Historisch | Rezensionen

[Buchvorstellung] Weil sie das Leben liebten – CHARLOTTE ROTH

18. Mai 2018

#gehörtUNDgelesen

5 von 5 Sternen

 

Widmung der Autorin“Für Silke und Nimue”

Buchbeschreibung:

Berlin Ende der 1920er Jahre: Die junge Franka hat nur einen Wunsch – sie möchte Zoologie studieren. Ihre strengen Eltern und die Weltwirtschaftskrise machen ihren Traum zunichte, doch immerhin gelingt es ihr, eine Stelle als Tierpflegerin im Berliner Zoo zu bekommen. Die Arbeit mit den geliebten Tieren geht ihr über alles, ihnen schenkt sie ihre ganze Liebe – nicht den Menschen. Nur ganz allmählich fasst sie Zutrauen zu dem Tierarzt Carl, der vom Leben ähnlich gebeutelt wurde wie sie. Dann lernt sie den faszinierenden Adam kennen und lieben. Doch Adam ist Sinti, und inzwischen haben die Nazis die Macht in Deutschland ergriffen. Adams Leben ist in höchster Gefahr, und Franka ist bereit, für ihn zu kämpfen – und für ihre Tiere. Fortan weiß sie nicht mehr, wem sie trauen kann …

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Dieses Jahr versuche ich vermehrt #GegenDasVergessen anzulesen. Es gibt sehr viele Gräueltaten, die nie vergessen werden sollten. Hierzu gehört auch das Kriegsverbrechen des Völkermordes an den Sinti und Roma. Hierzu gibt es noch den Ausdruck “Porjamos“, der explizit den Völkermord an den europäischen Roma in der Zeit des Nationalsozialismus bezeichnet. Dieser Begriff ist ein Romanes-Wort und bedeutet übersetzt aus der Sprache der Roma “Das Verschlingen”. (Quelle: Wikipedia)

Von der Autorin bin ich sehr gute Lektüre gewohnt, die sich mit den Zweiten Weltkrieg beschäftigt und darauf ausgelegt ist, den Lesern aufzuzeigen was damals alles passiert ist und dass so eine Zeit nie mehr wiederkommen darf.

Charlotte Roth verbindet historische Begebenheiten sowie historische Persönlichkeiten mit ihren erfundenen Figuren. Dabei gelingt ihr das so wundervoll, sodass man mit dem Lesen gar nicht aufhören mag, auch wenn es sich, wie hier, um schreckliche Gräueltaten handelt.

Charlotte Roth steht für mich auch für fundiert recherchierte Geschichte, vor der man Augen als auch Gefühle nicht verschließen kann. Protagonisten und auch Antagonisten sind mit einer tiefen Liebe für Figuren porträtiert und fallen so sehr menschlich aus, sodass man sich nicht wundern würde, wenn man ihnen auf der Straße begegnen würde.

Mit Franka, einem liebenswerten Mädchen, beginnt und endet die Geschichte. Aufgewachsen in einer lieblosen Familie, in der die Mutter keinen Zugang zu ihrer Tochter fand und einem Pastor als Vater, der es lieber gehabt hätte, die Tochter wäre ein Sohn. Einzig der Patenonkel, der Bruder ihres Vaters, macht ihr das Leben liebenswert. Mit ihm kann sie Franka sein, so wie sie ist. Er versteht sie. Mit ihm ist sie glücklich und mit all den Tieren im Berliner Zoo. Franka versteht Tiere besser als Menschen und ist überaus glücklich, dass sie in der schweren Zeit der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkrieges im Zoo als Tierpflegerin arbeiten kann. Ihr Herz schlägt für die Flusspferde.

Im Gegensatz zu Franka lernt der Leser auch Tokeli, seine Familie und einige weitere Sinti kennen. Viel wird ihnen verwehrt. Gegen Vorurteile und schlechte Behandlung müssen sie kämpfen. Und doch lieben sie das Leben mit jeder Faser ihres Herzens. Sie versprühen Glück, Fröhlichkeit, Leichtigkeit und Liebe. Doch Tukali hat Ambitionen! Sein anderer Name ist Adam. Und unter diesem möchte er studieren, Rechtsanwalt werden und aus der Tradition des fahrenden Volkes ausbrechen. Er ist klug, wissbegierig und sieht sein Recht auf ein anderes und gutes Leben, mitten unter den Sesshaften. Er ist auf dem Weg zum Glück, doch dann brechen die schweren Zeiten des Nationalsozialismus an.

