Wir verlassenen Kinder
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[Buchvorstellung] Wir verlassenen Kinder – LUCIA LEIDENFROST

10. Februar 2020

#337 Rezension
#WirLesenFrauen

 

Buchbeschreibung

Ein abgeschiedenes Dorf. Leere Bauernhöfe. Eine aufgelassene Schule. Die Erwachsenen haben nach und nach das Dorf verlassen. Zurückgeblieben sind die Kinder. Sie empfangen Pakete und Geld. Sie kochen, putzen und pflegen die Großeltern und kleinen Geschwister. Scheinbar soll Krieg herrschen rundherum. Als auch der einzige Lehrer das Dorf verlässt, beginnen die Kinder, ihre eigenen Gesetze und Regeln aufzustellen. Was harmlos beginnt, wird rasch zu einem System aus Gewalt und Macht, dem sich alle zu unterwerfen haben. Nur Mila will sich nicht beugen und wird zur Außenseiterin, die bis zum Ende für das Gute kämpft.Lucia Leidenfrost entwirft in ihrem ersten Roman eine unheimliche und vielstimmige Parabel. Das Dorf könnte überall stehen, zu jeder Zeit. Gerade das verleiht dem Roman eine durchdringende Aktualität. Doch so düster die Aussichten auch sein mögen, die Hoffnung leuchtet kraftvoll wie ein Stern in der Dunkelheit.

 

Meine Meinung

Die Autorin wirft die Leser*innen direkt ins Dorf der verlassenen Kinder. Schon sind wir mitten drin im Verlassen werden. Die vorletzten Eltern verabschieden sich von ihren Kindern.

“Jetzt steigen sie ins Auto, jetzt startet der Motor, jetzt fahren sie los. Mutter winkt aus dem offenen Fenster. Der Schotter spritzt, weil es Vater immer so eilig hat. Wir winken ihnen nach. Jetzt verschwinden die Eltern um die nächste Kurve. Wir stehen trotzdem da und winken noch immer. Jetzt hören wir das Auto schon nicht mehr. [ … ] Wir stehen allein da, sehen noch immer in die Kurve und können es nicht glauben: Unsere Eltern haben nicht einmal versucht, uns zu versprechen, dass sie uns mitnehmen werden.” (Buch S. 5f)


Und nun? Ein Dorf ohne Eltern. Die übrig gebliebenen Großeltern kümmern sich um die gesamte Kinderschar. Der Bürgermeister, das letzte Elternteil der Dorfgemeinschaft, ist der Vermittler zwischen Kindern und Eltern, die jetzt in der Stadt wohnen und arbeiten. Er hat das Telefon, über das die Familien hin und wieder zusammenkommen. 

Aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt Lucia Leidenfrost über das Schicksal der Kinder. Als Leser*in hat man somit einen Wissensvorsprung, der einem nach und nach das große Ganze präsentiert. Mila, eine der drei Töchter des Bürgermeisters, hat sich von der Gruppe der anderen Kinder abgesondert. Sie wehrt sich gegen eine homogene Gruppe aus Kindern, in der es keine echte Individualität mehr gibt. Milas Teil ist aus Sicht einer Erzählerstimme geschrieben. Alle übrigen Blickwinkel sind in der Ich-Form. Mila betrachtet man als Leser*in somit von außen und es erscheint, als würden alle anderen Charaktere versuchen die Leser*innen auf emotionaler Ebene für sich zu gewinnen. 

Der nüchterne Schreibstil von Lucia Leidenfrost bringt den Leser*innen zum einen eine gewisse Distanz zu dieser Ungerheuerlichkeit der Geschehnisse im Dorf und zum anderen gibt sie dadurch gleichzeitig ihrer Geschichte eine irrationale Normalität. 

Der Lehrer ist auch schon gegangen und die anfängliche Freude darüber schwenkt um in Langeweile, die die Kinder zu Taten treibt, deren Konsequenzen sie nicht vorhersehen können, die jedoch sehr schlimm sind.

Es gibt keine Anhaltspunkte, wo das Dorf verortet ist und zu welcher Zeit die Geschichte spielen könnte. Währen des Lesens fühlte es sich für mich an, als wäre ich in Russland. Dieses Gefühl vermitteln einem auch die Namen Mila und Juri als auch die sehr auf Landwirtschaft orientierte Dorfgemeinschaft und das Alltagsleben, das es früher einmal gab.

