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[Buchvorstellung] Wenn wir wieder leben – CHARLOTTE ROTH

18. Juli 2018

#238 Rezension


Buchvorstellung

Eine tragische Familiengeschichte und die Geschichte einer großen Liebe, die ins Nazideutschland zurückführt.

Das vornehme Ostseebad Zoppot bei Danzig in den 1920er Jahren. Hier herrschen überschäumende Lebenslust und unbeschwerte Sommerfrische. Die vier Freunde Lore, Gundi, Julius und Erik erfreuen die Kurgäste mit flotten Rhythmen und eingängigen Melodien und träumen vom Durchbruch als Musiker.
Bald ist ihnen tatsächlich Erfolg beschieden, auf dem Luxusschiff Wilhelm Gustloff befahren sie die Meere – und ignorieren, dass sich die Zeiten schon lange geändert haben. Gundi verliebt sich in den Sänger Tadek, aber dann überfällt Hitler Polen, und Tadek schließt sich dem Widerstand gegen die Nazi-Besatzer an: Das Ende einer großen Liebe?


Meine Meinung

In zwei Handlungssträngen verschmelzen nach und nach Gegenwart und Vergangenheit. In der Gegenwart lernen wir Wanda kennen. Eine freundliche, eher zurückhaltende, wohlbehütete junge Frau, die das Lieblingskind von Matti ist, wie sie ihre Mutter liebevoll nennt. Sie lebt zusammen mit ihren Schwestern und ihrer Tante Lore in Westberlin. Während des Studiums lernt sie den Studenten Andras kennen, der in ihr den Wunsch weckt zu erfahren, warum sie bisher nichts über ihre Vergangenheit und ihren Geburtsort in Polen weiß. Warum ist die Vergangenheit so ein blinder und totgeschwiegener Fleck in ihrer Familie? Es ist Anfang der 60er Jahre und das Ende des schrecklichen Krieges ist noch nicht so lange her. Welche Menschen, Freunde, Verwandte waren damals Freund und wer war Feind?

Die Vergangenheit beginnt 1927 und die Hauptrolle hat Gundi. Ein Mädchen, das zwar von ihrer eigenen Mutter weggegeben wurde aber das Glück hatte, bei ihrem geliebten “Pop”, dem Großvater, aufzuwachsen, denn er war ihr eine bessere Mutter. Gundi ist unzertrennlich mit dem Ostseebad Zoppot und Musik verbunden. Und ihre Freunde Julius, Erik und die Halbschwester Lore vervollständigen ihr großes Glück. Sie will leben, genießen, sich erfreuen und Musik machen. Und das alles in einer Endlosschleife. Doch die jugendlichen Freunde werden Erwachsen und die Zeiten werden düsterer. Die Jungs wurden zu Männern und wollten sich weiterentwickeln. Beide liebten Gundi und Gundi liebte alle. Selbst als alle begriffen hatten, dass ein Krieg sich anbahnt und dass Danzig sowohl von Polen als auch von Deutschland beansprucht werden würde, verschloss Gundi naiv die Augen, um ihren Traum vom schönen Leben nicht zerstört zu sehen.

Charlotte Roth hat mit diesem Roman eine wundervolle Erinnerung an die schönen und traumatischen Zeiten von Danzig und Zoppot geschaffen. Über Gundi spürt man die Liebe zur Musik, dem Meer und zu ihrer Heimat. Als Leser*in ist man mittendrin, als Menschen anfingen sich zu verändern. Als man nicht mehr Danziger oder einer aus Zoppot war, sondern Pole oder Deutscher oder noch schlimmer, polnischer Jude. Als Schilder, die Hunde vom Strand fernhalten sollten, um die Wörter “Juden und Polen” erweiterter wurden.

Die Autorin nahm sich sehr viel Zeit aufzuzeigen, dass es nicht immer leicht war, als irgendwann die Leute dazu gedrängt wurden sich zu entscheiden, sich für eine Seite zu entscheiden. Jeder musste an sich und seine Familie denken, ans Überleben und abwägen, wie weit kann ich mitmachen und doch verheimlichen, dass ich nicht wirklich dazugehöre. Ab wann hatte man seine Seele der dunklen Seite verkauft? Konnte man durch gute Taten wieder Punkte auf der anderen Seite der Waagschale erhalten? Wie viel musste man dafür tun, um wiedergutzumachen? Etwas sein Leben opfern? Wo fängt Menschlichkeit an und wo hört sie auf?

