu privat mag Mr. Stevens nämlich überhaupt nicht.  
  • Charaktere: Zwei Protagonisten, die sich in nichts nachstehen. Mr. Stevens, der Butler, ist sehr gut porträtiert und sein charakterlicher roter Faden ist absolut durchgängig, ganz ohne Unterbrechungen. Er ist das Nonplusultra eines Butlers. Er dient mit ganzem Herzen, mit offenen Augen und verschlossenen Ohren. Denn es steht ihm nicht zu, sich eine Meinung über all die Gäste zu bilden, die im Herrenhaus ein- und ausgehen. Er besitzt eine kühle Distanz, die sogar so weit geht, dass er nicht in der Lage ist, seinem sterbendem Vater ein paar Minuten beizustehen. Er fühlt sich unwohl und nimmt seine Arbeit als Vorwand gehen zu müssen, da dies sein Vater, ebenso ein Butler vom alten Schlag, absolut verstehen kann und nicht dulden würde, wenn sein Sohn ein schlechtes Bild auf sich und den Berufsstand wirft. Miss Kenton erfüllt nur vordergründig die Anforderungen an ihren Berufsstand als Hauswirtschafterin. Sie erfüllt ihre Aufgabe mit Bravour, leistet sich aber immer wieder ein liebevolles Geplänkel mit Mr. Stevens. Vergeblich versucht sie ihm Emotionen zu entlocken und erkennt immer, wann er Zuspruch und ein gutes Wort braucht. Sie stärkte ihm den Rücken, nachdem sein Vater gestorben war. Diese beiden Figuren sind dem Autor hervorragend gelungen!
  • Spannung: Auf Spannung wartet man in diesem Roman vergeblich. Es kommt ein Interesse auf, wie das Aufeinandertreffen der beiden, nach so vielen Jahren, vonstatten gehen wird. Wird Mr. Stevens endlich etwas aus sich heraus gehen können und Miss Kenton gestehen, dass er sie all die Jahre vermisst hat? Wird sie mit ihm zurück ins Herrenhaus kommen und ihre alte Stelle wieder aufnehmen? Auf das Ende ist man somit wohl gespannt, doch diese Frage schwirrt dem Leser nicht permanent im Kopf herum.
  • Schreibstil: Keine Frage, Kazuo Ishiguro hat sprachlich gesehen mit diesem Roman etwas Besonderes geschaffen. Sehr ruhig schreitet das Geschehen voran. Und unter der hochgehobenen und -geborenen Gesellschaft entspannen sich Gespräche, die man nicht alltäglich nennen kann. Erfrischend waren für mich auch die Dialoge von Mr. Stevens und den Bürgern der Ortschaften, in denen er auf seiner Reise gewollt als auch ungewollt Halt macht. Hervorragend auch die innere Reise von Mr. Stevens. Wie man anhand von seinen Aussagen merkt, dass er angefangen hat sich mit sich und seiner Vergangenheit zu beschäftigen und analysiert, ob er manchmal nicht hätte anders handeln müssen.  
  • Ende: Ein Ende, das sich für mich so abgezeichnet hat. Deswegen aber nicht minder gut. Dem Autor ist es gelungen der Geschichte treu zu bleiben. Das gefällt mir sehr. 
  • Hörbuch: Wunderbar gelesen und interpretiert von Gert Heidenreich, meinem liebsten Sprecher für Hörbücher. Keiner schafft es auf so ganz besondere Weise Figuren und ihre Charaktere so wiederzugeben, dass es vom Anfang bis zum Ende  ein reiner Hörgenuss ist.
  • Fazit: Ein wirklich gutes Hörbuch! Doch trotz all dem Positiven, das ich hier erwähne und hervorhebe, kann selbst die schöne Sprache und der herausragende Sprecher die Eintönigkeit und auch in großen Teile die Langeweile der Geschichte nicht verschwinden lassen. Hätte ich das Buch gelesen, hätte ich sicherlich immer mal wieder Seiten überblättert oder quergelesen. Mir persönlich reichte das leider nicht, um das gesamte Buch als herausragend bezeichnen zu können. Ich fühlte mich nicht mitgerissen. Mich konnte auch diese bittersüße und unerfüllte Liebe nicht so richtig rühren. 


Weitere Rezensionen

Vergleich Buch und Film

Dies ist eines der wenigen Bücher, bei dem ich sage, dass mir die Filmadaption sehr viel besser gefällt als die Buchvorlage! Die beiden Schauspieler, die die Protagonisten spielen, sind hervorragend ausgewählt worden. Anthony Hopkins als Mr. Stevens ist eine Bestbesetzung! Ich kann mir keinen anderen Schauspieler vorstellen, der diese Distanziertheit, Kühle und die absolute Unterwürfigkeit besser hätte darstellen können, als er. Emma Thompson spielt ihre Rolle als Miss Kenton ebenso glaubwürdig, wie ich sie mir während des Hörens vorgestellt hatte. Sie ist sogar noch besser als meine Vorstellung aufgrund der Buchvorlage.