Intensiv und eindrücklich entführt uns Charlotte Roth in die dunkle Vergangenheit der Deutschen Geschichte. Durch verschiedene Charaktere erlebt man als Leser und Hörer den damaligen Zeitgeist. Nicht alle waren nur böse oder ausschließlich gut. Der Autorin gelingt aufzuzeigen, was es alles galt abzuwägen und welchen Zwängen manch einer ausgesetzt war, die das Handeln bestimmten.

Gespannt, überrascht, traurig und erdrückt verfolgte ich das Leben unterschiedlicher Figuren und hätte so gerne eingeschritten, als es anfing aus dem Ruder zu laufen. Doch wann war der Punkt, an dem man damals hätte einschreiten können oder müssen? Nicht als Einzelner – diese Menschen gab es einige. Jedoch als Masse, als große Masse, die (wahrscheinlich) hätte etwas bewirken können! Diese Frage bleibt am Ende. Die Autorin gibt natürlich keine Antwort darauf. Doch was am Ende übrig bleibt: Wenn man so früh wie möglich die Augen öffnet, kann man rechtzeitig Schlimmes abwenden!

Das möchte ich für mich mitnehmen! Und viele andere Leser hoffentlich auch. Wir haben leider wieder eine Zeit, in der zu spüren ist, dass wieder etwas begonnen hat. Etwas, das unsere Demokratie bedroht und sich langsam dunkel ausweitet. Lasst uns die Augen und Ohren offenhalten und nicht hinnehmen, dass unsere Freiheit und die unserer Mitmenschen, egal wer und wie sie sind, bedroht und eingeschränkt wird.

Zum Hörbuch:
Auch als Hörbuch absolut empfehlenswert! Elisabeth Günther, die auch all die anderen Bücher von Charlotte Roth eingesprochen hat, liest wundervoll, einfühlsam und absolut herzerwärmend. Sie schaffte es, mir die Figuren ins Herz zu lesen.

Fazit:
Ein unglaublich gelungenes Buch, das an eine Minderheit erinnert, an der unmenschliche Verbrechen begangen wurden, die als minderwertig deklariert wurde und als menschliche Versuchskaninchen herhalten musste. Charlotte Roth ist für mich eine Art “Gütesiegel” für Geschichten, die Historisches authentisch wiedergeben, großen Lesespass bereiten, für absolute Unterhaltung sorgen und in mir nach dem Lesen immer den Wunsch auf weitere Recherche zum Thema wecken.

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Im Nachtrag erzählt die Autorin ein bisschen über den Berliner Zoo, den sie als Kulisse für ihren Roman entliehen hat. Eine große Rolle spielt dabei das Flusspferd Waldtraud, das es so ähnlich auch in echt gab. Insbesondere das im Zoo neugeborene Flusspferd, das die Gemüter der Berliner in diesen schlimmen Zeiten erhellte, gab es wirkilch. Im folgenden Link der Welt, kann man über “Knautsche” nachlesen, der einer von 91 Tieren war, die den Zweiten Weltkrieg überlebt hatten.

In Wikipedia gibt es auch einen eigenen Beitrag zu “Knautschke”, seiner Herkunft und seinem Leben.

Die Erinnerung, das Gedenken und die Anerkennung des Völkermordes an den Sinti und Roma ist dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma zu verdanken, der im Februar 1982 die offizielle Anerkennung durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt erwirkte.

Ein interessanter Bericht beim Deutschlandfunk Kultur: “Völkermord an Roma muss anerkannt werden” vom 31.07.2015.

Informationen gibt es weiterhin im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma.

Neues Onlineportal, das über den Holocaust an den Sinti und Roma informiert.

Mehr über Josef Mengele, den Leitenden Lagerarzt des “Zigeunerlagers” Auschwitz B II bei Wikipedia.

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Weitere Bücher zum Völkermord der Sinti und Roma:

– “Abschied von Sidonie” von Erich Hackl
– “Ede und Unku – Die wahre Geschichte” von Janko Lauenberger, Juliane von Wedemeyer

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Charlotte Roth
© Knaur Verlag
ISBN: 9783426517291
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