Mit all diesen Fragen müssen sich Charlotte Roths Charaktere herumplagen und Entscheidungen treffen. Die, die sich eindeutig auf eine Seite geschlagen hatten gab es natürlich auch. Gefühlt war dies aber nicht die Mehrheit.

Beide Handlungsstränge sind mit tiefen Themen gespickt. Während es in der Vergangenheit darum ging, ob man zu Deutschland gehörte, mit Hitler sympathisierte, sich gegen alles wehrte oder irgendwo dazwischen stand, rückt in der Gegenwart der 60er Jahre die Aufarbeitung der Gräueltaten, die in den Konzentrationslagern geschehen waren, in den Vordergrund. Wandas Freund Andras bereitet Unterlagen und Zeugenaussagen vor, die aufzeigen sollen, was alles in Auschwitz passiert war und wer die Täter waren. Eine sehr schwere Aufgabe, die große emotionale Stärke von ihm forderte, um daran nicht kaputtzugehen.

Ich habe durch dieses Buch sehr viel gelernt. Auch war mir bis dato das Schiff “Die Wilhelm Gustloff” kein Begriff. Es war sehr interesant zu erfahren, dass dieser Urlaubsdampfer, auf dem Gundi und die Band spielten und ihr Leben genossen, bereits 1938 für den Krieg ausgestattet worden ist, der 1939 dann in Polen seinen Ursprung nahm.

Der Schreibstil der Autorin ist auch in diesem Buch wiederzuerkennen. Schöne Geschichte, ganz ausgeklügelt miteinander verbundene Handlungsstränge auf verschiedenen Zeitebenen und mit einem überraschenden Geheimnis und grandiosem Ende.

Einen klitze kleinen Abzug habe ich für die vielen Kosenamen und Verniedlichungen gegeben, die mir über das ganze Buch hinweg etwas zu viel waren. Im mittleren Teil hätte ein kleines Bisschen gestrafft werden können. Doch es war nicht richtig störend, sodass ich dies nicht sehr gewichtig bewertet habe.


Fazit

Ein Buch, das den Finger in ganz alte und immer noch schmerzende Wunden sticht. Das den*die Leser*in #GegenDasVergessen nach Polen führt und viele Grautöne in die übliche Schwarz-Weiß-Malerei bringt. Durch Gewissensfragen kann sich jeder selbst prüfen und seine Vorurteile überdenken. Alles in allem meisterhaft gelungen! Absolute Leseempfehlung!


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    1. Gerne! Ich habe die Verlinkungen heute nachgeholt. Deine Rezi hat mich daran erinnert, dass ich das Feld noch freigelassen hatte. Und da mir deine Rezi so gut gefallen hat, hab ich sie gleich eingetragen. 😉
      GlG, monerl

  1. Liebe Monerl,
    selbst wenn man sich ausführlich mit dieser Zeit beschäftigt hat (was ich im Detail auch nicht habe), kann eine Auffrischung der Tatsachen, die in einen unterhaltsamen Roman gekleidet ist, nicht schaden. Das Buch scheint ja viele Anregungen zu geben, sich selbst Gedanken zu machen. Jetzt im Nachhinein, wenn man sieht, wie sich alles entwickelt hat, weiß man natürlich, wie man sich hätte verhalten sollen. Steckt man aber in der Situation und hat keine Ahnung, wie sich die Zukunft gestaltet, wird es schon schwieriger. Man sieht es ja auch heute z. B. an der Asyldiskussion, dass man damit Weichen für die Zukunft stellt und gar nicht absehen kann, wie es endet.
    Mir hat Deine Rezension sehr gefallen und mich neugierig gemacht. Deshalb ist das Buch gleich mal auf meine Leseliste gewandert.
    LG Gabi