Doch wo sind die Eltern? In welcher Stadt sind die Eltern? Warum schreiben sie nur Briefe und schicken Pakete und kommen nie zu Besuch? Gibt es wirklich einen Konflikt oder Krieg, der öfters erwähnt wird?

Diese und auch andere Fragen werfen eine Spannung auf, die die Leser*innen bis zum Ende antreibt.

Die Autorin hat ein schreckliches aber auch faszinierendes Szenario entworfen. In diesem Rahmen erzählt sie die Geschichte sehr realistisch. Das Handeln der Kinder ist nachvollziehbar, das der Erwachsenen weniger.

Nicht alle Fragen werden beantwortet. Das Ende ist offen und lässt ein Nachdenken und Diskutieren zu.

 

Fazit

Eine Geschichte, die mich getroffen hat und aus der ich für mich einen Apell an Eltern herauslese, sich unbedingt um ihre Kinder zu kümmern, sie kindgerecht und unbeschwert aufwachsen zu lassen, sie mit Liebe zu überschütten und sie zu verwöhnen und immer für sie da zu sein. Auf Reichtümer kann verzichtet werden, auf die Liebe und die Bindung zu den Kindern nicht.

Auch wenn ich noch Antworten auf meine Fragen suche, bin ich sehr begeistert von der Idee und dem Schreibstil der Autorin und spreche unbedingt eine Leseempfehlung aus! Eine Geschichte, von der ich sehr, sehr gerne noch viele Seiten mehr hätte lesen wollen!

 

Weitere Rezensionen

– wird nachgetragen –

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Ich danke dem Verlag Kremayr & Scheriau sowie der Agentur Buch Contact, die mir freundlicherweise das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.
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  1. Hi Monerl,

    mich erinnert das Szenario ein bisschen an die Star-Trek-Classic-Folge “Miri, ein Kleinling”. Auch hier sind Kinder alleine. Zwar aus anderen Gründen, aber die Folgen sind auch nicht schön. Die Gesellschaft, die die Kinder aufbauen, ist gleichmacherisch und unterdrückend. Das stimmt mich nachdenklich.

    LG
    Daniela

    1. Hi Daniela,
      ich habe Star-Trek tatsächlich nur gesehen, nicht gelesen. Mochtest du die Folge “Miri, ein Kleinling”?
      Es ist schon krass im Buch, wie sukzessive ALLE Erwachsenen weg sind. Durch die Perspektivwechsel bekommt man auch die Sicht einiger Erwachene mit und staunt nicht schlecht. Kann dir das Buch auch sehr empfehlen.
      GlG, monerl

  2. Guten Morgen Monerl

    Das klingt nach einem sehr emotionalen Buch. Wie kann man denn seine Kinder allein lassen? Das den Kindern nichts Gescheites einfällt ist ja wohl klar! Beim Anfang deiner Rezi ist es mir kalt über den Rücken gelaufen. Die Kinder winken den Eltern nach, von denen sie gerade verlassen werden. Heftig. Eine informative Besprechung von dir. Ich werde das Buch mit Sicherheit lesen.

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag,
    Gisela

    1. Hallo liebe Gisela,
      ja, ist schon schrecklich! Insbesondere, da Kinder ja die Folgen ihres Handelns nicht absehen können. Sie lernen aus den Geschehnissen (bestenfalls). Und hier gab es einige schlimme Sachen, die nicht passiert wären, hätte es Erwachsene gegeben. Sehr traurig.
      Gib mir Bescheid, wenn du das Buch gelesen hast! Ich verlinke dich dann gerne. Dies ist ein Buch, über das man viel reden kann. Kann es mir auch als Schullektüre vorstellen.
      GlG und eine schöne Woche für dich!
      monerl

    1. Liebe Anja,
      auch mich hatte der Klappentext sofort gefangen und bin sehr froh, dass die Geschichte meine Erwartungen erfüllt hat. Sie ist sehr eigen und auch sehr eigen erzählt. Dieses Buch hätte ich gerne in einer Leserunde gelesen, um mich austauschen zu können. Ich finde, es gibt viel, über das gesprochen werden kann. Vielleicht hast du Lust, dich nach dem Lesen auszutauschen?! 🙂
      Bin schon sehr gespannt auf deine Eindrücke!
      GlG, monerl

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