wir schenken uns nichts
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[Buchvorstellung] Wir schenken uns nichts – MARTINE LOMBARD

4. Dezember 2019

#321 Rezension
#WirLesenFrauen

Buchbeschreibung

Johanna hat alles im Griff. Eigentlich. Die erfolgreiche Marketingfrau lebt und arbeitet seit Jahren mit ihrem noch erfolgreicheren Mann in einer westdeutschen Stadt. Doch als sie erfährt, dass ihre Schwester Alma nun mit ihrem unangepassten Jugendfreund Felix aus Dresden zusammen ist und ihr in der DDR lustlos absolviertes Kunststudium auf Schiebung beruhte, gerät ihr Leben aus den Fugen. Beherrscht von Eifersucht, Missgunst, Partnerpro­blemen, Verzweiflung und Angst verausgabt sie sich beruflich wie privat an der falschen Front. Martine Lombard erzählt von Geschlechterkampf und weiblicher Konkurrenz in einer männerdominierten Arbeitswelt, von der Macht der Familienbande und davon, wie die Vergangenheit die Gegenwart bestimmt.

 

Meine Meinung

Die Autorin greift in ihrem Romandebüt einige Themen auf, die derzeit leider immer noch aktuell sind.
– Das übergeordnete Thema Ost – West: Deutschland nach der Wende und welche Auswirkungen das auf die Menschen hatte. Hierfür dient das Schicksal der Protagonistin und ihrer Familie.
– Des Weiteren vertieft Martine Lombard das Problem vieler Frauen, die sich tagtäglich auf ihrem Arbeitsplatz beweisen müssen, und zwar deutlich mehr als ihre männlichen Kollegen.
– Zudem herrscht Eifersucht und Missgunst in der Beziehung der Protagonistin Johanna und ihrer Schwestern Alma.
– Eheprobleme und Kinderwunsch sind auch familiäre Themen, die Johanna zu bewältigen versucht.
– Was ist Heimat, was ist Familie, wie viel ist sie Wert, wenn man sich ganz weit voneinander entfernt hat?

Martine Lombard hat es sich und ihren Figuren nicht leicht gemacht. Unbequeme Themen, die zu unbequemen Charakteren führen und das Lesen nicht immer leicht machen. Die Probleme, die Johanna hat, sind essentiell und nicht von heute auf morgen lösbar. Sie treten so geballt auf, dass Johanna in großen innerlichen Stress gerät und dabei sich selbst und ihre Wünsche aus den Augen verliert.

Ihr ging es gut. Sie hat es aus dem Osten in den Westen geschafft. Hatte mit Stephan eine relativ gute Partie gemacht und gemeinsam haben sie eine große Firma als Arbeitgeber gefunden. Johanna hat einen Hund, ein Haus und doch ist sie nicht zufrieden, nicht glücklich. Ihr fehlt die Wertschätzung ihres Partners, im Büro, als auch die Anerkennung als Frau, die gerne Mutter wäre.

Und dann ist da noch Alma, die Schwester, ganz unscheinbar, ist damals mit Kind sitzengelassen worden, hat keine Ambitionen, keine Karriere, lebt noch im Osten und doch hat sie es irgendwie geschafft Johannas große Liebe Felix an Land zu ziehen. Den Felix, den die Eltern damals nicht akzeptierten und dessen künstlerische Ausbildungsbahn sie zerstört hatten. Den Felix, den sie nicht freiwillig aufgegeben hatte und den sie der Schwester deshalb nicht gönnen will.

Martine Lombard hat kein Buch mit Sympathieträgern geschrieben. Jeder hat sein Päckchen aus Vergangenheit und Gegenwart zu tragen. Waren damalige Entscheidungen richtig? Auch richtig unter den damaligen Prämissen? Wie kann und muss man heute damit umgehen? Was kann man verzeihen, welche Wunden können heilen und welche nie?

Johannas Selbstwertgefühl bröckelt als sie durch den Einblick in ihre Stasi-Akte und durch Gespräche mit ihrem Vater erfährt, dass sie Felix’ Kunst-Studienplatz bekommen hat, obwohl er der künstlerisch Begabtere war. Ist das der Grund, warum sie sich im Job irgendwie abgehängt fühlt? Hat sie jetzt, nachdem sie alles weiß, nicht doch noch ein Recht auf Felix?

Das Buch ist nicht immer leicht zu lesen. Öfters musste ich Pause machen und über das Gelesene nachdenken. Ich erfragte meine Gefühle zu den jeweiligen Charakteren. Der permanente Schmerz, den sie sich untereinander mal wissentlich, mal unwissentlich zuführen, geht nicht so einfach an einem vorbei, denn die Figuren sind einem ziemlich nah. Sie sind nicht überzeichnet oder aus der Welt gegriffen. Sie fühlen sich echt an, sie erinnern an Menschen aus dem näheren und weiteren Umfeld oder auch sogar aus der eigenen Familie. Sie reden und handeln erhrlich, deshalb auch nachvollziebar.

Durch die vielen Themen und Figuren gibt es keinen echten Fokus der Geschichte. Er wandelt sich je nach derzeitigem Schwerpunkt, was ich als kleine Schwäche empfinde. Manche Kapitelwechsel waren mir zu abrupt, da ich nicht auf Anhieb erkennen konnte, an welchem Punkt sich die Geschichte gerade befindet. Wer jetzt denkt, dass der Roman ihm wahrscheinlich zu hochgestochen sein könnte, liegt falsch. In alltäglicher, einfacher Sprache ist er für jede*n sehr gut verständlich geschrieben. Einzig über das Ende denke ich noch nach, denn ich bin mir nicht sicher, wie ich es finden soll.

 

Fazit

Ein Buch, für das man sich Zeit zum Lesen nehmen sollte, um es umfassend aufnehmen zu können und um sich die Gelegenheit zu geben, über die Fragen und die Geschichte nachzudenken. Ein Buch für Leser*innen, die sich auch an ungewöhnliche, andersartige oder auch ungewohnte Geschichten wagen wollen. Für alle, die nicht unbedingt Sympathieträger brauchen, um Geschichten zu lieben.


Weitere Rezensionen

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Ich danke dem Mitteldeutscher Verlag, der mir freundlicherweise das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

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