    1. Liebe Gabi,
      toll, dass ich dein Interesse für das Buch wecken konnte! In der Tat ist es so, wie du schreibst. Heute wissen wir, welches Verhalten richtig war. Doch keiner von uns steckte in der Haut der Menschen von damals. Und nicht alles sind gleich (mutig). Daraus lernen können wir auf jeden Fall, da es scheinbar wieder notwendig wird zu wissen, auf welcher Seite man steht. Ich finde, die Autor arbeitet sehr gut heraus, dass man zu einem bestimmten Zeitpunkt oftmals wirklich (noch) nicht wusste, was mit all den Menschen, die verschwanden und / oder eingesperrt wurden geschieht. Und jeder normale, anständige Mensch hat damals solche Gräueltaten keinen anderen Menschen zugetraut. Heute weiß man es, heute gäbe es diese “Ausreden” nicht mehr, finde ich. Ich habe “Ausreden” in Anführungszeichen gesetzt, da es natürlich auch Menschen gab, die es nicht wusste und andere wiederum taten bloß so, als hätten sie nichts gewusst.
      Falls du das Buch liest, gib mir Bescheid, wie du es gefunden hast.
      GlG, monerl

  2. Hi monerl,
    für mich ist das tatsächlich auch interessant, da meine Urgroßmutter aus Polen zur Arbeit nach Sachsen kam. Ich weiß nicht genau, welche Schwierigkeiten sie vielleicht im 2. WK hatte, meine Oma hat das auch nicht so genau mitbekommen.
    Ich frage mich manchmal schon, wie ich mich verhalten hätte. Ich wäre sicherlich kein Held gewesen, aber ich hoffe, ich hätte meine moralische Integrität beharrt. Nur sicher sein kann ich mir nicht, wenn ich nicht selber in der Situation stecke.

    1. Hi Daniela,
      so, wie ich deinen Kommentar lese, würde ich dir das Buch empfehlen. Es wird dir wahrscheinlich gefallen und Polen ein bisschen näher bringen. Ich fand das alles sehr, sehr spannend. Die Frage des Verhaltens zum Nationalsozialismus ist durch die unterschiedlichen Charakteres sehr gut ausgearbeitet worden. Ich wäre sehr an deinem Eindruck zum Buch interessiert! Leider kann ich es dir nicht ausleihen, da ich es als Hörbuch (Downoload) und als eBook auf dem Reader habe. 🙁 Ansonsten hätte ich es gleich zur Post gebracht.
      GlG, monerl

        1. Ganz klasse, Daniela! Freue mich total!
          “Scythe” werde ich auch demnächst hören. Bin schon sehr gespannt, ob die vielen positiven Meinungen von mir bestätigt werden können.

  3. Liebes Monerl, eine sehr ernst zu nehmende Rezi von Dir zu einem wirklich schmerzenden Punkt der deutschen Geschichte. Ich werde das Buch nicht lesen, habe das Thema von klein auf in der Schule gründlich und gut verstanden. Ein wenig stört mich bei dieser Autorin, dass sie laufend unter anderen Namen veröffentlicht. Die Themenauswahl passt zwar zu jedem Autorennamen, aber eigentlich hat Charlotte Lyne das überhaupt nicht nötig. Ich liebe viele Bücher von ihr!
    https://de.wikipedia.org/wiki/Charlotte_Lyne

    GLG Angela

    1. Liebe Angela,
      ich wusste tatsächlich nicht viel über den Krieg in Polen. Dass er dort begann und schrecklich war, klar. Aber so von innen heraus wusste ich bisher nicht viel. Das Buch fand ich deshalb gut und wichtig für mich. Insbesondere über das Schiff möchte ich noch mehr recherchieren. Es ist ja leider mit vielen tausenden Flüchtlingen untergegangen. Das möchte ich etwas intensiver nachlesen.
      Ja, die vielen Pseudonyme! Ich verstehe dich und mir geht es oft ähnlich wie dir. Soweit ich aber weiß, sind all die Pseudonyme der Autrorin offen und von den Verlagen gewünscht. Ich bräuchte das auch nicht. Und die Autorin muss sich leider fügen. Es gibt sogar noch 2, 3 mehr Namen, unter denen sie schreibt bzw. geschrieben hat, wenn ich mich richtig erinnere. Müsste nochmal nachschauen, falls es dich interessiert.
      GlG, monerl

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