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  1. Liebe Monerl,

    ich muss sagen, das hört sich erstmal alles super für mich an. Nun gut, bis auf die Spannung. ^^
    Aber die Geschichte finde ich faszinierend.
    Hast Du es als Hörbuch? Oder ist es von Bookbeat? Weil sonst würde ich es sehr gerne mal ausprobieren.

    Ich habe auch ein Buch (Die hellen Tage), was wunderschön geschrieben ist, aber die Spannung fehlt komplett. Ich habe es im März angefangen, die Hälfte habe ich, aber seit dem… nun ja.

    Liebe Grüße
    Petrissa

    1. Liebe Petrissa,
      ich habe es als Audible-Download. Ich kann jetzt gar nicht einschätzen, ob dir die Geschichte gefallen würde oder nicht. Versuche es einfach. Würde gerne wissen wollen, ob sich unsere Meinungen decken oder unterscheiden.
      “Die hellen Tage” von Zsuzsa Bánk habe ich auch noch auf dem SuB. Sie war letztes Jahr in Langen in meiner Lieblingsbuchhandlung, ich hatte leider keine Zeit die Lesung zu besuchen. Nach deiner Aussage werde ich das Buch wohl etwas länger im SuB-Regal schlummern lassen. Wird ja nicht schlecht. hahaha
      GlG, monerl

      1. Liebe Monerl,

        sie das Hörbuch bei uns in der Bücherei. Es ist gerade ausgeliehen, aber ich habe es mir mal auf die Merkliste gesetzt.

        Von “Die hellen Tage” war ich am Anfang total begeistert. Ich hatte das Gefühl, von der Sprache könnte es ein Herzensbuch werden. Das Problem war für mich irgendwann, dass eigentlich nur von einem Mädchen erzählt wird. Die Geschichte des einen Jungen kommt irgendwann “leise” dazu, aber die Geschichte des zweiten Mädchens erfährt man nur in Andeutungen. Und immerhin bin ich jetzt bei der Hälfte. Da wurde ich dann doch ungeduldig und dachte: Was ist denn jetzt? Ach dass das Buch angeblich die drei Kinder übers ganze Leben hinweg begleiten soll. Ja, auf den letzten 50 Seiten oder wie? 😀

        Als ich anfing, habe ich einer Freundin versprochen, dass sie das Buch haben kann, wenn ich fertig war. (Da war ich gerade auf dem Tripp, ich kann nicht alle Bücher behalten.) Danach tat es mir voll leid, dass ich es versprochen habe und dachte, das Buch kann ich nicht hergeben. Ei ja und nun…. steht es da schon seit März.

        Liebe Grüße
        Petrissa

        1. Liebe Petrissa,
          das hört sich jetzt so… na ja an. Ich werde es wirklich noch ne Weile zurücksetzten. Auf dem SuB wird kein Buch schlecht, Gott sei Dank! Aber solche Bücher hab ich auch. Meistens bleiben sie dann irgendwie auf dem Pause-Stapel….
          GlG, monerl

  2. Moin, liebes monerl,
    schön, dass Du mir das Buch wieder in Erinnerung gerufen hast. Ich habe es vor gut zwei Jahren mal begonnen und bin nicht damit warm geworden. Ich bin ja nicht der Lesertyp, der unbedingt Action braucht, aber irgendwie war es mir zu langweilig. Vielleicht sollte ich es auch mal mit dem Hörbuch versuchen.
    Liebe Grüße, Anne

    1. Moin, moin liebe Anne,
      ich kann absolut verstehen, warum du mit dem Buch nicht warm geworden bist. Es ist streckenweise sehr zäh. Da ist es mim Hörbuch schon besser. Man kann zuhören und auch mal abschweifen und verpasst nichts. Beim selbständigen Lesen geht das so nicht. Was mir gefehlt hat, ist, dass der Autor den britischen Flair, trotz der tollen Sprache, nicht geschafft hat rüberzubringen. Das ist im Film wundervoll gelungen. Irgendwie fehlt dem Buch etwas, kann es kaum richtig beschreiben. Vielleicht trifft das Wort “Eindringlichkeit” das noch am ehesten. Vieles wird angesprochen aber es plätschert so dahin. Obwohl, politisch gesehen, Brisantes geschieht. Auch der Liebesgeschichte, die keine ist, fehlt es am gewissen Kick. Bin gespannt, ob du es noch hören wirst.
      Zumindest bin ich froh, das Buch und den Film zu kennen. Der Film ist top, das Buch ok.
      GlG, monerl

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